Eine kurze, heftige Eruption erbitterter Feindschaft zweier Mystiker aus dem nationalistischen Lager - und alles andere als ein ‘großer Wohlklang’. Jünger ist zuerst spöttischer Provokateur und, als die Eruption beginnt, kühler Beobachter im Hintergrund, während seine Frau genau dann in Aktion tritt: diese Rollenverteilung wird einige Jahre später in prekären Situationen häufiger zu beobachten sein. Es wundert nicht, daß Jünger Anfang 1944 gerade im Pariser Hotel „Raphael", dort, wo es seiner Ansicht nach nicht um den Krieg, sondern den „Bürgerkrieg" ging, mit Hielscher auf diesen Abend zurückkam; denn damals muß ihm gedämmert sein, welche Gewaltpotentiale in der weimarfeindlichen ‘nationalen Bohème’ schwelten: christliches Opferdenken, nordische Mystik, all das gehörte ja auch zu den vielen Strömungen, die in der Nazi-Bewegung zusammenflossen - um dann sofort wieder in feindliche Sekten und Bünde zu zerfallen. Um die Wende zu den 30er Jahren setzte langsam Jüngers Rückzug aus den nationalistischen Kampforganen ein, flankiert von „Das abenteuerliche Herz", mit dem er neues literarisches Terrain betrat, vor allem aber flankiert von der Geschichtsphilosophie seiner „Arbeiter"-Schrift: mit ihr hatte er im aufgeladenen Zeitklima, auch im von solchen Feindschaften durchzogenen Szenarium der militanten Rechten, ein eigenes metaphysisches Gerüst installiert, an dem er sich aus der Niederung - wie er später schrieb - ‘vergröbernder’, ‘eingleisiger’ Aktionen herausschwang. In den folgenden Jahren ist er nur noch am Rande von „Aktionen" zu finden; eher unfreiwillig, als es etwa im Dezember 1930 bei der Uraufführung des Filmes „Im Westen nichts Neues" zu Straßenschlachten auf dem Berliner Nollendorfplatz kam: ZITATORIN: Mein Gebieter und ich standen eng gepreßt und von den Schultern herkulischer Gestalten eingerahmt, in der Türe des Hahnen’schen Restaurants; wir waren kaum dem Autobus entstiegen, als wir mit hundert anderen, uns Unbekannten, gleichsam auf einer Woge hinweggeschwemmt und hier gelandet wurden. TEXT: Gezielt begab sich Jünger an den Rand, als wenige Tage später Goebbels bei der Hochzeit Arnolt Bronnens mit Olga Schkarena auftauchte, einer jungen russischen Emigrantin, die unter anderem Goebbels Geliebte war: ZITATORIN: Gegen Abend erschien Dr. Goebbels. Die Neugierde, ihn zu sehen und zu sprechen, ergriff von allen, einschließlich seiner Gegner, Besitz; ausgenommen die Gruppe um Ernst Jünger, die sich sogleich nach seinem Eintritt in das Rauchzimmer verzog. TEXT: Räumlich scheint Jünger also schon 1930 Distanz zu den Nationalsozialisten gesucht zu haben, während er den Beginn seiner inneren Distanz ja recht unterschiedlich, zuweilen erst ins Jahr 1938 datierte. Immerhin lehnte er Ende der 20er Jahre das Angebot ab, für die NSDAP in den Reichstag zu ziehen, und zog sich überhaupt aus der Tagespolitik zunehmend zurück. Die Frage ist nur, ob dieser Rückzug wirklich nur politische Gründe hatte und nicht durch sehr verschiedene Impulse ausgelöst war: seine literarische Entwicklung, den Aufbruch in die Ordnungsmetaphysik des „Arbeiters", die Reibungen in der militanten Rechten, die in der geschilderten Szene ja nicht zufällig erst das Machtwort seiner Frau beendete - wie ohnehin die Situation mit Frau und Kind für ihn die Vorzeichen änderte. Durch die neue Distanz geriet er aber in die prekäre Lage, ähnlich wie Niekisch, Fischer und Hielscher als potentieller Mitstreiter der Nationalsozialisten von ihnen plötzlich als Angehöriger einer feindlichen Sekte im eigenen Lager betrachtet zu werden. Eben jene Olga Schkarena, die Gobbels-Geliebte, die auch eine Freundschaft mit Gretha Jünger verband, war die ominöse Informantin, die sie nach 1933 in ihrer naiven Art darüber auf dem Laufenden hielt. ZITATORIN: Olga (...) erbietet sich, in gewissen ihr zugänglichen Karthoteken nachzublättern und das Material durchzusehen, das gegen uns vorliegen mag. (...) „Ich pfeife darauf, was du dort finden kannst!" sage ich böse, aber auch wiederum gerührt durch ihre Treue. (...) „Denke dir!" kommt sie also eines Tages aufgeregt zu mir, und das Hütchen fliegt durch das Zimmer auf den nächsten Sessel: „Ich hab es! Dein Mann ist ein Nationalbolschewist, (wie schrecklich Gretha!) und du giltst als meine Freundin!" Und darauf ist sie nun ganz stolz. "Weißt du, es kann dir ja dann garnichts passieren, ich kenne doch alle diese hohen Funktionäre!" Aber es hilft nichts: wir treffen Anstalten, Berlin zu verlassen und nach Goslar überzusiedeln. TEXT: Dem Rückzug Ende 1933 nach Goslar im Harz gingen wiederum Angebote eines Sitzes im Reichstag und der „Deutschen Akademie der Dichtung", Jüngers Ablehnungen, aber auch Haussuchungen der Polizei voraus. Bei der ersten war Jünger alleine in der Hohenzollernstraße, während seine Frau, als sie davon erfuhr, zornig aufs Steglitzer Polizeirevier stürmte und den wachhabenden Offizier zur Rede stellte. Ihre Reaktionen - übrigens auch Goebbels gegenüber - waren offenbar impulsiv und provokativ, ebenso wie ihre Äußerungen: ZITATORIN: Es wird nun langsam ungemütlich in der großen Stadt, und niemand kann sich vor Fahnen und Aufmärschen, Eintopf-Spendensammlern und den eigenen Portiers mehr retten, die allesamt zu verdienstvollen alten Kämpfern aufrücken, auch wenn sie gestern noch „dagegen" waren. Der Kult der Ahnen beginnt, ein jeder fahndet nach Stammbüchern und reinblütigen Voreltern, und wo sie nicht nachzuweisen sind, erheben gewisse Mütter trauervolle Selbstanklagen gegen sich. Denunziationen setzen ein, und der Nachbar beargwöhnt den Suppentopf in Hausnummer vier, Parterre links, da Kalbsbraten nicht auf der Liste steht. Das Volk will sparen, heißt es. Nach den Kaffeeschnüfflern eines vergangenen Zeitalters rücken nunmehr die Suppenschnüffler an. TEXT: Jünger, der solche nach 1945 geäußerten Ansichten oft als nachträgliche Widerstandsrhetorik abtat, mag es auch von seiner Frau als peinlich empfunden haben, solche Texte zu publizieren - auch ein möglicher Grund, warum er sie nie erwähnt hat. Doch von dieser ersten Haussuchung, die ihm seine prekäre Lage nach der Machtergreifung vor Augen führte, hat er später selbst berichtet. Wie tief der Chock über die neue Gefahrenlage nach 1933 bei ihm saß, zeigt ein kurzer Passus: 1. ZITATOR: Was das persönliche Verhalten angeht, so machte ich auch in diesem Falle wieder die Erfahrung einer Teilung der inneren Kräfte, die mich schon oft beschäftigte. Man liest, es klingelt, man öffnet die Tür und sieht zwei Bewaffnete davor. Ehe das Bewußtsein die Lage erfaßt hat, erhält es bereits die Ankündigung, daß es jetzt etwas wahrzunehmen gibt. Woher kommt diese Ankündigung? Ein Teil der beobachtenden Instanzen zieht dann aus, betrachtet den Vorgang von außen her, vielleicht von der Zimmerdecke aus. Der Auftritt wird nun zugleich sehr scharf gesehen und fremdartig, wie eine Erzählung, ein Traumprotokoll. TEXT: Das ist eine der raren Beschreibungen, wie Jüngers Wahrnehmung in extrem bedrohlichen oder auch schönen Situationen funktioniert hat. Sie findet sich bei ihm nur für wenige, existenziell einschneidende Momente wie in der Sommes-Schlacht 1918 oder später auf der „Atlantischen Fahrt" im Urwald oberhalb von Rio de Janeiro; die Verwandlung solcher Sensationen in scharf gesehene, aber fremde Traumprotokolle ist für seine Literatur elementar, geradezu die ästhetische Grunderfahrung, bei der durch eine Ich-Spaltung eine hereinbrechende Gewalt aus einem plötzlichen Nah-Ereignis in ein Fern-Bild verwandelt wird. Aus solchen Einschnitten kann man Jüngers literarisch-biographische Umschwünge ableiten, die Echos der Chocks sind. Auch seine Versuche, in den 20er Jahren immer wieder die Stahlgewitter des Ersten Weltkriegs zu durchdringen, gingen ja von solchen Chocks aus - das ist ein Teil der Traumatisierung, die Heiner Müller als Jüngers „Jahrhundertproblem" andeutete. Auch das Jahr 1933 war mit dieser plötzlichen Haussuchung ein solcher Einschnitt. Doch dieses Mal hat Jünger darauf anders reagiert als in den 20er Jahren mit politischer Aggression. Während seine Frau in diesen Situationen - auch in der Folgezeit - oft mit Gegenattacken reagierte, hatte er die Vorzüge der Defensive entdeckt. Die Rückzüge der Jüngers nach Goslar, dann nach Überlingen am Bodensee und schließlich nach Kirchhorst sind räumliche Ausdrucksformen der neuen Reaktion. Natürlich hatte er für frühere Chockerfahrungen inzwischen literarische und geistige Gegenstrategien gefunden, die „Das abenteuerliche Herz", der „Sizilische Brief an den Mann im Mond" und „Der Arbeiter" zeigen. Doch es kommt ein alltäglicher, aber nicht weniger schwerwiegender Grund hinzu, der sich nur für Jüngers Außendarstellung nicht sonderlich gut eignete. Obwohl er sich nach außen immer noch auf den „wesentlich soldatischen Charakter" seiner Arbeit berief, lebte er längst als homme de lettre mit Familie in völlig veränderter Lage. Und genau zu dem Zeitpunkt, als der totale NS-Staat 1933 seine ambivalente Haltung zur eindeutigen Entscheidung zwang, stand die Geburt des zweiten Sohns Alexanders bevor. Damals hat er im Sinne seiner neugewonnenen literarischen Souveränität und der erhöhten existenziellen Angreifbarkeit reagiert: er war nicht mehr nur der Dandy in Uniform, der somnambul über Schlacht- und Konfliktfelder streifte - und wenn seine Existenz nach 1933 auch ein Fall von „machtgeschützter Innerlichkeit" blieb, so wird seine Optik im folgenden Krieg eine erheblich andere sein. Jünger und seine orthodoxen Verehrer und Kritiker haben gleichermaßen immer den Mythos gehegt, daß er Autor nicht etwa durch triviale Umstände geworden, sondern schon immer gewesen sei. Leider läßt sich der Einfluß auch trivialer Umstände auf seine literarische Haltung nicht in den Tagebüchern vor 1933 und bis 1939 nachprüfen, denn sie sind unveröffentlicht oder vernichtet; sofort nach der ersten Haussuchung hat Jünger viele Papiere zur Mülltonne getragen, und Gretha Jünger beschrieb, wie sie in der Nacht des 20. Juli 1944 weitere verbrannt hat. Trotzdem sind solche Einflüße auf seine Beobachterhaltung recht präzise in dem Moment zu erkennen, als er zum zweiten Mal in den Krieg zog. Gretha Jüngers Aufzeichnungen zeigen, daß bis dahin das Kalkül des Rückzugs in die Provinz aufgegangen war, allerdings um den Preis, in Goslar die Schattenwelt des Nationalsozialismus weitgehend zu übersehen: ZITATORIN: eine völlig andere Welt tat sich hier auf als jene, die wir in Berlin zurückgelassen hatten. Ruhe, Gelassenheit, ein Abwarten der Dinge. Nichts von der politischen Spannung, der Elektrizität, dem unentwegten Auf und Ab der großen Stadt (...) TEXT: Jünger war häufig auf Reisen, unter anderem in Norwegen und Südamerika, auch während des Umzugs nach Überlingen. ZITATORIN: 24. Dezember 1936 Prächtige Tanne in der Bibliothek und die Kinder beschenkt, die sehr fröhlich waren; Romain kehrt erst in den kommenden Tagen vom Amazonas zurück, aber ein Bote von ihm brachte einen Strauß weißen Flieders, der auf dem Tische steht. Spät am Abend ging ich durch alle Räume des neuen Hauses und spürte den Wohngeistern nach. Von der Terasse aus blickte ich noch lange auf den See und die dunkle Hügelkette des jenseitigen Ufers; diese Landschaft ist in ihrem Zauber unerreicht und schön wie ein paradiesischer Garten. TEXT: Manchmal huschten durch den paradiesischen Garten am Bodensee Schatten der Zeit: ZITATORIN: Der Garten im Schatten grünen Laubes, am Hange sonnen sich die Eidechsen. KdF.-Dampfer: dichtbesetzt, Pauken und Trompeten, dicke Bäuche, Strohhüte, wieherndes Gelächter. Mein Herz weiß nichts von dieser Volksgemeinschaft! TEXT: 1937, nach der Verhaftung Ernst Niekischs und anderer aus Jüngers nationalrevolutionärem Freundeskreis, wurde die Idylle der inneren Emigrationslandschaft unheimlicher. Reflexe auf Hitlers Besetzungspolitik und Kriegsvorzeichen tauchen in den Tagebüchern auf, merkwürdig widersprüchlich zuweilen: ZITATORIN: 7. Juni 1939 Wien wird zum Vasallen Preußens degradiert, und obwohl ich Preußin aus Blut und Neigung her bin, erschreckt mich diese Besitzergreifung doch in höchstem Maße, sie deprimiert mich. TEXT: Aber wenige Wochen später auch: ZITATORIN: Südtirol bleibt den Italienern. Unglaubliche Vorstellung! TEXT: Der Entschluß, nach Kirchhorst zu ziehen, ist bereits ein Akt der Kriegsvorbereitung. ZITATORIN: Ich brauche, um die Kinder versorgen zu können, ein Landhaus mit Gärten und Ställen, ich muß Geflügel züchten und Schweine füttern lernen. Wir suchen danach, wir geben Annoncen auf: es meldet sich nichts. Endlich greift von Goslar her Freund Pfaffendorf ein, er bestimmt unseren neuen Wohnort, indem er auf einen solchen Landsitz in der Nähe Hannovers verweist, den wir, da die Zeit drängt (...), ungesehen mieten. TEXT: Jünger hat inzwischen in der zweiten Fassung vom „Abenteuerlichen Herz" in einer weiteren literarischen Metamorphose fast alle Spuren des Ersten Weltkriegs getilgt. Sein schon vorher nur mit „Gummihandschuhen" eines Operateurs berührtes Ich verschwand nun noch weiter in Traumwelten, so wie er mit dem „Arbeiter" längst aus nationalen Frontstellungen in den künftigen „Weltstaat" unterwegs war. Als sie im Frühjahr 1939 nach Kirchhorst umgezogen waren, schloß er mit „Auf den Marmorklippen" auch den Versuch ab, die an der totalen Mobilmachung der NS-Zeit beteiligten Kräfte in ein überzeitliches Mosaikbild einzusetzen, in dem sich auch die eigene Fluchtbewegung der letzten Jahre abzeichnete. Als am 1. September 1939 mobilgemacht wurde, endeten die Fluchtwege des träumerischen Anarchen an der Wirklichkeit des neuen Krieges. ZITATORIN: Der Krieg ist ausgebrochen. Am Mittwoch verließ uns Romain, um sich in Celle zu stellen (...). Während wir an der Pforte standen und den Wagen erwarteten, überkam mich ein Gefühl der Erinnerung wie an einen fernen Traum, den ich bereits einmal durchlebt hatte. Betrübt. TEXT: Auch in diesen Krieg zog Jünger als Beteiligter und Beobachter; das erwartete Schlachtfeld hat er dieses Mal aber nicht gefunden. In Frankreich ging es vielmehr durch eine gespenstische Landschaft voller Trümmer und Leichen, bis Paris erreicht wurde. Außerdem war seine Wahrnehmung auf unerwartete Weise gespalten; nicht nur bot ihr dieser Bewegungskrieg keinen Brennpunkt mehr, so daß er unterwegs nostalgisch einmal einen General fragte, ob denn zu hoffen sei, noch „ins Feuer zu kommen". Stattdessen lenkten seine Aufmerksamkeit häufig Gefühlswellen und Erinnerungen an die ihm nahen Personen ab. Kurzum: in diesem Krieg war er nicht mehr ohne Erfahrung mit Frauen, was die frühere Zentrierung seines ‘kalten Blicks’ auflöste und ihn fast so oft über Frauen wie über Kriegsphänomene nachdenken ließ. Im Oktober 1943 formulierte er den Unterschied schließlich einmal selbst, allerdings nicht, ohne ihn sofort wieder zu verwischen: 1. ZITATOR: Im ersten Weltkrieg war ich allein und frei; durch diesen zweiten gehe ich mit allen Lieben und mit aller Habe hindurch. Doch träumte ich zuweilen im ersten Weltkrieg von diesem zweiten; ähnlich wie während des Vormarsches durch Frankreich 1940 mich weniger die Bilder der Gegenwart erschreckten als die Vorschau auf künftige Vernichtungswelten, die ich im menschenleeren Raum erriet. TEXT: Wenn Jünger jetzt auf solche scheinbar trivialen Gefühlslagen stieß, dementierte er ihre Bedeutung oft im selben Atemzug, indem er etwa das Unwandelbare seines träumerischen Sehertums betonte. Doch zeigen „Strahlungen", die Tagebücher des 2. Weltkriegs, wie später kaum je wieder die ihm neuen Gefühlslagen. Schon 1939, kurz bevor er nach der Mobilmachung an die französische Grenze abrückte, blitzte plötzlich der Stern auf, unter dem er jetzt seine Existenz stehen sah. 1. ZITATOR: Wieder ein Wechsel, diesmal nach Bothfeld zu den 73ern, bei denen ich morgen antrete. Bis dahin verbringe ich die Stunden in Hof und Garten und in Gesellschaft von Perpetua. Die Bäume tragen schönes und schweres Obst. Zur Astrologie. In unserem Lebenslauf begegnen wir stets der einen, die uns aus unseren vorgeschriebenen Bahnen wirft und zur Begleitung zwingt, ob wir nun wollen oder nicht. Demgegenüber flammen die anderen Berührungen nur wie Kometen oder Meteore auf; und alles, was Eros ferner bringt, steht unter dem Einfluß der Gebieterin. TEXT: Eine Sprache der Gefühlswelt hat Jünger zwar letztlich auch unter diesem Stern nicht gefunden - sie blieb die große Lücke in seinem literarischen Werk. Doch drückten sich seine Gefühlslagen entweder in abstrakten Bildern wie diesem astrologischen aus, in dem er als in ein weibliches Kraftfeld geratener Planet figuriert; oder aber in der Zerrissenheit seiner Wahrnehmung. Von Anfang an zog es sie in diesem Krieg immer wieder zum Kirchhorster Gegenpol. 1. ZITATOR: Lintgen, 23. Mai 1940 Auf dem Marsch erfuhr ich durch Urlauber, daß die Werke von Misburg, ganz nahe bei Kirchhorst, durch Bomben getroffen sind. (...) Das ist in der Tat der totale Krieg, während dessen man an jedem Punkte der Existenz gefährdet ist. TEXT: Nicht nur war der Krieg ein anderer; auf der neuen Planetenbahn hat Jünger schnell gespürt, daß auch seine Wahrnehmung nicht mehr auf einen gefährdeten Punkt gerichtet, sondern auf mehrere Punkte zerstreut war. Und in Kirchhorst, wo Gretha Jünger wie in einer Chronik den kurz nach Kriegsbeginn einsetzenden Bombenkrieg beschrieb, mußte sie nun umgekehrt die eigentlich ihrem Mann zugeschriebene Haltung einüben: ZITATORIN: 28. Juni 1940 Allnächtlich schwerste Luftangriffe auf Misburg, bislang gingen vierzehn Öltanks in Flammen auf. Düsteres, gigantisches Schauspiel am Himmel; das Haus bebt, ein Regen von Splittern im Garten. Rechts und links von uns das Donnern der Abschüsse, die Motoren im kreisenden Flug über unseren Köpfen; die Leuchtmunition, raketengleich aufsteigend, der Aufprall der Bomben. Riesige, in der Luft schwebende Magnesiumkugeln als Zielrichtung für die Abwürfe. Zu meiner Genugtuung gänzlich kaltblütig. TEXT: Bis er nach dem 20. Juli 1944 aus der Wehrmacht entlassen wurde und nach Kirchhorst zurückkehrte, blieb Jüngers Wahrnehmung gespalten. Das barg, angesichts der Bombenangriffe, einerseits Schrecken, die er vorher noch nicht kannte. 1. ZITATOR: Paris, 28. September 1943 Die Meldungen erwähnen wieder einen starken Angriff auf Hannover in der vergangenen Nacht. So gehen die Tage gleich Zacken einer Säge über uns dahin. TEXT: Andererseits milderte das aber auch zuweilen die eigenen Schrecken, wie etwa das extreme Gefühl von Verlorenheit, das ihn auf der Kaukasus-Reise in der russischen Landschaft überfiel. 1. ZITATOR: Woroschilowsk, 6. Dezember 1942 Sonntag, bei klarem Frost. Auch liegt ein wenig Schnee. Ich ging am Morgen im Wald spazieren und gedachte beim Anblick der leichten, reinen Decke des wunderlichen Verses, den Perpetua in unserer Leipziger Mansarde einst im Erwachen vor sich hinmurmelte: „Es schneet der Wind das Ärgste zu - -" TEXT: Doch noch etwas anderes spaltete seine scheinbar unberührbare Beobachterposition in diesen Jahren auf: Frauenaffairen. Anspielungen finden sich in Gretha Jüngers Tagebüchern seit 1941: ZITATORIN: Die Sucht nach Berühmtheit ist eine der stärksten menschlichen Begierden, und die Frauen sind es, die sich notgedrungen auch mit dem Schattenriß begnügen. Sie ziehen es weitaus vor, die Geliebte eines Mannes zu sein, von dem alle Welt spricht, als die Ehe mit einem solchen zu einzugehen, den niemand kennt. TEXT: Es folgten Grübeleien über Lügen, Wahrheit, das Gift des Mißtrauens, und im Februar 1943 benannte sie dann unmißverständlich die Situation: ZITATORIN: Über die legitime Frau und die Geliebte: Zwischen der Herrscherin und der Favoritin kann ein Kampf um die Macht immer nur von der letzteren ausgehen. Das beweist, daß sie sich vor einer Niederlage mehr zu fürchten hat. TEXT: Wenn man diesen Hintergrund kennt, wird eine ganze Reihe recht wolkiger Tagebuchnotizen Jüngers plötzlich klar, in denen diese Geschichte, die offenbar von ziemlich explosiven Konflikten begleitet war, zugleich erzählt und verborgen ist; etwa: 1. ZITATOR: Wir Menschen - unsere Begegnungen in der Liebe, unsere Kämpfe um Treue, um Zuneigung. Ihre Bedeutung ist größer, als wir wissen; doch ahnen wir sie in unseren Leiden, unserer Leidenschaft. Es handelt sich darum, welche Kammer wir im Absoluten, jenseits des Todesreiches teilen, bis zu welcher Höhe wir gemeinsam emporsteigen. Daraus erklärt sich das Entsetzen, das uns zwischen zwei Frauen ergreifen kann - es geht um Heilsfragen. TEXT: Jünger befand sich in diesem Krieg zugleich bis zum „Entsetzen" in einem Gefühlskrieg, der ein Kapitel seiner éducation sentimentale darstellt, auch wenn er sich ihr literarisch nie ohne pompösen Überbau aus Tod und letzten Heilsfragen näherte. Doch seitdem Frauen einen Gegenpol in seinem Horizont bildeten und die starke Panzerung rissig wurde, die seit dem Ersten Weltkrieg seine Beobachtungsposition absicherte, ist durch die Risse auch eingedrungen, was zu seinem „kalten Blick" nicht zu passen scheint: Temperaturen von Nähe, moralische Impulse, Mitgefühl. Auch diese Geschichte, die Spuren von Jüngers sentimentaler und empathischer Seite, erzählen die Tagebücher seit 1939, die kaum noch heroische, sondern fast nur noch Kehrseiten des Krieges schildern. 1. ZITATOR: Erst in den Zuchthäusern wird uns ja deutlich, welcher Wert in den Gefährten sich verbirgt. Man kann auf alles verzichten, wenn nur die Menschen nicht verlorengehn. TEXT: Auf welcher neuen Bahn Jünger dorthin gekommen war, zeigt eine Notiz von 1941, als er sich an Alfred Kubins Voraussage erinnerte, auch er werde die Begegnung mit Frauen einst auch geistig genießen, und erstaunt über ihr Eintreten feststellte: 1. ZITATOR: Die Änderung hat etwas Bestürzendes für mich, gerade weil ich mit meinem Lauf zufrieden war, wie ein Ballistiker, der sein Geschoß die vorgeschriebene Bahn durchmessen sieht. Dann wendet es sich ins Unbeschränkte ab, in Räume jenseits der Logik, jenseits der klassischen Physik. Er kannte die Gesetze der Stratosphäre nicht. TEXT: Diese „Stratosphäre" allerdings lag nicht im fernen Weltall, sondern auf der Erde, in Jüngers Alltag. Seine Vita und literarische Entwicklung ist um vieles irdischer, als die Selbstinszenierung vorspiegelt. Um Jüngers Denkwege wirklich zu erfassen, muß man seinen Mythos durch die verborgeneren Fakturen seines Lebens ergänzen. Erst dann tritt das Faszinierende zutage: daß er nicht nur mit kaltem Blick die Extreme des Jahrhunderts ausmaß, sondern daß etwa seine éducation sentimentale allmählich auch die Traumatisierungen entschärfte, die seinen kalten Blick erzeugt hatten. Es ist paradox, daß sich das nach 1933 gerade in der Zeit abspielte, als die kollektiven Traumatisierungen der Deutschen sich in brutaler Vernichtungspolitik entluden und Jüngers frühere Kriegsbücher ihre größte Popularität erreichten. Damals scherte Jünger aus dem Gleichschritt aus, in dem er nach außen immer mit dem Jahrhundert schien. Sicher: die Macht der Traumatisierung schwand bei ihm nie völlig; aber neben dem darüber gewölbten metaphysischen Überbau zeigen sich bei ihm doch die Gegenbewegungen: das sind, in den Polen von Krieg und Frauen, die widersprüchlichen Spuren des „Jahrhundertproblems", das Heiner Müller andeutete. 1. ZITATOR: Vincennes, 3. Mai 1941 Place des Ternes, in der Sonne vor der Brasserie Lorraine. (...) Mir gegenüber ein Mädchen in Blau und Rot, das vollkommene Schönheit mit einem hohen Maß von Kälte vereinigte. Eine Eisblume: wer sie auftaut, zerstört die Form. TEXT: So zerstört zu werden - das war lange seine Angst. Erst als sie sich löste, konnte er anders als nach dem ersten Krieg zumindest Fragmente dieser zurückgewonnenen Gefühle auch in den politischen Raum einblenden. Im November 1945 schrieb er, es sei nun die Kehrseite der deutschen Hybris zu studieren, doch liege „im Schmerz, im Leiden das eigentliche Kapital der Zeit". Und dann: 1. ZITATOR: Der Deutsche wird sich dereinst entschließen können, dieses Kapital (...) wieder in der Vergeltung auszumünzen - dann wird es in reiner Leidenschaft vertan. Er kann es aber auch auf Zinsen legen und mit ihm wuchern, das heißt: die Frucht des Leidens ernten, die in der Stille zureift als Weisheit, als Liebe, als innere Macht, als Lebensfreude, die der Belehrung durch Schicksalsschläge folgt. TEXT: Natürlich ließe sich das auch als eine der damals häufigen Entlastungsformeln am historischen Nullpunkt ansehen. Wenn man Jüngers Bahn verfolgt, dann war es eher die für ihn einzig mögliche Form, ins Auge zu fassen, was Kafka einmal „das Heraustreten aus der Totschlägereihe" nannte.
Markup © John King, 2008. Web archive generated Tue, 21st August 2007.