Tobias Wimbauer: Wider die Allgemeinheiten Endlich vereint: Ernst J=FCngers =
Politische Publizistik 1919 bis 1933
=A9 2001 by Tobias Wimbauer, Freiburg www.waldgaenger.de / www.waldgaenger.d=
e/artikel/berggoetz.html
Ernst J=FCnger: Politische Publizistik 1919 bis 1933. Herausgegeben, komment=
iert und mit einem Nachwort von Sven Olaf Bergg=F6tz. Stuttgart 2001, Klett-=
Cotta, 898 Seiten DM 98,- ISBN 3-608-93550-9=20
Nun hat man es doch gewagt, k=F6nnte man den Ausspruch Armin Mohlers variier=
en. Endlich sind Ernst J=FCngers politische Schriften aus den Zwanziger und =
Drei=DFiger Jahren gesammelt erschienen.
Sven Olaf Bergg=F6tz, Jahrgang 1965, Politikwissenschaftler in Bonn, Sch=FCler=
von Hans-Peter Schwarz, hat den Band herausgegeben, mit souver=E4nem Blick =
kommentiert und mit einem sorgf=E4ltig abw=E4genden, sachlichen Nachwort verse=
hen. Bergg=F6tz erweist sich in Kommentar und Nachwort als vorz=FCglicher Kenn=
er der Materie. Das Gesamtwerk J=FCngers ist ihm vertraut, auch hat er sich =
ausgiebig mit der Bibliothek J=FCngers und den Nachl=E4ssen J=FCngers und einige=
r seiner Korrespondenten besch=E4ftigt, soda=DF er im Kommentar nicht nur Beka=
nntes referiert, sondern mit zahlreichen Perlen aufwarten kann. So zitiert=
er die Widmungen in erw=E4hnten B=FCchern, verweist auf Lesespuren in J=FCngers=
Exemplaren und bringt zahlreiche Briefausz=FCge im Erstdruck; um genau zu s=
ein: f=FCnfzig Zitate aus Briefen J=FCngers, ein Notat in einem Buch sowie ein=
e Widmung.=20
J=FCnger selbst wurde oftmals auf eine Edition seiner politischen Publizisti=
k angesprochen. Es hat freilich nichts mit Vertuschung zu tun, wie manch e=
iner zu vermuten geneigt sein k=F6nnte, da=DF die Aufs=E4tze erst posthum ersche=
inen. J=FCnger =FCberlegte, ob er sie nicht den S=E4mtlichen Werken in einem Sup=
plementband beigesellen solle, "um den Verd=E4chtigungen ein Ende zu machen"=
. Der Band wurde, wie Bergg=F6tz anmerkt, schon zu Lebzeiten des Wilflinger =
Eremiten von Welt konzipiert.=20
Der Band vereint 144 Beitr=E4ge aus der Zeit von 1919 bis 1933. Dabei sind d=
em Herausgeber auch zahlreiche Entdeckungen gelungen, denn er hat eine gan=
ze Reihe J=FCngerscher Beitr=E4ge aufgest=F6bert, die bislang bibliographisch ni=
cht erfa=DFt und in der J=FCnger-Forschung g=E4nzlich unbekannt waren. =DCberwiege=
nd sind dies kleinere Rezensionen, die J=FCnger in dem Periodicum Reclams Un=
iversum ver=F6ffentlichte.
J=FCnger wurde nach Kriegsende als hochdekorierter Soldat von legend=E4rer Tap=
ferkeit in die neue Reichswehr =FCbernommen. Aus seiner Arbeit in der Vorsch=
riftenkommission der Reichswehr resultierten Artikel zu milit=E4rfachlichen =
Fragestellungen, der erste war die Skizze moderner Gefechtsf=FChrung, "mein =
bombiger Aufsatz im Milit=E4r-Wochenblatt", wie der 25j=E4hrige stolz der Mutt=
er vermeldete. Mit der Verabschiedung aus der Reichswehr Ende August 1923,=
J=FCnger wurde Student der Naturwissenschaften in Leipzig, setzte seine reg=
e Publizistent=E4tigkeit ein. Aus der Feststellung "Wir sind durch eine libe=
rale Erziehung verpfuscht und m=FCssen sehen, wie wir uns wieder heraushelfe=
n", ergab sich die zwangsl=E4ufige Sto=DFrichtung: "Wir werden wieder die Fede=
r durch das Schwert, die Tinte durch das Blut, das Wort durch die Tat (=85) =
ersetzen - wir m=FCssen es, sonst treten uns andere in den Dreck." J=FCnger sc=
hrieb f=FCr zahlreiche nationalrevolution=E4re Zeitschriften, die er zum Teil =
selbst herausgab. J=FCngers Kriegsb=FCcher erreichten hohe Auflagen, er gab op=
ulente Bildb=E4nde, so z.B. Die Unvergessenen oder Das Antlitz des Weltkrieg=
es, heraus. J=FCnger gilt als einer der Wortf=FChrer des Neuen Nationalismus, =
als einer der f=FChrenden K=F6pfe der Konservativen Revolution. J=FCnger betrach=
tete die "literarische T=E4tigkeit als Kriegsmittel", wie er seinem Bruder F=
riedrich Georg schrieb. Ende der Zwanziger Jahre zog J=FCnger sich nach und =
nach aus der Politik zur=FCck. 1932 folgte aber noch der programmatische Gro=
=DF-Essay Der Arbeiter. Im Dritten Reich widmete sich J=FCnger fast ausnahmslo=
s der fiktiven Prosa, freilich oftmals mit Gegenwartsbezug (Auf den Marmor=
klippen) oder mit autobiographischen Ankl=E4ngen (Afrikanische Spiele).
Ein weiterer Beleg f=FCr die Sorgfalt des Herausgebers ist, da=DF Bergg=F6tz die=
oftmals fraglichen bibliographischen Angaben M=FChleisens nicht =FCbernommen =
hat. In einem Falle nur ist dem Rezensenten eine Differenz zu den Exemplar=
en des betreffenden Periodicums aufgefallen. - Es ist ausgerechnet des Rez=
ensenten bibliographischer "Lieblingsfehler" der letzten Jahre: Radikaler =
Geist. Von dieser von Kurt Zube herausgegebenen Zeitschrift in Taschenbuch=
st=E4rke, mit engem Bezug zu Stirners Der Einzige und sein Eigentum bzw. Mac=
kays Stirner-Exegese, hatte M=FChleisen in seiner J=FCnger-Bibliographie entge=
gen dem bibliographischen Usus den vom Innentitel abweichenden Umschlagtit=
el der 2. Auflage angegeben und auch die von der Erstausgabe abweichende P=
aginierung genannt, freilich ohne darauf hinzuweisen, da=DF es sich um einen=
ver=E4nderten Neudruck handelt. Bergg=F6tz nun nennt immerhin den korrekten T=
itel der 2. Auflage, vers=E4umt aber ebenfalls, den Hinweis auf die Erstausg=
abe zu geben. Bemerkenswert ist, da=DF Bergg=F6tz bei den Briefen He=DF' und Hit=
lers an J=FCnger auf den Nachla=DF J=FCnger verweist, nicht aber auf den Abdruck=
in der Welt am Sonntag (17. Januar 1999) oder auf die Faksimiles in Heimo=
Schwilks Buch Il sogno dell'Anarca. Incontri von Ernst J=FCnger (Milano 199=
9, S. 225-230).
Es ist zu bedauern, da=DF manche Beitr=E4ge, wie etwa Erinnerungen an die erst=
en Monate des Jahres 1917, ihres =FCberwiegend literarischen Charakters wege=
n ausgespart wurden. Dahingegen ist zu begr=FC=DFen, da=DF die legend=E4re Totale =
Mobilmachung in der Originalfassung aufgenommen wurde, obgleich J=FCnger die=
sem wichtigen Text in der Werkausgabe eine "entsch=E4rfte" Gestalt gegeben h=
atte.
Am=FCsant sind J=FCngers briefliche Bezeichnungen der von ihm herausgegebenen =
nationalistischen Bildb=E4nde als "Finanzierungsschinken" oder die Benennung=
der Zielsetzung des Bandes Kampf um das Reich (1929) als "'Putschologie',=
aus der man sehen soll, was alles gemacht worden ist und wie man es nicht=
resp. besser machen soll"; die Bezeichnung Bertolt Brechts als "eine unm=F6=
gliche Type" oder die erhellende Charakterisierung des Abenteuerlichen Her=
zens als "anarchistisches Manifest".
Die uns=E4gliche Schrift von Bruno W. Reimann ("Die Feder durch das Schwert =
ersetzen. Ernst J=FCngers politische Publizistik 1923-1933"; Marburg 2001, B=
dWi-Verlag) kann nun endg=FCltig beiseite gelegt werden. Reimann hatte sich =
haarscharf an einer Verletzung des Urheberrechts f=F6rmlich entlanggehangelt=
, indem er ausf=FChrliche Zitate und Kommentierung an passender Stelle zusam=
menbastelte.
Auch wenn der Band den "Flair" der Originaldrucke nicht ersetzen kann, hat=
Klett-Cotta mit dieser Edition der politischen Publizistik Ernst J=FCngers =
eine der wichtigsten Ver=F6ffentlichungen des B=FCcherherbstes 2001 in ansprec=
hender Gestalt vorgelegt.
TOBIAS WIMBAUER
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Markup © John King, July 2001.