list members, Ich moechte Ihre Aufmerksamkeit auf Juengers sprachphilosophische Spekulationen lenken. Ich denke, da gibt es - wie ueberhaupt in der heute kaum diskutierten Frage des Jungerschen Stils - noch viel zu klaeren. Die Frage ist, ob ein Text wie wie "Lob der Vokale" sich in das im weiteren Sinn 'politische' Denken Juengers der dreissiger Jahre einfuegt oder ob es sich dabei um reine Liebhaberei, eine Fingeruebung des 'Spracherotikers' Juenger handelt. Meine These ist, dass Juenger sich mit diesem ausserordentlichen Text einerseits philosophisch in einem Feld bewegt, das zeitgenoessisch nur noch von Benjamin mit seiner Idee der Sprachmagie betreten wurde und das derzeit in der poststrukturalistischen Bewegung (Stichworte: Koerper und Schrift; Palimpsest etc.) wieder von groesster Aktualitaet ist - freilich ueberwiegend ohne auf Juenger zu sprechen zu kommen. Andererseits ergibt sich mit dieser Weise der Sprachbeobachtung, die von der Wort- und Bedeutungsebene zu abstrahieren vermag, ein kulturelles Diagnoseinstrument von ungeahnter Schaerfe. Beispiel: Im 16. Kapitel geht es um die Deutung des Vokals 'i'. Dort heisst es: "Man muss Rimbaud recht geben, wenn er das I einem Blutsturze vergleicht." Und: "Endlich spielt in diesen Laut die Welt des Wahnsinns ein (...). Als Ausruf kündet I ein sonderbares unds meist unangenehmes Gefuehl der Ueberraschung, und bei lebhafterer Bewegung das Sichtbarwerden der Verwesung an." Des weitern, Kap. 5 (nicht der Erstausgabe, sondern der ueberarbeiteten Version): "Wo die Zerruettung der menschlichen Ordnungen bis zum Blutvergiessen vorgeschritten ist, wird sich das durch eine Veraenderung der Laute ausdruecken, wie wenn Wasser ins Kochen geraet. In den beratenden und gesetzgebenden Versammlungen wachen Stimmen auf, die kein besonnener Zuspruch, keine geordnete Rede zu besaenftigen vermag (...). Hierher gehoert das: 'Ah! ca ira, ca ira ! (...)', in dessen beiden farbigen Vokalen, deren Kontrastieruzng durch zischende und pfeifende Konsonanten gesteigert wird, deutlich zum Ausdruck kommt, was die Uhr geschlagen hat." - Wenn man jene in den dreissiger und vierziger Jahren oeffentlich notorische Verlautung der Vokale 'a' und 'i', naemlich den besinnungslosen Ruf: 'Heil Hitler!' heranzieht, dann entfaltet eine solche harmlos scheinende Betrachtung ein gehoeriges Kritikpotential. Noch dies: Der Aufsatz enthaelt eine lateinische Gedichtstrophe: "Nulla unda / Tam profunda / Quam vis amoris / Furibunda". Weiss jemand den Autor dieser Zeilen? Gruesse aus Zuerich Norbert Staub
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