Ernst Jünger, DIE SCHERE #43 Text Die Selbstbegegnung hat Stufen; wenn es sehr still wird, kann die Person sich im Selbstgenuß auflösen. DasWort stammt von Wieland; es meint dieStimmung, während der man, wie das Lied sagt, "sein selbst und der Welt" vergißt. Das Selbst entfernt sich, es kehrt zurück und findet sich wieder - es kommt zu sich: das Bild tritt in sein Spiegelbild ein. Abrupt, als ob der Film zerisse, ist die Trennung in Lebensgefahr. Der Einzelne sieht sich aus der Entfernung auf dem Operationstisch oder bei einem Zusammenstoß im Verkehr. Wäre es ein Traum, so würde er sich fürchten,doch hier bleibt er unberührt wie der Photograph bei einer Aufnahme. DieSchere schneidet ihn nicht mehr. Sollte er, kurz nachdem der Tod ihn gestreift hat, an einem Spiegel vorbeikommen, so wird er bemerken, daß sein Spiegelbild stärker geworden ist als er. Die Wahrnehmung wird vom Nachleuchten der Transzendenz gestört. So scheint auch das Land zu schwanken, wenn der Fuß nach stürmischer Seefahrt den Boden betritt. DIE SCHERE #43: English translation by Gary Kern and Günter Rebing The self-encounter proceeds in stages. If it becomes very quiet, the person can dissolve in self-enjoyment. The word [Selbstgenuss] comes from Wieland; it means the mood in which one forgets, as the song goes, "oneself and the world." The self withdraws, then returns and finds itself again--it comes back to itself: the image enters into its mirror-image. Abrupt is the separation in a moment of mortal danger, as if a motion-picture film stripped off. The individual sees himself from a distance on the operating table, or in a traffic accident in progress. Were it a dream, he would take fright, but here he remains unmoved, like a photographer taking a shot. The shears cut him no more. Should he happen to pass a mirror shortly after death had brushed him, he would notice that his image in it had become stronger than he. His perception is disturbed by the afterglow of transcendence. Just so the earth seems to sway when after a stormy sea voyage foot touches shore. Die Schere #43: Notes In #43 EJ continues discussing a special case of telepathy, namely the self-encounter. For him it is a peculiar movement within the mind: one part of it, the self, moves away from the person and subsequently returns to it. He finds this movement described in Wieland or in a song (I surmise the line he quotes is from a church hymn but I cannot trace it). However, looking closer you will find that Wieland has in mind "the self enjoying itself" and the song "the self forgetting itself". EJ fits both expressions into his system by stating that both mean nothing else but "the self moving away from itself and subsequently returning to itself". Even his beautiful image of the self's return into its mirrored image cannot gloss over the fact, as I see it, that EJ interprets both Wieland and the song line in an arbitrary way. A justification of this self-serving way of handling texts is his over-all tendency to place his own views and experiences in the context of a long and rich tradition. In fact, the separation of person and self he discusses here as a general though rare phenomenon he has documented elsewhere as events in his own life. In 1933 two members of the Secret Police appeared in his Berlin apartment to search it for evidence that he had contacts with Erich Mühsam (in fact he had) and others who were now, for the triumphant Nazis, "enemies of the people". He managed cleverly to outmanoeuver them but not before he had the feeling that during these dangerous moments a part of his self separated from him and watched the goings-on from the ceiling. (1) He had a similar experience during seconds of a serious traffic accident in January 1946 (2) Also the occult phenomenon of one's own image in a mirror being more powerful than the real person that has just escaped death is, if I recall it right, an experience of his own mentioned in the diaries. Note that even in this strictly occult (or, if you prefer, metaphysical) context (no empirical physicist would find anything to measure or to record here) EJ uses terminology from physics and the register of scientific explanation: "Die Wahrnehmung wird vom Nachleuchten…gestört." No traditional physicist would equate death, for him just the end of all life processes within the body, with "transcendence". Even less would he concede that death, be it transcendent or not, could cause an afterglow like a cathode ray gliding across a monitor screen. Not only does EJ move without effort from the realm of exact science into that of metaphysics and back again.(3) Finally he links his personal esoteric insights with an experience we all know well, namely the swaying of the ground under our feet after a stormy voyage. We are thus easily seduced to share and accept an experience in a realm which is accessible only to him and some other "Hochsensitive". (1) Was das persönliche Verhalten angeht, so machte ich auch in diesem Falle wieder die Erfahrung der Teilung der inneren Kräfte, die mich schon oft beschäftigte. Man liest, es klingelt, man öffnet die Tür und sieht zwei Bewaffnete davor. Ehe das Bewußtsein die Lage erfaßt hat, erhält es bereits die Ankündigung, daß es jetzt etwas wahrzunehmen gilt. Woher kommt diese Ankündigung? Ein Teil der beobachtenden Instanzen zieht dann aus, betrachtet den Vorgang von außen her, vielleicht von der Zimmerdecke aus. Der Auftritt wird nun zugleich sehr scharf gesehen und fremdartig, wie eine Erzählung, ein Traumprotokoll. (STRAHLUNGEN III, 24 August 1945) (2) Von Stuttgart fuhren wir die große Steige bei Leonberg hinauf. Ich saß im Fond und las ein Manuskript, das Friedrich Georg mir mitgegeben hatte, als etwas Merkwürdiges geschah. Ich fühlte eine Art Betäubung, während der Lebensgeist sich von mir trennte und hoch in die Lüfte stieg. Dann senkte er sich herunter und nahm wieder Besitz von mir. Ich hörte auf der Sraße Schreie von Frauen, fühlte einen Aufschlag und sah, daß ich im Freien saß. Was war geschehen? Ein polnischer Lastwagen, der uns entgegenkam, war in einer vereisten Kurve ausgeglitten und hatte unser Verdeck rasiert. Sein schwerer Aufbau war über unsere Köpfe hinweggestrichen, während er den Wagen zertrümmerte. Mein Mantel war mit Glassplittern besät. Wir stiegen aus und sahen, wie das Öl aus den zerbrochenen Leitungen floß und den Schnee grün färbte. Hart neben der Straße fiel ein Steilhang ab. Wir waren offensichtlich gut davongekommen und hatten allen Anlaß, dankbar zu sein. Erstaunlich blieb mir an dem Ereignis, daß ich, obwohl in meine Leküre vertieft, die Gefahr kurz vorher wahrgenommen haben mußte; ich hatte sie aus einer anderen Dimension bemerkt. Das Unverletzliche entfernt sich dann aus unserem Körper und nähert sich ihm von außen wieder, ihn als sein Instrument betastend, ob er intakt geblieben ist. In diesem Augenblick stand Perpetua in Kirchhorst am Fenster und sagte zu Alexander: "Jetzt hat der Vater einen Unfall gehabt." Die Erde ist klein. (STRAHLUNGEN III, 30 January 1946) (3) After having finished reading the entire Bible he notes that this effort was the more extraordinary since he had to overcome the powerful role of positivist science in his education. At the same time he is well aware that the spirit of exact science still permeates his metaphysical thinking and writing: Paris, 28. Mai 1944. Pfingstsonntag. Nach dem Frühstück beendete ich die Lektüre der Offenbarung und schloß damit die erste Gesamtlesung der Bibel ab, mit der ich am 3. September 1941 begann. Zuvor hatte ich Teile gelesen, darunter das Neue Testament. Verdienstlich kann ich diese Bemühung besonders insofern nennen, als sie auf eigenem Entschluß beruht und gegen manchen Widerstand sich durchsetzte. Meine Erziehung verlief in entgegengesetzter Richtung; von früher Jugend war mein Denken durch den exakten Realismus und Positivismus meines Vaters bestimmt. Dem leistete auch jeder bedeutendere Lehrer Beihilfe. Die Religionslehrer waren meist langweilig, bei manchen hatte ich ein Gefühl, als geniere sie der Stoff. Holle, der klügste unter ihnen, ließ durchblicken, die Erscheinung Christi auf dem Wasser sei durch eine optische Täuschung zu erklären; die Gegend sei für ihre Bodennebel bekannt. Die intelligenteren Kameraden, die Bücher, die ich schätzte, waren auf den denselben Ton gestimmt. Es war notwendig, daß ich diesen Kreis durchlief, und immer werden Spuren in mir davon zurückbleiben. Vor allem das Bedürnis nach logischer Fundierung - ich meine hier weniger die Beweisbarkeit als die Zeugenschaft und Nähe des Verstandes, der immer mitleuchten soll. Die Ziele können nur vorn liegen. Das scheidet mich von den Romantikern und gibt das Licht auf meinen Fahrten durch die Ober- und Unterwelten: in meinem Raumschiff, in dem ich tauche, schwimme, fliege, in dem ich Feuerwelten und Traumreiche durcheile, begleitet mich immer ein Besteck, das seine Formung durch die Wissenschaft erhalten hat.
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