Copyright =A9 Frankfurter Rundschau 2001=20 Erscheinungsdatum 08.12.2001=20 =20 Anwalt in Stahlgewittern=20 Die literarische T=E4tigkeit als Kriegsmittel: Ernst J=FCngers Politische Publ= izistik 1919 bis 1933=20 Von Gregor Eisenhauer=20 Auch wenn die jetzt erschienene Sammlung der politischen Aufs=E4tze von Erns= t J=FCnger im einzelnen keine =DCberraschungen bietet, so ist sie doch in der = Summe ein erdr=FCckendes Zeugnis. Viele hundert Seiten politischer Prosa, be= ginnend 1919, dem Jahr des Versailler Vertrages, endend 1933, dem Jahr der= Machtergreifung, "das in der Geschichte als das Jahr der Wiederbesinnung = des deutschen Volkes auf seine gro=DFen Aufgaben immer denkw=FCrdig bleiben wi= rd." 144 Beitr=E4ge - politische Aufs=E4tze, Buchbesprechungen, Vorreden zu ei= genen Werken, Texte zu unterschiedlichen Anl=E4ssen und in unterschiedlicher= Art, denen dennoch eines gemeinsam ist: der stramm nationalistische Ton u= nd der hetzerische Impetus. "In seiner verquasten Radikalit=E4t", beeilt sich denn auch der Herausgeber = Sven Olaf Bergg=F6tz zu entschuldigen, "entspricht der J=FCnger der zwanziger = Jahre am ehesten dem klassischen Typus des zornigen jungen Wilden ... Verg= leichbar Schiller oder auch einem jungen Peter Handke". Bei allem Respekt = vor den Schwierigkeiten einer Herausgebert=E4tigkeit in diesem besonderen Fa= ll, aber es ist bei solchen Vergleichen durchaus nicht ohne Belang, gegen = wen sich der Zorn jeweils richtete. Ernst J=FCnger war Antisemit. Nat=FCrlich nicht im vulg=E4ren Sinn des Wortes; e= r fraternisiert nicht mit den Gr=F6lparolen des P=F6bels, sondern =FCberbietet s= ie infam, indem er den "Zivilisationsjuden" nur noch die Wahl l=E4sst, "in D= eutschland entweder Jude zu sein oder nicht zu sein". Ernst J=FCnger artikul= ierte mehr als nur "klammheimliche Freude" am Niedergang der Demokratie - = er war ein Staatsfeind. J=FCnger paktierte mit Hermann Ehrhardt, der die Mor= de an Erzberger und Rathenau, sowie das Attentat auf Scheidemann organisie= rt hatte. Er applaudierte =F6ffentlich den Bombenanschl=E4gen der Landvolkbewe= gung, die sich gegen den "j=FCdischen Parlamentarismus" richteten; und er wa= r ein fr=FCher Parteig=E4nger Hitlers - "Wir w=FCnschen dem Nationalsozialismus = von Herzen den Sieg". Dass sich J=FCnger bald darauf wieder distanzierte, ha= tte einzig den Grund, dass er Hitlers legalistische Strategie der Machterg= reifung als zu b=FCrgerlich verachtete.=20 Kurzum, Ernst J=FCnger war, und auch das ist keine Neuigkeit, ein Faschist, = und als solcher der bislang unw=FCrdigste Empf=E4nger des Goethe-Preises der S= tadt Frankfurt - was nicht hei=DFen muss, dass er ein schlechter Schriftstel= ler war. Denn darauf legt der Herausgeber Wert, Literatur und Leben sind z= u trennen, politische Prosa und Dichtung um ihrer selbst willen zweierlei:= "Letztlich war Ernst J=FCnger schon damals ein im Grunde unpolitischer Mens= ch ..." Das war er nicht - zumal diese Trennung ohnehin hinf=E4llig wird, we= nn von Kriegsliteratur die Rede ist.=20 Ein Votum f=FCr oder gegen den Krieg ist immer politisch - und J=FCnger votier= te vom Tag des Friedensschlusses an f=FCr einen Zweiten Weltkrieg, der die O= pfer des ersten rechtfertigen sollte: "Wir m=FCssen uns viel mehr bem=FChen, d= ie literarische T=E4tigkeit als Kriegsmittel zu betrachten." Hunderte, Tause= nde B=FCcher wurden in der Weimarer Republik in diesem kriegshetzerischen Si= nne geschrieben, um die "Schmach von Versailles" vergessen zu machen, Dutz= ende dieser Landserromane, hat Ernst J=FCnger selbst rezensiert und empfohle= n, niemand wird sie mehr lesen wollen. Nur zwei Kriegsb=FCcher sind uns heut= igen Lesern noch im Ged=E4chtnis: Im Westen nichts Neues und Die Abenteuer d= es braven Soldaten Schwejk. =DCber Remarque hat sich Ernst J=FCnger nicht ge=E4u=DFert, die Schwejk-Abenteuer = hingegen treiben ihm den Schaum vor den Mund. Er, der sich so gern als Hum= orist im tieferen Sinn verstand, verliert jeglichen Humor, wenn ihm von Sc= hwejk der Widersinn alles Soldatischen vorexerziert wird. Und da er Ha=9Aek = literarisch nichts entgegenzusetzen vermag, weil er sehr wohl sp=FCrt, dass = dieser etwas im guten Sinne Volkst=FCmliches, also Unsterbliches geschaffen = hat, wird er pers=F6nlich: J=FCnger denunziert den Tschechen als "Lakaiennatur= ", warnt von den zersetzenden Energien dieser "b=F6sartigen Intelligenz" und= droht gar, in Herrenreitermanier, Ha=9Aeks Lesern die Z=FCchtigung an: "da=DF d= ieser Hanswurst der Anarchie auch in Deutschland das Entz=FCcken der Kenner = hervorgerufen hat, ist das Symptom eines Zustandes, der einer anderen Beha= ndlung bedarf als der literarischen."=20 Schlechter Stil - im moralischen wie im literarischen Sinn. J=FCnger entglei= st immer dann, wenn er sich von seinen Ressentiments leiten l=E4sst. Er stim= uliert seine "apokalyptische Schadenfreude" durch unentwegte Hassreflexe g= egen alles B=FCrgerliche, gef=E4llt sich in der Attit=FCde des einsamen geistige= n F=FChrers, dem allein es aufgegeben ist, der Nation den Weg zu weisen: "Ic= h wei=DF, da=DF vorl=E4ufig ich allein imstande bin, der Sache die richtige Wend= ung zu geben ..." Wider alle Offizierstugend zeigt sich J=FCnger in seinen p= olitischen Schriften unangenehm eitel und geschw=E4tzig; man w=FCnschte sich h= in und wieder ein lakonisches Fazit der soldatischen Existenz wie das des = amerikanischen Kriegshelden und Schriftstellers James Salter: "alles ist U= nfug, au=DFer Ehre, Liebe, und das Wenige, was das Herz erkennt."=20 Das Wenige, was das Herz erkennt. Darauf lie=DFe sich pochen, werden seine L= obredner soufflieren, dass Ernst J=FCngers Unruhe des "abenteuerlichen Herze= ns" etwas ist, was uns noch immer angeht, auch wenn er sie politisch nicht= korrekt zu formulieren wusste - "mi=DFleitete Reinheit", wie es Klaus Mann = formulierte. Sehnsucht nach einer Sinngebung des Lebens, die mehr ist als = nur effiziente Freizeitgestaltung. Prek=E4re Begriffe, die da ins Spiel komm= en, zumal hier in Deutschland, wo Ehre, Mut, Selbstaufgabe Vokabeln sind, = die allenfalls noch im Sportjournalismus Verwendung finden d=FCrfen. "Gut so!", sagt die politische Vernunft des Demokraten, "denn in unserem L= and steht doch auch so alles zum besten." Das tut es nicht. Der metaphysis= che Mangel ist allgegenw=E4rtig, und diese drogen-, alkohol-, gewalt- und ko= nsumbet=E4ubte Angst vor der Sinnleere l=E4sst sich nicht l=E4nger sch=F6nreden al= s Wahlfreiheit des m=FCndigen B=FCrgers, der als solcher von der Wirtschaft un= d den Medien gar nicht mehr vorgesehen ist. Indem sie die offene Gesellsch= aft zur beliebigen hat verkommen lassen, gibt die Demokratie derzeit ihren= =E4rgsten Kritikern recht und aktualisiert Positionen, die l=E4ngst =FCberholt = schienen. "Nun ja", wiegelt die Stimme der politischen Vernunft ab, "wir s= ind eine freiheitliche Gesellschaft und als solche bem=FCht, unser Selbstver= st=E4ndnis immer neu im Diskurs zu begr=FCnden: eine Republik ohne Sinnzentrum= , ohne Mitte eben!" Ehrlicher gesprochen: Eine Republik ohne Herz. "Und=3F",= wird entgegnet, "Damit l=E4=DFt sich gut leben!" Damit l=E4sst sich nicht leben= , lehrt die Weimarer Republik. Keine Demokratie kann es sich leisten, auf = Pathos zu verzichten. Ernst J=FCnger, und insofern ist seine publizistische Gegnerschaft zur Demok= ratie noch immer beachtenswert, besa=DF advokatisches Geschick darin, sich z= um F=FCrsprecher zu machen: zum F=FCrsprecher der Jugend, der "besseren" Jugen= d, die "der leeren Spiele des Geistes =FCberdr=FCssig" war; zum F=FCrsprecher de= s Arbeiters, dem er eine weltgeschichtliche Mission jenseits gewerkschaftl= icher Lohnmaximierung phantasierte; und, in letzter Perfidie, zum Anwalt d= er Kriegstoten. Insofern er es vermochte, pathetische Formeln zu pr=E4gen, d= ie glauben lie=DFen, er verst=FCnde sich auf das Eigentliche, annektierte er d= en Enthusiasmus des utopischen Begehrens und =FCberl=E4sst die M=FChsal des poli= tischen Alltagdenkens dem demokratischen Gegner. An dieser nationalkonserv= ativen Denkfigur hat sich bis hin zu den Bocksges=E4ngen von Botho Strau=DF we= nig ge=E4ndert. Aber sie wirkt noch immer.=20 W=E4hrend sich die Demokraten in immer neuen Akten der Ablehnung definieren = - nie wieder Faschismus, nie wieder Auschwitz, nie wieder Krieg -, beharre= n die Antimodernisten auf dem Standpunkt: Das ist zu wenig - und sie haben= recht, auch wenn sie ansonsten nicht mehr zu bieten haben. Will man sich = Ernst J=FCnger und seinesgleichen als Gegner ersparen, muss man auf die einf= achen Fragen Antworten finden; Antworten, die das Herz als Wahrheit erkenn= t und nicht nur die politische Vernunft. Ernst J=FCnger: Politische Publizistik. 1919 bis 1933. Hrsg., kommentiert un= d mit einem Nachwort von Sven Olaf Bergg=F6tz. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart= 2001, 850 Seiten, 98 DM. =5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F= =5F=5F=5F=5F Die sch=F6nsten Ski-Regionen der Alpen - jetzt bei Ferienklick.de http://ferienklick.de/ski/=3FPP=3D2-5-100-105-38
Markup © John King, July 2001.