ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - REZ: Morat ueber Noack

Dear List-Members,

here is another rezension from Noacks new EJ-biography
Best regards,
Jan Zimmermann 
__________________________________________________
>Paul Noack, Ernst Juenger. Eine Biographie, Berlin: Alexander Fest Verlag
>1998, 368 S.; ISBN: 3-8286-0024-7; DM 48.-
>
>Rezensiert fuer H-Soz-u-Kult von:
>Daniel Morat <dmorat@stud.uni-goettingen.de>
>Universitaet Goettingen
>
>Ernst Juenger ist nicht erst mit seinem Tod im Februar diesen Jahres zu einer
>historischen Figur geworden. Wie kaum ein anderer Schriftsteller bewegte er
>sich zeitlebens an der Schnittstelle von Literatur und Politik, von
>Philosophie und Zeitkritik. Geboren noch im Deutschen Kaiserreich, gestorben
>erst nach der Wiedervereinigung, spiegeln die Wendungen seines Lebens auch
>die der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
>
>Vom 'Augusterlebnis' 1914 bis zum Antiparlamentarismus und politischen
>Irrationalismus der Weimarer Jahre war es vielleicht gerade seine radikale
>Antibuergerlichkeit, die ihn zu einem Repraesentanten weiter Teile des
>deutschen Buergertums machte, welche das Projekt der Weimarer Republik im
>"buergerlichen Selbsthass" (1) scheitern liessen. Im Dritten Reich dann
>spiegelte seine vorsichtige Distanzierung, seine elitaer-aesthetische Version
>der 'inneren Emigration' und sein Glaube, in den Diensten der Wehrmacht
>'sauber' bleiben zu koennen, ebenfalls eine nicht nur im Buergertum, sondern
>auch im deutschen Adel weitverbreitete Haltung wider. In der Nachkriegszeit
>schliesslich gehoerte er zu denjenigen, die versuchten, durch das vorgeblich
>'heilsame Beschweigen' des Geschehenen um ein Schuldeingestaendnis
>herumzukommen. Durch eine metaphysisch-religioese Umdeutung des
>Nationalsozialismus als Ausdruck eines vermeintlich 'planetarischen'
>Nihilismus versuchte er, die eigene 'anarchische' Haltung zu rehabilitieren
>und seinen Frieden mit dem Humanismus und dem europaeischen Gedanken zu
>machen, ohne sich dabei zur Demokratie bekennen zu muessen. (2) In den
>siebziger und achtziger Jahren wurde er durch seine esoterische Technikkritik
>und sein Bekenntnis zum Drogenkonsum zu guter Letzt sogar fuer eine
>'postutopische Linke' anschlussfaehig, und passte sich als frueher Kuender
>des 'Posthistoire' in die postmoderne Theorielandschaft ein. (3) Gleichzeitig
>konnte er fuer die intellektuelle Neue Rechte zum Schutzpatron avancieren.
>Juengers Leben waere also tatsaechlich in weiten Teilen als eine
>'exemplarische Existenz' zu lesen, wie es sein Freund und Weggefaehrte Ernst
>Niekisch schon 1958 formulierte (4).  Hier ist vielleicht auch der Grund zu
>suchen, warum Juenger trotz vehementer Anfeindungen und berechtigter Kritik
>schon bald nach Gruendung der Bundesrepublik von vielen Politikern hofiert
>und mit Preisen und Ehrungen ueberschuettet wurde, wobei vor allen Dingen
>seit der Wiedervereinigung die in den Festlichkeiten zu seinem hundertsten
>Geburtstag gipfelnden Bemuehungen immer deutlicher wurden, ihn endgueltig in
>das nationale Pantheon der 'grossen deutschen Dichter' einzugemeinden. Kein
>Begriff ist in den Nachrufen von diesem Fruehjahr haeufiger zu finden als der
>der 'Jahrhundertgestalt'.
>
>Als solche nun versucht auch Paul Noack Juenger in seiner kein
>Dreivierteljahr nach dessen Tod vorgelegten Biographie zu portraetieren, in
>der er es sich zur Aufgabe macht, "die Linien eines grossen Lebens
>nachzuziehen"  (S. 8). Doch die Juenger-Literatur geht heute bereits ins
>Uferlose. Eine neuere Dissertation macht nicht weniger als fuenf verschiedene
>Interpretationsgruppen in der Juenger-Forschung aus: eine klassisch-
>werkimmanent vorgehende, eine psychoanalytische, eine geistesgeschichtliche,
>eine ideologiekritische und eine poetologische. (5) Fast jeder Teilaspekt von
>Juengers Leben und Werk scheint bereits Gegenstand einer Spezialuntersuchung
>gewesen zu sein. Was kann hier eine neue Biographie hinzufuegen?
>An erster Stelle faellt auf, dass Noack praktisch kaum unbekanntes Material,
>etwa aus dem Nachlass, sichten konnte und so gut wie keine neuen Erkenntnisse
>zutage foerdert. Auch 'graue Literatur' wie etwa die Juengerschen
>Zeitschriftenartikel der 20er Jahre zitiert er praktisch nie nach dem
>Original. Die abgedruckten Photos und Bilddokumente kennt man in der Regel
>schon aus anderen Publikationen. Als Hauptschwaeche des Buches erscheint es
>allerdings, dass Noack praktisch ueberhaupt keinen theoretischen oder
>methodischen Rahmen und im eigentlichen Sinn auch keine praezise
>Fragestellung hat. In seinem Bemuehen, das Leben Juengers moeglichst
>umfassend nachzuzeichnen, beruehrt er durchaus alle wesentlichen Punkte, man
>kann sich als Leser aber des Eindrucks nicht erwehren, dass er dabei seltsam
>an der Oberflaeche bleibt. Seine Bewertungen sind sehr verhalten und seine
>theoretische Enthaltsamkeit laesst ihn im einzelnen nur schwach
>argumentieren. So konzediert er etwa in dem Abschnitt "Juenger und die
>Frauen" durchaus Juengers emotionale Bindungsschwierigkeiten. Bis zu dessen
>pathologischem Maennlichkeitswahn, wie ihn Bernd Weisbrod unlaengst unter dem
>Stichwort des 'maennlichen Fundamentalismus' herausgearbeitet hat (6), kann
>er aber nicht vorstossen. Es scheint fast, als scheue Noack die starke These
>und als wolle er es sich mit niemandem verderben.
>
>Nun kann man sagen, dass diese Schwaechen bis zu einem gewissen Grade gerade
>auch die Staerken von Noacks Biographie sind. So versucht er nicht zu
>Unrecht, Ernst Juenger aus dem rein ideologischen Meinungsstreit zu befreien
>und jede Polemik in die eine oder andere Richtung zu vermeiden. Dabei gelingt
>es ihm durch eine einfuehlsame und angenehme Sprache durchaus, den 'Menschen
>Ernst Juenger'  hinter dem Werk und seiner Rezeption hervorscheinen zu
>lassen. Zudem hat man hier zum ersten Mal die Gelegenheit, Ernst Juengers
>Leben in seinem Verlauf von Anfang bis Ende nachzuvollziehen. Doch insgesamt
>ist der Ton etwas zu versoehnlich, scheinen die Untiefen dieses Lebens nicht
>wirklich ausgelotet.
>
>Auf diese Weise ist zwar keine schlicht apologetische Heldenverehrung
>entstanden, aber alles in allem ueberwiegt bei Noack doch die Sympathie fuer
>seinen Gegenstand, rueckt er Juengers Staerken und Errungenschaften staerker
>in den Vordergrund als seine Verfehlungen und spricht schliesslich von dem
>"Anspruch auf Achtung" (S. 332), den man Juenger nicht verwehren koenne.
>Somit erscheint Noacks Biographie beinahe wie ein verlaengerter Nachruf, mit
>dem erklaerten Ziel verfasst, Juenger "der Gruppe derer zuzugesellen, auf die
>ein Volk sich etwas zugute haelt" (S. 333). Doch dabei bleibt Juenger als
>'exemplarische Existenz'  im oben genannten Sinn groessten Teils
>unterbelichtet, wird weder sein Beitrag zur Barbarei dieses Jahrhunderts
>sichtbar, noch seine sich daran anschliessende aesthetische Weltflucht, in
>die ihm nicht wenige andere Deutsche folgten. Juengers Leben als
>'Jahrhundertgestalt' muss eben in erster Linie politisch gelesen werden, um
>seinen Platz im nationalen und kulturellen Selbstverstaendnis der deutschen
>Gesellschaft bestimmen und verstehen zu koennen. Hier steht eine umfassende
>Biographie, die Juenger gleichsam als oeffentliche Person in den Mittelpunkt
>rueckt, noch aus.
>
>Anmerkungen:
>(1) Krockow, Christian Graf von: Von deutschen Mythen. Rueckblick und
>Ausblick, Muenchen 1997, S. 91.
>(2) Vgl. dazu Laak, Dirk van: "Nach dem Sturm schlaegt man auf die Barometer
>ein..." Rechtsintellektuelle Reaktionen auf das Ende des "Dritten Reiches",
>in: Werkstatt Geschichte 17/1997, S. 25-44.
>(3) Vgl. dazu: Niethammer, Lutz: Posthistoire. Ist die Geschichte zu Ende?,
>Reinbek bei Hamburg 1989, S. 82-104.
>(4) Vgl. Niekisch, Ernst: Gewagtes Leben, Koeln / Berlin 1958, S. 192.
>(5) Gauger, Klaus: Krieger, Arbeiter, Waldgaenger, Anarch. Das kriegerische
>Fruehwerk Ernst Juengers, Frankfurt am Main u. a. 1997, S. 11.
>(6) Weisbrod, Bernd: Kriegerische Gewalt und maennlicher Fundamentalismus.
>Ernst Juengers Beitrag zur Konservativen Revolution, in: GWU 49/1998, S. 542-
>558.
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