Der Landbote (Schweiz), Samstag, 22. Dezember 2001 =20 ERNST J=DCNGERS POLITISCHE PUBLIZISTIK=20 Ein gef=E4hrlicher Ritt durch das Fr=FChrot Kraftfelder und Lichtkreise: Eine aufschlussreiche Dokumentation ist die v= om Politikwissenschaftler Sven Olav Bergg=F6tz umsichtig und sachkundig edie= rte Sammlung =FCber Ernst J=FCngers =ABPolitische Publizistik=BB. HANNS SCHAUB Dass Ernst J=FCnger heute noch bei manchen als =ABumstrittener=BB Autor gilt, ma= g, zumindest vordergr=FCndig gesehen, haupts=E4chlich mit seinem Fr=FChwerk und = seiner publizistischen T=E4tigkeit w=E4hrend der Weimarer Republik zusammenh=E4n= gen. Setzt man allerdings J=FCngers fr=FChe Publikationen in angemessene Relat= ion zum =FCberaus reichen, faszinierenden Gesamtwerk, so dr=E4ngt sich eine Re= vision noch bestehender (Vor-)Urteile unabweisbar auf. Ein =DCberblick =FCber = dieses Werk l=E4sst sich vorzugsweise durch die Besch=E4ftigung mit der 20-b=E4n= digen Gesamtausgabe gewinnen. Diese enth=E4lt auch die Fr=FChwerke, also unter= anderem =ABIn Stahlgewittern=BB oder =ABDas W=E4ldchen 125=BB =96 nicht aber die eige= ntlichen politischen Schriften. Diese liegen nun, musterg=FCltig ediert, im von Sven Olaf Bergg=F6tz herausgeg= ebenen Band =ABErnst J=FCnger: Politische Publizistik=BB gesammelt vor. Es hande= lt sich dabei um =ABnahezu alle bekannten Ver=F6ffentlichungen Ernst J=FCngers i= n Zeitschriften und Sammelwerken aus den Jahren 1919=961933=BB sowie =ABalle sp=E4= ter nicht mehr in die Werkausgaben aufgenommenen Vorworte J=FCngers zu den v= erschiedenen Auflagen seiner Kriegsb=FCcher=BB. Rund ein Viertel des Bandes wi= rd vom =ABAnhang=BB mit ausf=FChrlichen Kommentaren, einem aufschlussreichen Nac= hwort des Herausgebers und weiteren hilfreichen biografisch-bibliografisch= en Angaben in Anspruch genommen. Begriffe der Bewegung Im Nachwort ist zu lesen =ABDie Fakten sind bekannt: J=FCnger ist nie Mitglied= der NSDAP gewesen, hat sich nach der Macht=FCbernahme durch die Nationalsoz= ialisten niemals positiv zum Regime ge=E4ussert.=BB Die Abgrenzung eines =ABrevo= lution=E4ren Nationalismus=BB gegen=FCber dem Nationalsozialismus kommt in J=FCnge= rs =C4usserungen wiederholt unmissverst=E4ndlich zum Ausdruck, wie etwa in die= ser: =ABDas Blut ist ein Mittel, kein Zweck. Rasse ist uns weniger ein stoff= licher als ein Bewegungsbegriff=BB oder (bereits 1926!) =ABDas Wort Rasse begi= nnt in seiner Anwendung ebenso peinlich zu werden wie das Wort Tradition=BB.= Nimmt man S=E4tze wie =ABDas Blut ist der Brennstoff, den die metaphysische Fl= amme des Schicksals verbrennt (...) Die magnetische Kraft des Blutes bedar= f keiner Merkmale und Erkennungszeichen materieller Art. Seine Einheiten f= inden sich im Raum wie sich zwei Falter in einem n=E4chtlichen Tale finden u= nd w=E4ren sie die einzigen in einem meilenweiten Kreis=BB und stellt sie stat= t in den Kontext einer anfechtbaren politischen Idee in den einer Willensp= hilosophie, so wird ihre unverminderte G=FCltigkeit deutlich erkennbar. Die = lebenslang bestehende N=E4he des Autors zu Schopenhauer und die des sp=E4ter J= =FCnger zu Max Stirner ist in diesem Zusammenhang h=F6chst aufschlussreich. Unter den insgesamt 144 Texten des Bandes finden sich viele, freilich dank= der rasant und elegant wirkenden Formulierungen kaum erm=FCdende Wiederholu= ngen, aber auch Passagen, die des Autors damalige Position schlaglichtarti= g zu erhellen verm=F6gen. So entdecken wir beispielsweise in dem im Jahr 192= 6 entstandenen Artikel =ABGross-Stadt und Land=BB die S=E4tze =ABDer Wert eines Gl= aubens beruht nicht auf der Objektivit=E4t dessen, woran man glaubt, sondern= allein auf der Intensit=E4t, auf der Innigkeit und Durchschlagskraft dieses= Glaubens selbst. Und so soll der Vergleich mit der franz=F6sischen Aufkl=E4ru= ng nicht dazu dienen, festzustellen, welche Quellen der Kraft f=FCr uns, die= Menschen der modernen Stadt, in der Natur, sondern welche im Glauben an s= ie vorhanden sind.=BB Wille und Glaube, Entschlossenheit und Intensit=E4t sind= Begriffe, denen man in diesen Texten h=E4ufig begegnet. Sie umschreiben wes= entliche Elemente eines Kampfs, in dessen Feldern nicht nur Zielsetzungen = und Strategien, sondern auch Analysen von unverkennbarer Bedeutung sind. B=FCrgerliche Scheinwerte So wenig der vom fr=FChen (konkret: vom 24- bis 38-j=E4hrigen) J=FCnger als Prin= zip verstandene Nationalismus, und insbesondere der Kult mit dem Kriegeris= chen und Soldatischen, sich unreflektiert nachvollziehen l=E4sst, so sehr is= t andererseits die radikale Ablehnung des Autors von, oftmals mit derselbe= n Eingleisigkeit vertretenen, sp=E4tzivilisatorisch-fortschrittsorientierten= , =ABb=FCrgerlichen=BB (Schein-)Werten verst=E4ndlich. Gerade hier wird eine nicht= zu untersch=E4tzende Ambivalenz erkennbar: Das Unbehagen an einer =F6den Vers= achlichung aller Lebensbereiche verf=FChrte den jungen Autor einerseits zu b= edenklichen politischen Bekenntnissen =96 und war ihm andererseits Quell der= Inspiration zu faszinierenden Fr=FChwerken wie der Erstfassung von =ABDas abe= nteuerliche Herz=BB oder der bis heute zu wenig beachteten Erz=E4hlung =ABSturm=BB= . Gewiss stand Ernst J=FCnger selbst in seiner =ABnationalistischen Phase=BB wei= t n=E4her bei einem Baudelaire als bei einem Hitler. In einem als besonders =ABschlimm=BB geltenden Beitrag, der =ABTotalen Mobilmach= ung=BB von 1930, findet sich der Satz =ABDie Gefallenen gingen, indem sie fiel= en, aus einer unvollkommenen in eine vollkommene Wirklichkeit, aus dem Deu= tschland der zeitlichen Erscheinung in das ewige Deutschland ein=BB. Denkt m= an sich das Wort =ABDeutschland=BB weg, so wird die unverminderte philosophisc= he Richtigkeit dieser =C4usserung deutlich =96 eine Richtigkeit freilich, die = in unserer sich zu Tode s=E4kularisierenden Welt zunehmend verdr=E4ngt wird. Um auf die Abgrenzung zum Nationalsozialismus zur=FCckzukommen. Es sind vor = allem drei Dinge, die J=FCnger von diesem (in eindeutig qualitativem Sinne) = trennen. Zum einen betrifft es den geistigen Hintergrund des Autors, der w= esentlich von Gestalten wie Hamann, Herder, H=F6lderlin und Schopenhauer bes= timmt wird. Es ist zum andern eine den Nazis fremde Bewusstseinshelle, die= sich in =C4usserungen wie =ABDie Materialschlacht (...) ist das genaue Bild e= ines materialistischen Geschlechtes, mit allen seinen Fehlern und Vorz=FCgen= , ins Furchtbare transponiert=BB ausdr=FCckt. Als Drittes schliesslich f=E4llt a= uf, dass, bei aller Eindringlichkeit und bisweilen auch =ABMartialit=E4t=BB gewi= sser Formulierungen, J=FCngers Tonfall nie jene bei den Nationalsozialisten = (und =FCbrigens auch bei den Kommunisten) so verbreitete Geh=E4ssigkeit und Fe= indseligkeit erkennen l=E4sst =96 eine Stilfrage, gewiss, aber auch noch mehr = als eine solche. J=FCnger war gewissermassen ein eleganter Fechter, jedoch s= icherlich kein Boxer oder Schl=E4ger. Mithin entsprach er im Mass der Lauter= keit dem Modellbild des Ritters, im Mass des gelebten =ABSpleens=BB dem eines = geistigen Abenteurers, der er =96 durch alle subtilen Jagden, alle Grenzg=E4ng= e, alle Erweiterungen hindurch =96 ein Leben lang blieb. Masse und Recht Im Aufsatz =ABNationalismus und Nationalsozialismus=BB (1927) findet sich die = aufschlussreiche Passage =ABF=FCr den Nationalsozialisten spielt daher die Mas= se mit Recht eine Rolle, w=E4hrend dem Nationalismus die Zahl ohne Bedeutung= ist, und eine Erscheinung wie zum Beispiel die Spenglers, die von der Dem= okratie eisern totgeschwiegen wird, schwerer wiegt als hundert Sitze im Pa= rlament=BB. Hochaktuell wirkt, was J=FCnger im selben Jahr zur =ABechten Humanit= =E4t, die immer im engsten Kreis beginnen muss=BB, anmerkt: =ABFreilich ist sie = etwas ganz anderes als die moderne humanit=E4re Gesinnung, die sich nicht sc= heut, ein vages Oberfl=E4chengef=FChl von Br=FCderlichkeit dem Fernsten gegen=FCbe= r mit dem Bruderkrieg im eigenen Haus zusammen zu predigen.=BB Noch immer wird Ernst J=FCnger gegen=FCber der Vorwurf erhoben, =ABseine=BB =96 wie = unl=E4ngst einer schrieb =96 =ABnationalistischen Obsessionen, die er wie selbst= verst=E4ndlich als politisches Evangelium zu vermitteln weiss, niemals ausdr= =FCcklich verworfen oder missbilligt=BB zu haben. Die Frage nach Motiv und Not= wendigkeit einer solcherart geforderten Rechtfertigung sei gestattet. Zu b= eachten w=E4re, dass J=FCnger nie den V=F6lkermord predigte; dass er zum Zeitpun= kt der Macht=FCbernahme durch die Nationalsozialisten sich bereits angeschic= kt hatte, einen Weg zu beschreiten, der in eine v=F6llig andere Richtung f=FCh= rte; dass er mit seinen B=FCchern =96 und hier dr=E4ngt sich als Beispiel der he= ute, ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung, hochaktuelle =ABWaldgang= =BB auf =96 eine tief greifende Wandlung signalisierte und dokumentierte. Der letzte Berg Eine aufschlussreiche Dokumentation ist zweifellos auch die vorliegende, v= om Politikwissenschaftler Sven Olav Bergg=F6tz umsichtig und sachkundig edie= rte Sammlung =ABPolitischer Publizistik=BB. Sie weist erhellend auf eine Gesta= lt des deutschen Geisteslebens, die wahrscheinlich durch fr=FChe politische = Irrungen und Wirrungen gehen musste, um schliesslich vom letzten Berg auf = einen Weg zur=FCckblicken zu k=F6nnen, dessen einzelne Strecken absch=FCssige St= ellen aufwiesen, der jedoch auch =96 was weit mehr ins Gewicht f=E4llt =96 zuneh= mend enorme Kraftfelder und Lichtkreise ber=FChrte.=20 Es ist jener Weg, der in der Tat =ABaus einer unvollkommenen in eine vollkom= mene Wirklichkeit=BB f=FChrt, in eine jenseits der =ABZeitmauer=BB =96 womit wir bei= m sp=E4ten J=FCnger angelangt sind. Doch das ist bereits ein anderes =96 l=E4ngere= s und substanziell ergiebigeres =96 Kapitel. Ernst J=FCnger: Politische Publizistik 1919 bis 1933. Herausgegeben, komment= iert und mit einem Nachwort von Sven Olav Bergg=F6tz, Klett-Cotta-Verlag, St= uttgart 2001, 900 Seiten, 85 Franken. =20 =5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F Keine verlorenen Lotto-Quittungen, keine vergessenen Gewinne mehr!=20 Beim WEB.DE Lottoservice: http://tippen2.web.de/=3Fx=3D13
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Markup © John King, July 2001.