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mailing list archive - BERLINER ZEITUNG: Ernst Juenger & Osama bin Laden

(c) Berliner Zeitung, 20. November 2001


Den Tod nicht f=FCrchten
Auf dem breiten, roten Schlussstrich: Ein Treffen zwischen Ernst J=FCnger un=
d Osama Bin Laden
G=F6tz Aly

Der Heilige Krieg gilt Osama Bin Laden als "eine Form der Hingabe, egal, w=
as er kostet". Er richtet sich gegen die Kr=E4fte der Verrottung. Bin Laden =
preist ihn als "Antwort auf den Westen und s=E4kulare Str=F6mungen in der arab=
ischen Welt", ja, als Vollstreckung eines g=F6ttlichen Willens, "islamischen=
 Boden von allen Ungl=E4ubigen zu s=E4ubern". Der Djihad erscheint in seinen W=
orten als Absolutes, als letzte gro=DFe Schlacht gegen die Schw=E4rme gieriger=
 Geier. Sie beschmutzen die arabische Welt und pl=FCndern die Reicht=FCmer des=
 Bodens und sichern, exemplarisch in Saudi-Arabien, das parasit=E4re Prassen=
 von sage und schreibe 5 000 Prinzen - zum Nachteil der in Knechtschaft ge=
haltenen Massen. So gesehen erscheint die Vernichtung der Fremd- und G=FCnst=
lingsherrschaft als existenzielle Notwendigkeit. Danach wird, so lautet di=
e Verhei=DFung, ein Zeitalter der Gl=FCckseligkeit heraufziehen.
Seine soziale Dynamik gewinnt der Kampf aus der nach innen wie nach au=DFen =
gerichteten Aggression: aus Krieg und B=FCrgerkrieg, aus heldenm=FCtiger Gefah=
renabwehr und permanenter Selbstreinigung. Zum Selbstmordattentat geh=F6rt d=
ie Liquidierung der "Verr=E4ter", das Abhacken des lackierten Fingernagels, =
die Vernichtung des Unreinen im eigenen Volksk=F6rper. Gl=FCckt die Synthese, =
entfesselt sie nach den Gesetzen dieser politischen Alchemie einen "Sturm =
der Ver=E4nderung", eine Entscheidung zwischen Gut und B=F6se. Die behauptete =
Situation absoluter Existenzbedrohung rechtfertigt das bedingungslose Opfe=
r des eigenen Lebens und den Einsatz aller, aber auch aller Mittel gegen e=
inen verschlagenen, heimt=FCckischen - im Inneren schon virulenten - Feind.=20

Das Europ=E4ische in Bin Laden

So betrachtet l=E4sst sich das totalit=E4r-gewaltt=E4tige Gerassele Bin Ladens u=
nschwer als Manifest f=FCr eine an Haupt und Gliedern revolutionierte panisl=
amische Bewegung lesen. Deren ideologischer Kernbestand aber enth=E4lt nicht=
s Fernes, Unverst=E4ndliches. Er ist aus den Umbruchs- und Schreckensperiode=
n der j=FCngeren europ=E4ischen Geschichte bestens bekannt. Die v=F6lkisch-sozia=
len Panbewegungen, die sich in Europa vor 1914 herausbildeten - Panslawism=
us, Pangermanismus - setzten, um es in Anlehnung an Hannah Arendt zu sagen=
, auf einen schw=FClstigen Pseudo-Mystizismus. Sie grenzten sich vom wohlsta=
ndstrunkenen Imperialismus ab und lenkten stattdessen das Interesse auf di=
e inneren, immateriellen Werte kulturgeschichtlich einander =E4hnlicher Volk=
sverb=E4nde und behaupteten deren jeweilige "messianische Mission".

Das "erweiterte Stammesgef=FChl" solcher Panbewegungen stand gleicherma=DFen g=
egen die interessengeleitete Stumpfheit der Parteien, gegen die Schranken =
der Klassen und gegen die Enge einzelner Nationalstaaten, deren Grenzen au=
s dieser Perspektive als willk=FCrlich, bestenfalls zuf=E4llig gezogen erschie=
nen.

Bin Laden prangert die Ausbeutung durch den Westen an, die Seuche des Mate=
rialismus, die schon tief in die Poren des eigenen Volkes gedrungen sei, u=
nd stellt gleichzeitig s=E4mtliche Staatsgrenzen der arabischen und islamisc=
hen Welt infrage. F=FCr ihn gehen deren Territorien in dem h=F6heren Begriff "=
heiliger Boden" auf. Es sei der Feind gewesen, der die Gemeinschaft der Mu=
slime, "die Ummah in kleine und winzige Staaten teilte und in den vergange=
nen zwei Jahrzehnten in einen Zustand der Verwirrung st=FCrzte".

Bin Laden appelliert an "die V=F6lker des Islam" in einer altbekannten, typi=
schen Mischung: Sie besteht aus dem endg=FCltigen Heilsversprechen, das aber=
 zun=E4chst die r=FCcksichtslose Niederwerfung eines satanischen Feindes erfor=
dert. Diese milit=E4rische Aufgabe erfordert - f=FCrs Erste - eine entsagungsv=
olle Selbstbesinnung auf die eigenen Kr=E4fte und f=FChrt durch den stahl- und=
 schwefelges=E4ttigten Jungbrunnen des Erneuerungskrieges. Das erzwingt und =
erm=F6glicht die totale Mobilisierung im Namen der als Einheit gedachten Zie=
le Kampf und Erneuerung. Erst dann gedeiht das Gute; erst dann steigt aus =
den Tr=FCmmern des Alten und B=F6sen die (islamistische) Heilsrepublik.

Fasst man die Weltanschauung anhand einiger Interview-=C4u=DFerungen und Aufru=
fe Bin Ladens so zusammen, dann muss man zu deren n=E4herem Verst=E4ndnis nich=
t den Koran lesen oder, wie Au=DFenminister Fischer, ein "hochinteressantes"=
 Buch =FCber Allah. Ergiebiger erscheinen die Schriften Ernst J=FCngers. Dort =
finden sich zwischen 1919 und 1933 alle jene Elemente einer sozialrevoluti=
on=E4ren Utopie, denen auch in der Gedankenwelt Osama Bin Ladens ein nekroph=
iler Seitenaltar zukommt. Beide argumentieren in einer hohen, hoch gebilde=
ten und distinguierten Sprache extrem grob gegen ihre Zeit an. J=FCngers ver=
k=FCnstelte Kommandoerkl=E4rungen zur Vernichtung der Weimarer Republik =E4hneln=
 in Ton und Inhalt denen Bin Ladens gegen die kompromissbereite arabische =
Staatenwelt. Wo dieser "Ungl=E4ubige", "Heuchler" und "Werkzeuge des Verbrec=
hens" branntmarkt, sieht jener einen "Tiefpunkt kulturpolitischer Falschwi=
rtschaft".

Beide beschreiben einen strukturell verwandten, lebenss=FCchtigen und daher =
schon ziemlich verlebten Feind: F=FCr J=FCnger bildet der "B=FCrger" jene Hassfi=
gur, die f=FCr Bin Laden der wesens=E4hnliche "Amerikaner" repr=E4sentiert. Den =
B=FCrger kennzeichnet nach J=FCnger "ein Europ=E4ertum, dessen Metaphysik die de=
s Speisewagens ist, ein Amerikanismus mit der Gleichsetzung von Fortschrit=
t und Komfort". Schlaff und welk l=FCmmeln diese Repr=E4sentanten der zum Unte=
rgang verurteilten Gesellschaft in der "k=FCnstlichen Gesundheit der Sanator=
ien". Folgerichtig erscheint der (Erste) Weltkrieg nicht als Katastrophe, =
sondern als "neues Verh=E4ltnis zum Elementaren, zum Mutterboden, dessen Kru=
me durch das Feuer der Materialschlachten wieder aufgesprengt und durch St=
r=F6me von Blut befruchtet ist". J=FCnger sieht darin den "breiten, roten Schl=
u=DF-strich" unter einer Zeit, die ein ekelhafter, kampfvergessener Kr=E4merge=
ist beherrscht habe.

Wer also die treibenden Kr=E4fte eines Osama Bin Laden und seines Geheimbund=
es El Kaida verstehen will, sollte sich zun=E4chst auf die blutigen Selbster=
fahrungen konzentrieren, die Europa im 20. Jahrhundert hinter sich gebrach=
t hat. Die Fernseh-Runden k=F6nnten dann auf Arabistik- und Religionsgelehrt=
e weitgehend verzichten, fast ohne Mullah-Astrologen und Orientkundige aus=
kommen. Der moderne und noch dazu deutsche Intellektuelle Ernst J=FCnger ste=
ht als Beispiel f=FCr viele.

Vernichtende Ver=E4nderung

Bin Laden verh=F6hnte 1996 einen US-Verteidigungsminister mit dem Hinweis au=
f die Moral seiner K=E4mpfer: Sie "lieben den Tod so, wie du das Leben liebs=
t" und werden dem Feind "singend beibringen, dass es nichts zu erkl=E4ren, d=
ass es nur T=F6ten und Nackenschl=E4ge gibt". Dabei bestehe nur ein Problemche=
n: Sie "streiten sich darum", wer den Feind "bek=E4mpfen und t=F6ten darf". Um=
 es mit J=FCnger zu sagen, der vom Prinzip "vernichtender Ver=E4nderungen" spr=
icht: "Das tiefste Gl=FCck des Menschen besteht darin, da=DF er geopfert wird,=
 und die h=F6chste Befehlskunst darin, Ziele zu zei-gen, die des Opfers w=FCrd=
ig sind." F=FCr die Nachgeborenen hinterlassen die kalten Zeugen des "herois=
chen Realismus" nur eine, unabdingbare Botschaft: "Man mu=DF dort stehen, wo=
 die Zerst=F6rung nicht als Abschlu=DF, sondern als Vorgriff aufzufassen ist."=


Bei J=FCnger hie=DF es vor knapp 80 Jahren: "Der wahre Wille zum Kampf jedoch,=
 der wirkliche Ha=DF hat Lust an allem, was den Gegner zerst=F6ren kann. Weil =
wir die echten, wahren und unerbittlichen Feinde des B=FCrgers sind, macht u=
ns seine Verwesung Spa=DF." Die radikalen Verschw=F6rer um den 1923 hingericht=
eten Albert Leo Schlageter an der Spitze, die mit terroristischen Aktionen=
 gegen die franz=F6sische Besetzung des Ruhrgebiets vorgingen, ehrte J=FCnger =
als "M=E4nner, die den Sprengstoff liebten und den Nachweis f=FChrten, da=DF den=
 wirklichen Mann kein =DCberma=DF der Gewalt einsch=FCchtern kann". Ihnen applau=
dierte er: "Das ,Liebend unterzugehen!=91 H=F6lderlins k=F6nnte ihr geheimes Sin=
nwort sein. Gerade der verlorenste Posten hinterl=E4=DFt die ungetr=FCbteste Eri=
nnerung." W=E4hrend f=FCr Bin Laden jeder K=E4mpfer, der sich f=FCr die Sache der =
Reinheit opfert, auf einen gl=E4nzenden Platz im Paradies abonniert ist, wir=
d er bei J=FCnger nach dem Tod "lebendiger als je", weil "er als Gestalt der=
 Ewigkeit angeh=F6rt". Der Salonbolschewist wie der verspie=DFerte Reaktion=E4r,=
 der Demokrat ohnehin, plappert aus einer solchen Sicht =FCber die Misere de=
r Welt, w=E4hrend doch nur die eine Position angemessen erscheine: "Das Ganz=
e im Kampfe aufzusuchen."

Arbeits- und Kampflandschaft

J=FCnger verherrlichte an dem v=F6lkischen Terroristen Schlageter wie an den b=
ald popul=E4ren Bombenlegern der Dithmarschener Landvolkbewegung "die v=F6llig=
e Klarheit der Richtung" und den "Verzicht auf jeden Kompromi=DF". Die Natio=
nalsozialisten waren ihm zwar als Bewegung sympathisch, nicht jedoch als P=
artei, die sich um eine legalistische Fassade bem=FCht. Das Fehlen tagespoli=
tischer Winkelz=FCge zeichnet auch Bin Laden aus. Er versteht sich nicht als=
 Politiker, der zwischen irgendwelchen Realit=E4ten taktieren m=FCsste, eher a=
ls Bote einer Sache, die ihre St=E4rke allein aus der Ablehnung jeder nur de=
nkbaren Halbheit gewinnt: "Was stirbt, was abf=E4llt", so sagte es J=FCnger 19=
32 in seiner Kampfschrift Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt, "ist das I=
ndividuum als Vertreter geschw=E4chter und zum Untergang bestimmter Ordnunge=
n. Durch diesen Tod mu=DF der einzelne hindurch, gleichviel, ob seine dem Au=
ge sichtbare Laufbahn durch ihn beendet wird oder nicht, und es ist ein gu=
ter Anblick, wenn er ihm nicht auszuweichen, sondern ihn im Angriff aufzus=
uchen strebt."

Der Charakter eines solchen Angriffs ver=E4ndert sich mit dem Stand der Tech=
nik. Er offenbart schlie=DFlich "ein H=F6chstma=DF an Aktion bei einem Mindestma=
=DF an Warum und Wof=FCr". Die anonyme Wirkungs- und Herrschaftsweise der kapi=
talistisch-arbeitsteiligen Welt, provoziert demnach auch neue Techniken de=
s Angriffs. Es seien nicht mehr die Massen, die den Kampf auszufechten h=E4t=
ten, erforderlich sei vielmehr ein technisiertes Vorgehen, das "sich mit e=
ntschlossenen Sto=DFtrupps der Herz- und Hirnpunkte der Regierungsst=E4dte zu =
bem=E4chtigen versucht". Dasselbe zeige sich auf dem Feld des politisch-terr=
oristischen Kampfes: Er richte sich nicht l=E4nger "gegen die pers=F6nlichen o=
der individuellen Vertreter des Staates, gegen Minister, F=FCrsten oder Staa=
tsrepr=E4sentanten, sondern gegen Eisenbahnbr=FCcken, Funkt=FCrme und Fabrikdepo=
ts".

J=FCnger sah hier "neue Schulen des politischen Gewaltakts" entstehen und im=
aginierte "ganze Stadtbilder von einer Verwesungsstimmung =FCberlagert". Auf=
 einem solchen entgrenzten Schlachtfeld, einer "Arbeits- und Kampflandscha=
ft", kann es keinen Unterschied zwischen Kombattanten und Nichtkombattante=
n mehr geben. Der Einzelne verschwindet, "er wird mitgetroffen beim Angrif=
f auf das Kr=E4ftefeld, in das er einbezogen ist". Das ist dieselbe Gewisshe=
it aus der heraus Bin Laden unl=E4ngst sagen konnte: "Die Anschl=E4ge vom 11. =
September waren nicht gegen Frauen und Kinder gerichtet. Die wahren Ziele =
bildeten Amerikas Symbole f=FCr milit=E4rische und wirtschaftliche Macht."=20
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Berufsunf=E4higskeitversicherung von Mamax bei WEB.DE.=20
Jetzt informieren! http://bu.web.de



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Markup © John King, July 2001.