ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - Re: EJ & Joschka Fischer

-- [ From: e-ensign * EMC.Ver #2.5.02 ] --

Mitteilung an die Liste, dass der Artikel von Joschka Fischer ueber Ernst
Juenger jetzt aufgetaucht ist. Erschienen im "Pflasterstrand", Nummer 139 
(28.8. bis 10.9.1982), pp.13-15. Ich schicke ihn jetzt per Post an Andreas
Heidelbauer, der sich erboten hat, ihn einzuscannen und der Liste dann zu
posten. 

Fischers Artikel traegt den Titel "Wider den moralisierenden Saubermann in
der Kulturpolitik" und ist eine recht scharfe Kritik an der Fraktion der
Gruenen im Frankfurter Stadtparlament, die im August 1982 die Vergabe des
"Goethe-Preises" an Ernst Juenger  auf parlamentarischem Weg verhindern
wollte. Hier ein kurzer Auszug aus Fischers Artikel:

"... geaergert habe ich mich ueber das Verhalten der gruenen Volksvertreter.
Sie haben eine zehnseitige Anklageschrift gegen einen Literaten und dessen
Buecher verfasst, gekleidet in die Form eines parlamentarischen Antrags, und
wenn es [sic!] bei mir etwas uebel aufstoesst, so sind es politische
Anklageschriften gegen Literaten und ihre Buecher, gleich welcher
politischen oder kulturellen Tendenz sie angehoeren. Der gruene Antrag
verbreitet ein ein penetrantes Dueftchen von Zensur ..."

Zum politischen Hintergrund ist zu sagen, dass damals gerade die CDU an die
Macht gekommen war und die Verleihung des "Goethe-Preises" an Juenger von
vielen Linken als Teil der konservativen "Wende" gewertet wurde. Bei der
Auseinandersetzung zwischen Joschka Fischer und der Frankfurter Fraktion der
Gruenen um Jutta von Ditfurth machte sich aber auch schon der schwelende
Konflikt zwischen Realos und Fundis bemerkbar, der spaeter dann offen
ausgebrochen ist. Fischer kommt in seinem Artikel auch auf seine eigene
Juenger-Rezeption zu sprechen:

"Bedenke ich meine eigene linksradikale Biographie, so kreuzte Juenger
mehrmals meinen Weg. Sowohl Ernst Juenger als auch Carl Schmitt galten
bereits waehrend der Studentenrevolte im SDS als eine Art Geheimtip, umgeben
von der Aura des intellektuell Obszoenen. Denn es waren Faschisten,
zweifellos, und dennoch las man sie mit grossem Interesse. Je militanter
sich die Revolte gestaltete, je mehr der 'Kaempfer', der 'Fighter' in den
Vordergrund trat, desto sinnfaelliger wurden die Parallelen. Spaeter, als
laengst die 'Subjektivitaet', die 'Politik der ersten Person' angesagt war,
da las man wiederum Ernst Juenger, diesmal den Drogen-Juenger. Und noch
spaeter, als der Klassenkampf endgueltig Don Juan oder fernoestlicher
Erleuchtung gewichen war, da starrte das neulinke Dritte Auge auf den
kosmischen Juenger, von Juengers Affinitaet zur vorindustriellen Welt und
seiner Zivilisationskritik ganz zu schweigen.

Der Herr Major hat also eine Entwicklung begleitet und wohl auch dann und
wann beeinflusst - rueckblickend wuerde ich sagen: keineswegs segensreich -,
deren vorlaeufiges Ergebnis ihm nunmehr donnernde Anklage aufs Altenteil
nachschleudert, und dies in einem Stil, der ihm, bei anhaltender
Gedaechtniskraft, wohlvertraut sein muesste. Er ist in seiner Intoleranz
einfach urdeutsch." 

Der Artikel ist auch insofern aufschlussreich, als er Fischers
Naheverhaeltnis zum anglo-amerikanischen Gesellschaftsmodell offenbart;
Fischer bezieht sich an einer Stelle sogar, wenn auch nicht expressis verbis
, auf das First Amendment. Vor diesem Hintergrund ist Fischers pro-
atlantische Haltung, nicht zuletzt waehrend der rezenten Irak-Krise,
vielleicht weniger ueberraschend, als sie manchen erscheinen mag. 

Gesagt sei auch noch, dass neben Fischers Artikel noch zwei weitere zur
Juenger-Kontroverse in der besagten Ausgabe von "Pflasterstrand" abgedruckt
wurden: "Der Krieg als Klassiker. Unsystematische Gedanken eines Juenger-
Lesers" von Emil Nichtsnutz, sowie "'Hier fehlt ein Clausewitz'. Ueber die
mangelnde theatralische Strategie der Gruenen" von C. Sciolti, beide Artikel
zwar ambivalent, aber doch eher pro Juenger. Die Juenger-Debatte im
"Pflasterstrand" hatte die Redaktion uebrigens mit der Ueberschrift "Im
Papiergewitter" versehen. In der redaktionellen Einleitung hiess es: 

"Vieles kann man gegen Ernst Juenger einwenden, vieles auch gegen diese
Preisverleiherei, vieles mutmassen ueber politische Hintergruende dieser
Wahl der Jury. Viel mehr ist aber im Grunde zu sagen gegen eine kulturelle
Verbloedung, die mit Ranke angefangen eine Traditionslinie ueber Nietzsche
bis zu Hitler zieht. Die juedische Kultur haette da einiges zu lehren: dort
weiss man immerhin noch zwischen Taten und Gedanken zu unterschieden. In
Deutschland aber gilt alles aus Ideen abgeleitet, sind die Gedanken schuld,
wenn jemand etwas tut, muss der Geist ausgemerzt werden, damit die boese Tat
nicht geschehe. Unsere Autoren Joschka Fischer, Emil Nichtsnutz und C.
Sciolti sind sich, so unterschiedlich sie argumentieren, in einem Punkt
einig: 'Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!'"

Gruesse,
RBR

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"Thirty years of hurt / 
 Never stopped me dreaming"




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