ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - Paul Noack über EJ, Politische Publizistik

Die WELT (Literarische Welt) vom 10. November 2001, Seite 5

"Wenn der Deutsche sich als franz=F6sischer Romancier, als italienischer Fas=
chist, als russischer Bolschewist oder als "guter Europ=E4er" geb=E4rdet, so f=
=E4llt das unter den Begriff der Mimikry. Es gleicht dies den bunten Armbind=
en, durch die ein uniformiertes Heer sich differenziert, um seine Man=F6ver =
durchf=FChren zu k=F6nnen, deren geheimer Sinn die Hebung der Kriegszucht ist.=
"
Ernst J=FCnger in "Die literarische WeIt" vom 28. M=E4rz 1939

War er nun ein Faschist oder nicht=3F

Die politischen Schriften des Ernst J=FCnger liegen jetzt endlich geb=FCndelt =
auf dem Tisch. Sie legen die Antwort nahe: Vor 1933 schon, danach eigentli=
ch nicht mehr =20

Von  Paul Noack

Es ist nicht =FCbertrieben, das verstreute Konvolut der politischen Publizis=
tik Ernst J=FCngers als den umstrittensten Teil das umstrittenen Dichters zu=
 kennzeichnen. Es sei ein Skandalon, wurde bemerkt, "dass es bis zum heuti=
gen Tag aus seinem edierten Werk ausgeklammert wird". Das war deshalb so, =
weil sich J=FCnger gleich nach der Machtergreifung der NSDAP von diesem Teil=
 seiner Produktion gel=F6st hat, ohne allerdings seiner Umwelt davon Kenntni=
s zu geben. Bef=FCrworter wie Gegner haben es seitdem schwer, eine ad=E4quate =
Antwort auf die Frage zu finden: Hat er sich je von seinem radikal nationa=
listischen Grundansatz befreit=3F Hat er seitdem nichts mehr mit einer Formu=
lierung zu tun, in der es hie=DF, die "Selbstaufl=F6sungsprozesse der b=FCrgerli=
chen Welt" bereiteten ihm ein m=F6rderisches Vergn=FCgen=3F

Da J=FCnger bis zu seinem Lebensende nur ungern =FCber die Wirkungen seiner pu=
blizistischen Ursachen informiert wurde, hat er selbst viel dazu beigetrag=
en, den Charakter seiner Publizistik zu mystifizieren. Selbst Armin Mohler=
, der mehr war als nur ein treuer Eckermann, hat er in den sechziger Jahre=
n zur Wei=DFglut getrieben, als er seine politischen Stellungnahmen nicht in=
 seine Gesamtausgaben von 1960/1965 und 1978/1983 aufnahm - und damit eine=
n un=FCbersehbaren Trennungsstrich zwischen sein publizistisches und sein di=
chterisches Werk legte. Nun liegt das, was J=FCnger zu seinen Lebzeiten nich=
t geschlossen ver=F6ffentlichen wollte, in einer musterg=FCltigen Ausgabe vor.=
 In J=FCngers Traditionsverlag, dem Klett-Cotta-Verlag, hat Sven Olaf Bergg=F6=
tz, der dem Ganzen einen mit Umsicht besorgten Anhang beisteuert, eine Arb=
eit geleistet, die nicht nur J=FCngers Ansichten zur Demokratie, dem "System=
" von Weimar, der NSDAP und "den" Juden in den Jahren 1919 bis 1933 zuverl=
=E4ssig widerspiegelt, sondern auch sein Engagement in den ephemeren rechtsr=
adikalen Filiationen der Weimarer Republik verdeutlicht.

Aus alledem, was mit zuweilen erm=FCdenden, aber stets brillanten Wiederholu=
ngen =FCber den Liberalismus, das Blut, die Tradition und die Nation vorgebr=
acht wird, resultiert, dass J=FCnger Recht hatte, wenn er sein publizistisch=
es Engagement mit seinen literarischen Arbeiten nicht gleichgesetzt sehen =
wollte. Schlie=DFlich war das, was jetzt geschlossen vorgelegt wird, von ein=
em jungen Mann, beginnend im Alter von 25 Jahren, ver=F6ffentlicht worden. E=
s ist ein Leben, das bis zum "Abenteuerlichen Herzen" (1929) und "Der Arbe=
iter" (1932) einzig und allein vom Erlebnis des Weltkrieges gepr=E4gt wurde.=


Die Zusammenschau der ersten zehn kreativen Jahre zeigt nun, dass J=FCnger s=
einen Weg von Ludendorff und "Die Technik der Zukunftsschlacht" =FCber das T=
raditionsgedr=F6hn des "Stahlhelms" zu Hamann, Herder und E.T.A Hoffmann gef=
unden hat. Er wird in seiner zeitgeschichtlichen Rolle dann ad=E4quat erfass=
t, wenn man ihn nicht nur darauf absucht, welche Stereotypen des Faschiste=
n auf ihn passen, sondern auch beobachtet, wie er es verstand, sich langsa=
m seinem Milieu zu entziehen. Nur weil er einzusehen begonnen hatte, dass =
sich das Kriegserlebnis von einer alles dominierenden Realit=E4t zu einer An=
tiquit=E4t verwandelte, hat er sich von dem Sprecher eines verschwindend kle=
inen Teils der rechtsradikalen politischen =D6ffentlichkeit zu einem Autor v=
erwandelt, dem auch Organe wie Leopold Schwarzkopfs "Tagebuch", "Die Welt =
der Literatur" und Kurt Tucholskys Hausorgan "Die Weltb=FChne" ihre Spalten =
=F6ffneten, oft mit der Anmerkung, dass sie die Ansichten des Autors nicht t=
eilten.

J=FCngers Stellung gegen=FCber der NSDAP und der "Judenfrage" sind der Lackmus=
test auf unsere Behauptung eines fundamentalen Stellungswechsels noch vor =
1933. Kein Zweifel: J=FCnger betrachtete die Nationalsozialisten mehrere Jah=
re als unverzichtbar f=FCr eine Sammlung der Rechten, f=FCr die er bis zuletzt=
 k=E4mpfte. Unkritisch aber war er weder gegen=FCber der Partei noch ihrem "F=FC=
hrer". 1927 hoffte er zwar noch, dass "die Begriffe Nationalsozialismus un=
d (neuer) Nationalismus immer mehr zusammenschmelzen". Doch 1929 ist ihm e=
ndg=FCltig klar geworden: "Wir haben von Anfang an einen Unterschied zwische=
n Nationalismus und Nationalsozialismus gemacht. Die Ereignisse beweisen, =
dass die Unterscheidung notwendig ist."

Die rassistische Grundlage der NSDAP st=F6=DFt ihn ab. "Das Wort Rasse beginnt=
 in seiner Anwendung ebenso peinlich zu werden wie das Wort Tradition", he=
i=DFt es schon 1926. Das f=FChrt 1930 zu der Aussage: "F=FCr die Juden gibt es n=
ur eine dauerhafte Position, nur einen Tempel Salomonis, und das ist die j=
=FCdische Orthodoxie, die ich begr=FC=DFe, wie ich die wirkliche und ausgesproch=
ene Eigenart eines jeden Volkes begr=FC=DFen muss."

Zugegeben: Es gibt S=E4tze in seiner politischen Publizistik, die h=E4tte J=FCng=
er wahrscheinlich nicht geschrieben, h=E4tte er nicht geglaubt, sie seinem M=
ilieu schuldig zu sein. Eine Quintessenz der 660 Textseiten dieses Bandes =
aber l=E4sst den Schluss zu, dass er mehr als zehn Jahre versuchte, eine The=
ologie des Frontsoldaten unter dem Motto zu schreiben: "Wir geben es zu, w=
ir haben eine Neigung f=FCr den Krieg, so wie andere eine Neigung zum Gewitt=
er besitzen." Dann aber wird er un=FCbersehbar von neuen Wirklichkeiten =FCber=
rannt, auf die er mit neuen nichtpolitischen Themen reagiert.

J=FCnger brauchte seine Zeit, um sich vom Nationalismus als Ideologie und vo=
m Nationalsozialismus zu entfernen ("Der Nationalsozialismus ist der erste=
 Versuch, einer brutalen Wirklichkeit mit Brutalit=E4t ins Auge zu schauen",=
 1929). Aber die Antizipation dessen, was nach 1933 geschah, macht es ihm =
- anders als seinem Freund Carl Schmitt - leicht, ohne Entt=E4uschung Berlin=
 zu verlassen und sich in Goslar einem neuen Leben mit neuen Inhalten zu w=
idmen. Es gibt eben nicht nur einen J=FCnger, sondern einen vor 1933 und ein=
en danach. Er hat vor 1933 seinen Anteil an deutschem Fehlverhalten gehabt=
. Er hat dann mit ganz anderen Vorzeichen gegen das angeschrieben, was er =
vor 1933 formuliert hatte. Das allerdings hat er eigentlich nie artikulier=
t.

Ernst J=FCnger: Politische Publizistik 1919-1933. Klett-Cotta, Stuttgart 200=
1. 898 S., 98 Mark.

(c) Die WELT online
http://www.welt.de=20


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