ernst jünger in cyberspace

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Liebe Juenger-Freunde,
=FCber das Marburger EJ-Symposion ein Bericht heute in der Frankfurter Runds=
chau; anbei.

Beste Gr=FC=DFe,
t=E9w=E9
(tobias=A0wimbauer)
www.waldgaenger.de





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Copyright =A9 Frankfurter Rundschau 2002=20
Dokument erstellt am 18.11.2002 um 21:09:37 Uhr
Erscheinungsdatum 19.11.2002=20


Ein Herz f=FCr Dandys=20

Vom Bellizisten zum Belletristen: Eine Marburger Tagung w=E4rmt Ernst J=FCnger=
 auf Zimmertemperatur an=20

Von Roman Luckscheiter=20

Jemand h=E4lt das Konterfei Ernst J=FCngers in die H=F6he, darunter ist zu lesen=
: "Politik - Mythos - Kultur". Das Schild dient als Erkennungszeichen f=FCr =
die internationale Germanistengemeinde, die am Marburger Bahnhof empfangen=
 und per Bus zum Tagungsort Schloss Rauischholzhausen gefahren wird. Noch =
vor Jahren h=E4tte diese Gruppe ihr Ziel wohl nur unter Polizeischutz erreic=
ht und die Brisanz ihres Textmaterials bereits in Gestalt von Farbbeutelwe=
itw=FCrfen zu sp=FCren bekommen. Letzte Woche blieb man unbehelligt. Nachdem E=
rnst J=FCnger doch noch seine Sterblichkeit unter Beweis gestellt hat, schei=
nt er f=FCr die Mobilmachung restpolitisierter Studententrupps nicht mehr zu=
 taugen. Vom soldatischen Dichter und "=C4stheten des Schreckens" (Karl Hein=
z Bohrer) geht offenbar keine Gefahr mehr aus. F=FCr die =F6ffentliche Rede =FCb=
er sein Werk bringt dieser Einstellungswandel eine =FCberf=E4llige Entspannung=
 mit sich. Mit ihr geht ein zunehmendes Forschungsinteresse und eine R=FCckf=
=FChrung des streitbaren Solit=E4rs in das breit gef=E4cherte Kontinuum der Lite=
raturgeschichte einher. Dabei treten verbl=FCffende Normalisierungseffekte e=
in.

So zeigte sich Helmuth Kiesel (Heidelberg) verwundert dar=FCber, dass bei ei=
nem Vergleich Ernst J=FCngers mit Bertolt Brecht ausgerechnet letzterer sich=
 als der eigentlich Martialische erweise, wenn es um Fragen von Leben und =
Tod geht: W=E4hrend Brechts Lehrst=FCcke f=FCr Notsituationen das Einverst=E4ndnis=
 in den eigenen Tod zum Wohle h=F6herer Interessen propagieren, wird in J=FCng=
ers Heliopolis-Roman (1942-1949) die Auffassung vertreten, man solle aussi=
chtslose Lagen durch =F6konomisches Verhandeln aufl=F6sen, um keine Freunde od=
er Genossen opfern zu m=FCssen.

Marianne W=FCnsch (Kiel) konstatierte dar=FCber hinaus, dass die Sinngebungsve=
rsuche von Machtk=E4mpfen, wie sie in J=FCngers Kriegsb=FCchern und dem Arbeiter=
 (1932) unternommen und immer auch auf =F6konomischer Ebene bedacht wurden, =
v=F6llig freischwebend zwischen ideologischen Extrempositionen lavierten und=
 =FCber Leerformeln nicht hinausk=E4men. Selbst die Frage, ob J=FCnger denn =FCber=
haupt ein politischer Dichter gewesen sei, konnte Ulrich Fr=F6schle (Dresden=
) nicht mit letzter Gewissheit beantworten, da die Merkmale des Jakobinism=
us, die er in den publizistischen Fr=FChschriften beobachtet hat, eher stili=
stischer als pragmatischer Art waren.

Zumindest aber stand J=FCnger bei seinen Zeitgenossen im Ruf, als Essayist u=
nd Gegner der Weimarer Republik dem Nationalsozialismus den Weg bereitet z=
u haben - weshalb er noch bis 1942 publizieren durfte, obwohl sein Verh=E4lt=
nis zu Hitler schon ab 1927 stark abgek=FChlt und seine Distanz zum NS-Regim=
e nach 1933 manifest geworden war: Der Krisenliterat mit dem "prophetische=
n Redegestus" (Helmut Mottel, Dresden) hatte sich profitables Kapital im p=
olitischen Machtfeld erschrieben, wie Michael Ansel (M=FCnchen) mit der Theo=
rie Pierre Bourdieus argumentierte.

Und der Wehrmachtsoffizier im okkupierten Paris=3F Ein Ironiker, ein "Verste=
llungsk=FCnstler", dem die Welt gerade dann zum Schauspiel wird, wenn sie im=
 Bombenhagel auseinander bricht. J=F6rg Sader (Frankfurt am Main) las J=FCnger=
s Tageb=FCcher Strahlungen als Selbstzeugnis eines Dandys malgr=E9 lui - J=FCnge=
r hatte sich nie als Dandy verstanden, zeigte aber in seiner provokanten D=
istanz zum Geschehen jene Extravaganz und Unabh=E4ngigkeit, die seit Baudela=
ire zu diesem Typus der Dekadenz geh=F6ren.=20

Wo man auf dieser Tagung auch hinschaute, trug der soldatische Geist einen=
 Fliederhut statt eines Stahlhelms. Lutz Hagestedt (Marburg) konnte in sei=
nem =DCberblick =FCber J=FCngers Wandel vom bellizistischen zum belletristischen=
 Autor sogar nachweisen, wie J=FCnger seinen eigenen Prinzipien untreu wurde=
: indem er sein Diktum, wer sich selbst kommentiere, begebe sich unter sei=
n Niveau, st=E4ndig durch Selbstbetrachtungen in seinen Briefen und =DCberarbe=
itungen in seinem literarischen Werk konterkarierte.

Da passte es, dass auch nach Desillusionierungs-Erlebnissen bei J=FCnger sel=
bst geforscht worden war. Besonders J=FCngers Begegnungen mit der Fremde sch=
ien die Entt=E4uschung inh=E4rent gewesen zu sein, dass der geordneten Welt ni=
rgends zu entkommen war - weder Afrika (Volker Mergenthaler, T=FCbingen) noc=
h Sardinien erwiesen sich als das erhoffte antizivilisatorische Paradies: =
Letztlich war doch "alles wie zu Hause, nur ohne Strom" (Christina Ujma, L=
oughborough). Nur die Reise nach New York 1958 erf=FCllte die Erwartungen, w=
eil sie den gepflegten Antiamerikanismus zu best=E4tigen vermochte (Sven Ola=
f Bergg=F6tz, Bonn).=20

Versuche, Spuren des Fremden in J=FCngers Texten in Form von intermedialen o=
der intertextuellen Einfl=FCssen aufzutun, desillusionierten das Fachpubliku=
m wiederum durch ihr methodisches Scheitern. Ob J=FCngers Arbeiter wesentlic=
h durch Fritz Langs Film Metropolis oder Leni Riefenstahls Triumph des Wil=
lens durch J=FCngers Arbeiter inspiriert war - solche Fragen kamen =FCber "spa=
nnende" Denkanst=F6=DFe nicht hinaus. Ansonsten fl=FCchtete man sich nicht ohne =
unfreiwillige Komik in die mythischen Strukturen von J=FCngers Eberjagd, ver=
liebte sich in die sinnlose Formulierung, J=FCnger habe nicht nur den Schmet=
terling, sondern auch den Schrecken als "Pr=E4parat" betrachtet oder verzett=
elte sich mit Blick auf franz=F6sische Nationalisten in der komparatistische=
n Beweisf=FChrung, dass eigentlich alles zusammenh=E4nge, aber irgendwie nicht=
s zusammengeh=F6re.=20

So f=FChrte der J=FCnger-Kongress zu einer ambivalenten Momentaufnahme der Ger=
manistik. Einerseits hat der gelassene Blick der von alten Ideologiek=E4mpfe=
n emanzipierten Wissenschaft einen gelassenen Autor zu Tage gef=F6rdert. Der=
 sachlichen, literaturhistorischen Besch=E4ftigung mit dem Werk tut das gut.=
 Andererseits aber ziehen manche allzu harmlose Forscher ihrem Gegenstand =
ohne ersichtliche Legitimation die Z=E4hne und tragen weniger zur Entspannun=
g als vielmehr zur Erschlaffung der J=FCnger-Philologie bei.

Die "Verhaltenslehren der K=E4lte" (Helmut Lethen) werden in den Seminaren d=
er Beliebigkeit auf Zimmertemperatur gekuschelt und in die wolligen Flicke=
nteppiche der Interdisziplinarit=E4t gewickelt. "Politik-Mythos-Kultur" - wa=
s als Tagungsmotto sinnvollerweise drei Dimensionen der Auseinandersetzung=
 mit dem schillernden Oeuvre hervorheben wollte, hat sich symptomatischerw=
eise als Stufenmodell der Rezeption entpuppt: Nachdem es einmal fruchtbare=
 Debatten um politische Haltungen und sozial relevante Reflexionen des myt=
hisch-utopischen Denkens entfacht hat, droht das Werk nun, in den wattiert=
en Kulturbeuteln mobiler Tagungskommandos zu verschwinden.=20

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=5F=5F=5F=5F
Wer kennt nicht das Problem des unvollstandigen Adressbuches=3F Schluss
damit bei  - WEB.DE FreeMail - http://freemail.web.de/features/=3Fmc=3D021133



Markup © John King, July 2001.