ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - Re: Oligophrenia

Thomas Friese wrote:
> 
>..... Here, with my emphases, is a particularly relevant passage: 
>
 >       "Prognoses have been made which contend that our technology
will terminate in >pure necromancy, If so, everything we now experience
would be only a departure and >mechanics would become refined to a
degree that would no longer require any crude >embodiment. Lights,
words, yes even thoughts would be sufficient. Clearly the Zapparoni
>films had very nearly realized such a future. The dreams of old Utopians were >coarse-grained in comparison. With the freedom and elegance of dancers, the automatons >had opened up a world of their own. Here a principle operative only in dreams - namely, >that matter thinks- seemed to be realized."  
 >               Pg. 28-29, from the Noonday Press 1991 translation.

" Es gibt Prognosen, die behaupten, dass unsere Technik eines Tages in
reine Zauberei ausmünden wird. Dann wäre alles nur Anlauf, an dem wir
teilnehmen, und die Mechanik würde sich in einer Weise verfeinert haben,
die grober Auslösungen nicht mehr bedarf. Lichter, Worte, ja fast
Gedanken würden hinreichen. Ein System von Impulsen durchflutete die
Welt. Die Zapparoni-Filme näherten sich solchen Prognosen deutlich an.
Was alte Utopisten ersonnen hatten, war demgegenüber grobdrähtig. Die
Automaten hatten eine Freiheit und  tänzerische Eleganz gewonnen, die
ein eigenes Reich erschloss. Hier schien verwirklicht, was man zuweilen
im Traum zu fassen glaubte: dass die Materie denkt. "

Dies ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie auch die beste
Uebersetzung dem Original nicht gerecht werden kann. Gerade die Prosa
von Ernst Jünger zeichnet sich ja durch ihre Stereoskopie aus. Die eine
Ebene, nämlich die platte Beschreibung, wurde in dieser Uebersetzung
ganz gut getroffen. Die andere Ebene, nämlich die metaphysische
Durchdringung der oberflächlichen Beschreibung durch ästhetische,
moralische, befürchtende, warnende und auch ablehnende Wertungen,
entzieht sich der Uebertragung. Sie ist allein durch die einmalige
stilistische und sprachliche Sicherheit dieses Dichters bestimmt, mit
welcher er das Klima schafft, in welchem sein Text verstanden werden
soll. 

Ernst Jünger hat ja nicht nur während dieses Jahrhunderts (das von 1914
bis 1989 dauerte) stets Tagebuch geführt, sondern er hat sich auch immer
zur laufenden und unmittelbar bevorstehenden kulturellen, politischen,
technischen und philosophischen Entwicklung mit aller Klarsichtigkeit
geäussert. In diesem Sinn haben Sie mit Ihrer Deutung schon recht:
Gemeint ist durchaus die Welt der Elektronik, der Computer und der
vernetzten Informationswelt, wie wir sie heute kennen. Aber bedenken
Sie: Vor dreissig Jahren konnte sich kein Mensch dies in den
Einzelheiten vorstellen. Ich habe kürzlich Fahrenheit 451 wieder
gesehen: In diesem Film kommt kein einziger Computer vor. Aber: Ich
trage heute einen Phonophor erster Klasse in meiner Tasche (Marke
Ericsson), ich bin gegenwärtig mit einer Art Luminar beschäftigt, über
welchen Sie diese Nachricht gleich erreichen wird. Ich versuche, zu
Handen des Punktamtes, auf meinem Computer meine Angelegenheiten zu
regeln, und ich muss hoffen, dass nicht eine der realen bösartigen
gläsernen Bienen, nämlich etwa ein Computervirus, diese Tätigkeit
zunichte machen wird.  

Mit freundlichen Grüssen, Ulrich

P.S. Statt des Namens Zapparoni, der an Feltrinelli, Agnelli und
vielleicht auch an Olivetti anklingt,  können Sie sich heute getrost
Bill Gatesby vorstellen


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