ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - EJ im Zeit-Magazin

Dear List-members

in this weeks Zeit-Magazin (Nr.47/1998, supplementary to Die Zeit) EJ is
the one who has to be identified in the weekly puzzling question "Tratschke
fragt: wer war´s?":

"Seinem ersten Sohn, der seit einigen Wichen als Marinehelfer
dienstverpflichtet war, schrieb er: "...gestern legte ich in ein Päckchen
von Mama für Dich mit ein: zwei Pfeifen, einen Tabaksbeutel und ein
Päckchen Tabak. Die Pfeifen sind aus Bruyèreholz geschnitten, die Wurzel
von Erica arborea oder der baumförmigen Heide, die ihrer Härte wegen am
besten dafür geeignet ist. Die Mundstücke sind aus gutem Horn; es dauerte
deshalb auch einige Zeit, bis ich sie fand.
Du glühst sie am besten mit Kohle aus und bläst dann langsam eine Füllung
von Tabak von unten her durch, um Dir das unagenehme Anrauchen zu ersparen.
Ich kaufte zwei, damit Du sie kalt werden lassen kannst. Doch rauche nicht
zuviel, da sicher Deine Leber noch empfindlich ist.
Fünf Monate später wurde der Sohn festgenommen, wegen zersetzender Kritik
am System, für die es angeblich verschiedenen Zeugen gab. Der Vater erfuhr
in Paris davon und, heißt es in einer neuen Bigraphie, "legte
augenblicklich alle Energie in den Versuch, bei den mit dem Fall befaßten
Stellen in Wilhelmshaven das Gewicht seines Namens geltend zu machen. Die
Orden an die Brust geheftet, fährt er nach Deutschland, um seinen Sohn im
Gefängnis zu besuchen." Als er zu seinem Sohn gelassen wurde, soll er
gesagt haben: "Das sind die Gelegenheiten, bei denen man seine Orden noch
anlegen kann: wenn man seinen Sohn im Gefängnis besuchen kann."
Er hatte viele Orden, einige - darunter den höchsten, der stets tiefen
Eindruck machte - noch aus dem vorigen Krieg.
Un so gelang es ihm, daß die dem Sohn drohende Gefängnisstrafe in eine
Frontbewährung umgewandelt wurde. Auf dem Weg ins Kampfgebiet ergab sich
für den Sohn die Möglichkeit, den Vater noch einmal zu sehen. Danach hörten
die Elternm nichts mehr von izhm, bis am 11. Januar 1945 die Todesnachricht
kam. Am folgenden Tag schrieb der Vater ins Tagebuch: Er ist tot, gefallen,
mein gutes Kind, schon seit dem 29. November des vorigen Jahres tot!"
Und am nächsten Tag schrieb er: "Der liebe Junge hat den Tod gefunden...;
er war achtzehn Jahre alt. Er fiel durch Kopfschuß bei einer
Spähtruppbegegnung im Marmorgebirge von Carrara in Mittelitalien und war,
wie seine Kameraden berichteten, sofort tot. Sie konnten ihn nicht
mitnehmen, brachten ihn aber kurz darauf mit einem Panzerwagen ein. Auf dem
Friedhof von Turigliano bei Carrara fand er die letzte Ruhestatt. Der gute
Junge. Von Kind auf war es sein Bestreben, es dem Vater nachzutun. Nun hat
er es gleich beim ersten Male besser gemacht, ging so unendlich über ihn
hinaus."
Und dann fügte er noch einen Absatz hinzu: "War heute in der kleinen
Bodenkakmmer, die ich ihm abgetreten hatte und in der noch ganz seine Aura
war. Trat leise ein, als in ein Heiligtum. Fand unter seinen Papieren dort
ein Tagebüchlein, beginnend mit dem Motto: ´Der kommt am weitesten, der
nicht weiß, wohin er geht.´"
Zwei Tage später hielt er diese Gedanken im Tagebuch fest: "So manches an
seinem Tode gleicht einem Räütsel, das schwer zu lösen ist. Was hat es denn
zu bedeuten, daß es ihn in demselben Jahre den Händen der Tyrannis zu
entreißen gelang? Das stand unter so günstigen Zeichen; alle guten Kräfte
wirkten wie in geheimer Verschwörung dazu mit. Doch sollte er vielleicht
vor seinem Tode dieses Zeugnis geben und sich bewähren in der eigentlichen
Sache, der nur so wenige gewachsen sind."
Er war unsicher, und nach einer Woche nahm er diesen Gedanken wieder auf:
"Während ich von dem toten Vater häufig und sinnvoll träume, bleibt es ganz
dunkel um den Sohn. Es scheint um seinen Tod noch etwas Ungelöstes,
Unversöhntes zu wittern, noch etwas Friedloses." Und unvermittelt fügt er
hier einen Traum seiner Frau hinzu: Sie "hatte in der verwichenen Nacht den
ersten deutlichen Traum von ihm. Sie war in einem Krankenhaus und traf ihn
auf dem Gange; er erschrak, als er sie sah. Er war schon sehr schwach und
starb in ihren Armen; sie hörte, wie der Todesschweiß plätscherte."
Trost fanden sie einige Zeit später, als die Flüchtlinge aus dem Osten
kamen, "der Heimstadt beraubt und ohne Nachricht von den Nächsten, die
vielleicht seit langem nicht mehr am Leben sind. So war die Tatsache, daß
wir seinen Tod erfuhren, noch ein Glück für uns."
Er hat den geliebten Sohn, dem eine Gefängnisstrafe vielleicht besser
bekommen wäre als die Frontbewährung, um mehr als ein halbes Jahrhundert
überlebt.
Wer war´s?"





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