ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - DIE SCHERE #23 - #24

Here are the next readings in our series, enjoy.

 DIE SCHERE

23

Der Beginn des Weges läßt sich bestimmen; Länge und Dauer bleiben
ungewiß. Der Weg läßt sich verkürzen, das Ziel hinausrücken; so das des
Lebens durch ärztliche Kunst. Auch das kann dem Schicksal unterstellt
werden.
	Einer Betrachtung, die den Weg für wichtiger hält als das Ziel und die
das Ziel als einen der möglichen Abschnitte des Weges erachtet, werden
sich weitere Fragen aufdrängen—vor allem diese: ob der Weg über das Ziel
hinausführt oder nicht.
	Erschöpft sich die Welle in der Brandung, oder gibt diese nur eine
Summa, die freilich hochbedeutend ist? Um

beim Bildschirm zu bleiben, der Wellen in Ton und Farbe, ja in Romane
umsetzt—ist er vielleicht nur ein Filter der Strahlung, der das
entbehrlich Gewordene vom Unentbehrlichen trennt? Die Fahrt ist beendet;
das Schiff wird verlassen, das Gepäck bleibt zurück.

24

Es spricht für Schopenhauers geistige Unbefangenheit, daß er sich
eingehend mit dem Grenzproblem des Zweiten Gesichts beschäftigt hat. Er
rechnet es dem »transzendenten Fatalismus« zu—der Überzeugung von der
Vorausbestimmung künftiger Dinge, die auf persönlicher Erfahrung beruht.
	Für Schopenhauer ist die Weltgeschichte eigentlich nur die Abfolge
zufälliger Konstellationen—real dagegen ist der Einzelne. Ihm allein
kommt eine unmittelbare metaphysische Beziehung zu. »Daher ist sein
Lebenslauf, so verworren er auch scheinen mag, ein in sich
übereinstimmendes, bestimmte Tendenz und belehrenden Sinn habendes
Ganzes, so gut wie das durchdachteste Epos.«



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