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Welt am Sonntag vom 7. Oktober 2001

Die Wut des Frontoffiziers

Buch-Tipp

Von Heimo Schwilk

Ber=FChmt geworden ist der Schriftsteller Ernst J=FCnger, der 1998 im Alter vo=
n fast 103 Jahren starb, durch seinen Kriegsbuchklassiker "In Stahlgewitte=
rn" (1920) und die Widerstandsparabel "Auf den Marmorklippen" (1939). Dass=
 er als junger "Nationalrevolution=E4r" in den zwanziger Jahren zahlreiche Z=
eitschriftenaufs=E4tze verfasste, in denen er gegen die Weimarer Republik Fr=
ont machte, ist bis heute nur dem kleinen Kreis der J=FCnger-Kenner und -Kri=
tiker bekannt. Zu Lebzeiten wollte Ernst J=FCnger die im Geiste eines gl=FChen=
den Nationalismus und aggressiven Antiliberalismus geschriebenen Texte nic=
ht wieder ver=F6ffentlicht wissen. Im Verlag Klett-Cotta, in dem auch das We=
rk J=FCngers erscheint, kommt jetzt ein Band heraus, der die zwischen 1919 u=
nd 1933 in diversen nationalistischen Organen publizierten Beitr=E4ge verein=
t (Ernst J=FCnger: Politische Publizistik 1919-1933, 850 Seiten, 98 Mark). D=
er Bonner Politikwissenschaftler Sven Olaf Bergg=F6tz hat die 145 Aufs=E4tze e=
diert und mit Erl=E4uterungen sowie einem umfangreichen biografischen Nachwo=
rt versehen.
Der hier vorabgedruckte Beitrag entstand 1925, als sich der Drei=DFigj=E4hrige=
 nach dem Abbruch seines Zoologiestudiums neu zu orientieren suchte. Die l=
ange aufgestaute Wut des hochdekorierten ehemaligen Offiziers =FCber die pol=
itischen und sozialen Verh=E4ltnisse entlud sich ab September 1925 in dutzen=
den von Artikeln, die J=FCnger im "Stahlhelm", der Verbandszeitschrift ehema=
liger Frontsoldaten, und in den Bl=E4ttern der radikalen Rechten (in der "St=
andarte" erschien am 15.11.1925 "Der Pazifismus") publizierte. Themen der =
brillant formulierten Essays, denen auch ein Klaus Mann Anerkennung zollen=
 musste, sind die Folgen von Versailles, die Idee des "neuen Nationalismus=
", die Begr=FCndung von Kampf und Krieg, der Niedergang des B=FCrgertums und d=
ie Notwendigkeit der Revolution.



Der Pazifismus (I)=20

In einem vergessenen und jetzt neu edierten Essay der 20er-Jahre "In Stahl=
gewittern" wird die pazifistische Idee als Wunschdenken entlarvt

Von Ernst J=FCnger

Blicke in stillen N=E4chten zum gestirnten Himmel empor, und suche Dich dabe=
i in jene m=E4chtigen Theorien des abendl=E4ndischen Denkens zu versenken, nac=
h denen ein gl=FChender Urnebel die Welten wie Geschosse in den Raum hinauss=
chleudert und der Kreislauf der Systeme sich unendliche Zeiten durch das W=
indspiel der ihnen innewohnenden Kr=E4fte in Ordnung h=E4lt, bis das alles wie=
der zu einem wirbelnden Chaos zusammengeschmettert wird, das neue Welten i=
n seinem feurigen Scho=DFe h=E4lt. Und dann blicke mit bewaffnetem Auge in die=
 Welt, die ein Wassertropfen umschlie=DFt. Du wirst in ihr dieselben Gesetze=
 von Spannung und Ausgleich wiederfinden. Du wirst darin Wesen entdecken, =
lichtgr=FCn oder glasklar, die sich in taumelnden und rollenden Bahnen beweg=
en, die ihren Raum zu beherrschen suchen und die ihre winzigen Organe zum =
Angriff oder zur Abwehr ausstrecken, wenn ihnen das Fremde entgegentritt. =
Blicke in den fr=FChlingsgr=FCnen Wald, der das Leben selbst zu verk=F6rpern sch=
eint, und =FCberlege Dir, da=DF jeder einzelne Baum und jeder kleinste Halm in=
 einem erbitterten Kampf um Licht und Nahrung erwachsen ist. Wirf Dein Net=
z aus in die tiefsten, dunkelsten Abgr=FCnde des Meeres, und Du wirst Wesen =
herausziehen, mit riesigen M=E4ulern, mit Scheinwerfern, welche die Beute su=
chen, und mit Fangarmen, welche sie w=FCrgend ergreifen sollen. Stelle einen=
 beliebigen Gegenstand vor Dich hin, und mache Dir dabei ganz klar, da=DF do=
rt, wo dieser Gegenstand steht, kein anderer stehen kann, da=DF er durch die=
 reine Tatsache seiner Existenz schon andere Existenzen beeintr=E4chtigen mu=
=DF, und sei es nur die der Luft, die er nur durch =DCberwindung eines Widerst=
andes verdr=E4ngt, den Du vielleicht nicht wahrnimmst, der aber trotzdem bes=
teht.
Und dann blicke hinein in Deine eigene Existenz. Jeder Deiner Schritte geh=
t =FCber das Leben selbst. Jeder L=F6ffel voll Nahrung, den Du zu Dir nimmst, =
bedeutet Leiden und Untergang der lebenden Kreatur, bedeutet die Verdr=E4ngu=
ng und Verletzung eines fremden Rechts. Jeder Schnitt, den die Sense tut, =
jeder Axthieb, der in den Schlachth=E4usern f=E4llt, wird gegen das volle Lebe=
n gef=FChrt. Du f=FCrchtest eine Krankheit und kochst Dein Trinkwasser ab: Das=
 hei=DFt, da=DF Du unz=E4hlige Lebewesen Deiner pers=F6nlichen Sicherheit wegen zu=
 einem langsamen und qualvollen Tode verdammst. Du bist wirklich krank gew=
orden, und der Arzt spritzt Dir ein Gegengift ins Blut, das hei=DFt, da=DF geg=
en Armeen von Bakterien eine Entscheidungsschlacht geschlagen werden soll.=
 Oder Du wirst durch eigene Kr=E4fte gesund: Die Abwehrstoffe Deines K=F6rpers=
 haben den eingedrungenen Feind vernichtet. Willst Du Dir Vorw=FCrfe machen =
deshalb=3F Dann geh hin und stirb. Solange Du lebst, =FCbst Du Recht aus, und =
das hat unweigerlich die Verdr=E4ngung anderer, schw=E4cherer Arten des Rechte=
s zur Folge.

Alles Leben unterscheidet sich und ist schon deshalb kriegerisch gegeneina=
nder gestellt. Im Verh=E4ltnis des Menschen zu Pflanzen und Tieren tritt das=
 ohne weiteres hervor, jeder Mittagstisch liefert den unwiderleglichen Bew=
eis. Das Leben =E4u=DFert sich jedoch nicht nur im Kampfe der Arten untereinan=
der, sondern auch im Kampfe innerhalb der Arten selbst. So steht auch der =
Mensch, wann und wo es auch sei, im Kriege wie im Frieden in einem unaufh=F6=
rlichen Kampfe gegen den Menschen selbst. In jeder Stellung, in jeder Stuf=
e, die der Einzelne erklimmt, in jedem Schritt, den er tut, liegt die Verd=
r=E4ngung von anderen, m=F6ge sie auch ebensowenig wahrnehmbar sein wie die Ve=
rdr=E4ngung der Luft durch jenen Gegenstand, von dem eben die Rede war. Es i=
st z. B. ein wahrer Satz, da=DF das Gesch=E4ft das Geld anderer Leute ist. Auc=
h hinter den scheinbar friedlichsten Einrichtungen, wie hinter der moderne=
n Reklame oder hinter der Polizei, steckt doch ein ganz unerbittlicher Wil=
le zum Kampf. Durch Gesetze, Vereinbarungen, Zusammenschl=FCsse, kurz durch =
den sozialen Kontrakt, wird dieser Kampf latent und weniger sichtbar gemac=
ht, aber wie schneidend seine Waffen sind, das wei=DF jeder Einzelne. Dassel=
be gilt f=FCr das Verh=E4ltnis der Staaten unter sich. Das Gegenteil behaupten=
 hie=DFe sich Lebenseinheiten denken wollen, die den Gesetzen des Lebens nic=
ht unterworfen sind. Das sind utopische Konstruktionen theoretisierender G=
ehirne ohne Fleisch und Blut. Man k=F6nnte dar=FCber hinweggehen, ohne ein Wor=
t zu verlieren, und die Tatsachen sprechen lassen, wenn es nicht n=F6tig w=E4r=
e, die Ergebnisse des Verstandes ununterbrochen mit der Wirklichkeit in Ei=
nklang zu halten. So ist es erfreulich und wohl auch bezeichnend f=FCr eine =
neue Wendung in allen Schichten, da=DF in diesen Tagen ein Buch eines modern=
en Philosophen, Freyer (der Soziologe Hans Freyer ver=F6ffentlichte 1925 "De=
r Staat", d. R.), erschienen ist, in dem in sehr geistiger Weise nachgewie=
sen wird, da=DF alle Ma=DFnahmen der Politik, bewu=DFt oder unbewu=DFt, auf den Kr=
ieg berechnet sind. B=FCndnisse, Vertr=E4ge, internationale Abmachungen, das a=
lles sind F=FChlh=F6rner, Tastf=E4den und Vorbereitungen der absoluten Macht. Un=
d wenn k=FCrzlich im Simplicissimus (M=FCnchner politisch-satirische Zeitschri=
ft, d. R.) ein Bild erschien mit der Unterschrift, da=DF "vor und nach dem K=
riege die Diplomaten zusammen zu fr=FChst=FCcken pflegen", so ist das eine Wah=
rheit in der Fassung eines grimmigen Humors. Die Kanonen sind nicht dauern=
d im Feuer, aber sie sprechen immer mit. Auch Schopenhauer w=E4re hier zu zi=
tieren mit seiner Fabel von der Gesellschaft der Stachelschweine, die sich=
 f=FCr gew=F6hnlich so weit auseinanderhalten, da=DF eine mittlere Temperatur en=
tsteht, aber da=DF diese Entfernung und Abgrenzung nur durch die aufeinander=
 gerichteten Stacheln und ihre empfindlichen Stiche aufrecht erhalten wird=
.

Was innerhalb der Staaten der soziale Kontrakt bewirkt, die Regelung der S=
pannungen zwischen den Individuen, das leistet im Verh=E4ltnis der Staaten u=
ntereinander die Politik. Das alles sind Binsenweisheiten, deren G=FCltigkei=
t jedoch der Geist wie immer in Zeiten gro=DFer Ersch=FCtterung, so auch in de=
r unseren, durch neue Fragestellungen erproben will. Rezepte aller Art lie=
gen nat=FCrlich bereits fix und fertig vor. Das gro=DFe Heilmittel gegen die S=
pannung innerhalb des Staates selbst gefunden zu haben, beansprucht der Ko=
mmunismus, das gegen die Spannungen der Staaten gegeneinander der Internat=
ionalismus, und das gegen den Krieg speziell der Pazifismus.

Da=DF der Frontsoldat kein Pazifist sein kann, ist selbstverst=E4ndlich. Aber =
er besitzt die Pflicht, sich mit dem Pazifismus zu besch=E4ftigen und gegen =
ihn in Stellung zu gehen, denn durch ihn wird er in seiner sittlichen Halt=
ung unmittelbar angegriffen. Zun=E4chst mu=DF noch ein wichtiger Unterschied k=
largestellt werden, der zwischen Friedensliebe und Pazifismus. Friedlieben=
d ist im Grunde jeder anst=E4ndige Mensch, und auch der Frontsoldat rechnet =
sich nicht zu den Raufbolden, denen es ein besonderes Vergn=FCgen macht, sic=
h den Sch=E4del einschlagen zu lassen. Aber der Pazifismus setzt den Frieden=
 als sein h=F6chstes Ziel, w=E4hrend der Frontsoldat glaubt, da=DF es Werte gibt=
, um die mit allen Mitteln gek=E4mpft werden und f=FCr die jedes Opfer gebrach=
t werden mu=DF. Beide Haltungen entspringen bestimmten Willensrichtungen, un=
d beide bauen sich nat=FCrlich ihre weltanschaulichen Ger=FCste auf den Fundam=
enten dieses Willens auf. Vielleicht ist es bei dem beschr=E4nkten Raum am b=
esten, das Bruchst=FCck eines Gespr=E4chs einzuschalten, wie es =E4hnlich in uns=
erer Zeit unz=E4hlige Male gef=FChrt werden mag. - - -


Der Pazifismus (II)=20

Fortsetzung

A.: "Wie k=F6nnen Sie mich einen Sch=E4dling nennen=3F Sehen Sie denn nicht ein,=
 da=DF ich nur das Beste will=3F Wie k=F6nnen sittliche Forderungen =FCberhaupt sc=
h=E4dlich sein=3F Forderungen, die durch die gr=F6=DFten Gefahren vertreten worden=
 sind=3F Verfolgen Sie doch nur die Geschichte, ich meine nat=FCrlich die eige=
ntliche und wesentliche Geschichte der Menschheit, die Geschichte der Vern=
unft und der Kultur und nicht die des kriegerischen Wahnsinns, die sich wi=
e ein blutiger Strom durch die Zeiten zieht und durch die leider noch in f=
ast allen unseren Schulen das Denken und Empfinden schon von Kind auf verg=
iftet wird. Auch Sie geh=F6ren zu jener kritiklosen Masse, die planm=E4=DFig zum=
 Kanonenfutter erzogen worden ist. Lernen Sie doch denken, versuchen Sie n=
ur einmal den Bann Ihrer angeborenen Vorurteile von sich abzustreifen! Der=
 sittliche Mensch ist auf dem Marsch. Fr=FCher glaubte man ebenso steif und =
fest, da=DF es Hexen g=E4be, die auf Besenstielen ritten, wie Sie jetzt daran =
glauben, da=DF es Krieg geben mu=DF. Es mu=DF aber keine Kriege geben! Denken Si=
e daran, da=DF es S=F6hne von M=FCttern sind, die sich gegenseitig niederschie=DFe=
n. Seien Sie ganz ehrlich, und geben Sie zu, da=DF auch Sie im Grunde Ihrer =
Seele wohl f=FChlen, da=DF es unsittlich und barbarisch ist, Menschen zu t=F6ten=
, zu blenden oder zu verst=FCmmeln - Menschen, von denen auch Sie einer sind=
."
B.: "Wenn ich das zugeben wollte in dem Sinne, den Sie meinen, m=FC=DFte ich m=
ich als einen Verbrecher bezeichnen. Ich pers=F6nlich habe in dem letzten Kr=
ieg Menschen get=F6tet, ich habe das als meine Pflicht angesehen und mache m=
ir noch heute keinen Vorwurf daraus. Aber wir d=FCrfen unserer Unterhaltung =
nicht den wechselnden Ma=DFstab von Sittlichkeitsbegriffen zu Grunde legen. =
Unser bis zum Relativismus gesteigertes Bestreben nach Objektivit=E4t hat un=
s seit nun fast hundert Jahren davon =FCberzeugt, da=DF auch die Sittlichkeit =
nichts Absolutes, sondern da=DF sie vielmehr eine Funktion sehr verschiedene=
r Kr=E4fte ist, die zu den Breitengraden, den Menschen und ihrer Zeit in ein=
er ganz bestimmten und ver=E4nderlichen Beziehung steht. Sie verfechten eine=
 Idee, die pazifistische, und ich nehme an, da=DF Sie Ihre Idee f=FCr gr=F6=DFer u=
nd m=E4chtiger halten als Ihre eigene Person, da=DF Sie den Willen haben, ihr =
jedes Opfer zu bringen, da=DF Sie also z. B. die Konsequenzen ziehen w=FCrden,=
 wenn der Staat die pazifistische Bet=E4tigung schwer bestrafen w=FCrde, was i=
n seinem eigensten Interesse zu hoffen ist. Sie w=FCrden es andererseits auc=
h f=FCr Recht halten, wenn die Anh=E4nger des Krieges mit Gewalt an dem verhin=
dert w=FCrden, was Sie einen Wahnsinn nennen=3F Nun, ich bin ganz in derselben=
 Lage, nur da=DF meine Idee die nationale ist. Wir k=F6nnten also das Gespr=E4ch=
 schlie=DFen, das doch zu keinem Ergebnis f=FChren kann."

A.: "Aber lieber Freund, speisen Sie mich doch nicht so billig ab! Nat=FCrli=
ch ist eine Idee wichtiger und wertvoller als der einzelne Mensch. Aber do=
ch nur eine richtige Idee! Keine Idee, die verstaubt und vermottet ist wie=
 die alten Fahnen, die in den Zeugh=E4usern h=E4ngen! Sie werden doch nicht ve=
rlangen, da=DF sich jemand z. B. f=FCr die Idee von Sch=F6ppenstedt (dort soll E=
ulenspiegel sein Unwesen getrieben haben, d. R.) totschie=DFen lassen soll. =
Das, was Sie die nationale Idee nennen, ist heute veraltet wie die Kleinst=
aaterei; es ist zu einer Art Verkehrshindernis geworden, das der Fortschri=
tt der modernen Verkehrsmittel fr=FCher oder sp=E4ter beseitigen mu=DF. Ich will=
 zugeben, da=DF es keine absolute Sittlichkeit gibt, da=DF sogar der Hexenproz=
e=DF im Rahmen der mittelalterlichen Landschaft notwendig war, da=DF auch die =
Kriege ihre Berechtigung hatten, aber wir leben heute nicht mehr im Mittel=
alter. Denken Sie biologisch, und verfolgen Sie, wie sich die Lebenseinhei=
ten zu immer gr=F6=DFeren Komplexen zusammenschlie=DFen. Die vereinigten Staaten=
 von Europa sind eine biologische Notwendigkeit, die Idee des V=F6lkerbundes=
 ist der erste, unvollkommene Schritt zu diesem Ziel, das wiederum zu den =
vereinigten Staaten des Erdballs f=FChren wird. Denken Sie fernerhin =F6konomi=
sch an den Krieg als an eine ma=DFlose Energieverschwendung, die schon das l=
etzte Mal auch f=FCr den Sieger keinen Erfolg brachte, welcher der H=F6he des =
verbrauchten Kapitals auch nur im mindesten entspricht, ganz abgesehen von=
 anderen Werten, die sich nie wieder ersetzen lassen. K=F6nnen Sie auch nur =
einem einzigen Menschen das Augenlicht wiedergeben=3F Nein, heute ist der Kr=
ieg nicht einmal mehr ein Gesch=E4ft!"

B.: "Ich kann beim besten Willen in der Idee der Nation ebensowenig etwas =
Veraltetes entdecken wie etwa in der Familie, an der die Aufkl=E4rung ja auc=
h schon lange genauso zu r=FCtteln versucht. Sie sprechen zu verstandesm=E4=DFig=
 =FCber Kreise, in die man hineingeboren wird. Sie m=FCssen damit rechnen, da=DF=
 der nationale Mensch seinem Lande ebensowenig objektiv gegen=FCberstehen ka=
nn wie Sie vielleicht Ihrer Mutter oder einer anderen Person, der Sie gef=FC=
hlsm=E4=DFig verbunden sind. Und da Sie das biologische Gebiet ber=FChren, so we=
rden Sie gut tun, darin eine biologische Tatsache zu erblicken, die sich i=
m letzten Krieg durch viele Millionen Tote aller kriegf=FChrenden Nationen b=
est=E4tigt hat."

A.: "Die f=FCr einen schrecklichen Irrtum gefallen sind."

B.: "Irrtum oder nicht, jedenfalls steht die Tatsache fest, da=DF der Mensch=
 jeder Nation mit allem, was er hatte und war, in diesen Krieg gezogen ist=
. Auch die Tatsache, da=DF Sie ihre Fragestellung diesem Ereignis verdanken =
und da=DF der V=F6lkerbund, den Sie so begr=FC=DFen, undenkbar w=E4re ohne den vorau=
sgegangenen Krieg. Biologisch ist der Kampf eine Lebensform von vornherein=
. Und wenn ich mir rein verstandesm=E4=DFig vielleicht gr=F6=DFere Einheiten als d=
ie der Nation vorstellen kann, so ist es mir ganz undenkbar, da=DF sie nicht=
 den Gesetzen der Macht unterworfen sein sollten, die immer bis an ihre =E4u=
=DFersten Grenzen geht. Jede Kraft besitzt nur Sinn auf einen Gegensatz. Auc=
h der V=F6lkerbund hat in seinen Statuten den Krieg vorgesehen, und wenn der=
 Zusammenschlu=DF der ganzen Erde erfolgen sollte, so k=F6nnte das nur zu eine=
r riesigen Verwesung f=FChren wie zu der des r=F6mischen Imperiums, als keine =
Macht ihm mehr gegen=FCberstand. Ein Dasein ohne Spannungen und Kampf, das i=
st ein Dasein ohne Sinn. Es ist m=F6glich, da=DF am Ende jeder Kultur ein gro=DF=
es, =FCberragendes Reich steht, aber damit deutet sich eben bereits das Ende=
 an. Sie sehen im Kriege nur die Vernichtung, nicht die Geburt. Auch die F=
rage der Kosten kann keine Rolle spielen: Es gibt Dinge, f=FCr die kein Prei=
s zu hoch ist, selbst nicht der =E4u=DFerste des heroischen Unterganges!"

A.: "Sprechen Sie doch nicht von Heroismus und von pers=F6nlichem Mut! Die Z=
eiten sind vorbei. Lesen Sie von General von Sch=F6naich (Franz von Sch=F6naic=
h war 1906-11 =F6sterreichischer "Reichskriegsminister", d. R.), der als alt=
er Soldat die Dinge verstehen mu=DF, die Schrift =FCber den Krieg vom Jahre 19=
30, aus der Sie sehen werden, wie der Fortschritt der technischen Mittel, =
vor allem des Gaskrieges, zu einer sinnlosen gegenseitigen Vernichtung und=
 zu einem zwecklosen Leiden f=FChren mu=DF, das sich keine Phantasie ausmalen =
kann."

B.: "Ich habe sie gelesen, aber ich kann nicht einsehen, was der technisch=
e Fortschritt mit der sittlichen Haltung zu schaffen haben soll. Selbstver=
st=E4ndlich wird jeder Krieg ausgetragen mit den Mitteln seiner Zeit, und ei=
n Geschlecht, das Maschinen baut, wird sich auch im Kampfe sein technische=
s Arsenal nutzbar machen. Da der Krieg schon immer auch die M=F6glichkeit de=
s v=F6lligen Unterganges umfa=DFte, so wird auch in Zukunft nicht anzunehmen s=
ein, da=DF die R=FCcksicht auf seine Schrecknisse, wie gro=DF sie auch sein m=F6ge=
n, ein entschlossenes Volk zur=FCckhalten wird. Es gibt im Bereiche der M=F6gl=
ichkeiten nichts, was man nicht vom Menschen erwarten d=FCrfte.

Au=DFerdem, wenn Sie den Fortschritt des Pazifismus von dem Fortschritt in s=
ittlicher Erkenntnis abh=E4ngig machen wollen, so m=FCssen Sie zugeben, da=DF ge=
rade die fortgeschrittenen V=F6lker sich den weniger fortgeschrittenen gegen=
=FCber schw=E4chen m=FCssen. Vergleichen Sie daher die Exekutivaufgabe des V=F6lke=
rbundes mit denen der Polizei, so m=FCssen Sie mir zun=E4chst erkl=E4ren, warum =
die Polizei bis heute noch nicht die Verbrechen abgeschafft hat. Ihr V=F6lke=
rbund wird seine Kriege im Bewu=DFtsein des absoluten Rechts f=FChren und nach=
 Anwendung eines gewissen Zeremoniells - aber so weit waren wir 1914 auch =
schon."

A.: "Ich sehe, Sie sind hoffnungslos in Ihre militaristische Ideologie ver=
rannt."

B.: "Ich habe mich bem=FCht, beim Tats=E4chlichen zu bleiben."

A.: "Die Tatsachen werden durch den Geist bestimmt."

B.: "Der Geist wird sich immer mit allen Mitteln zu verwirklichen suchen."=


A.: "Das wird auch der Pazifismus tun."

B.: "Sie wollen also dem Kriege den Krieg erkl=E4ren=3F"

A.: "Ja!"

B.: "Das ist ein Wort, das sich h=F6ren l=E4=DFt."=20

Ernst J=FCnger (1895-1998)


=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=
=5F=5F=5F=5F
Sie surfen im Internet statt im Meer=3F Selbst schuld!
Auf zum Strand: http://lastminute.de/=3FPP=3D1-0-100-105-1



Markup © John King, July 2001.