ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - Re: Lob der Vokale

nstaub@ds.unizh.ch schrieb:

> list members,
>
> Ich moechte Ihre Aufmerksamkeit auf Juengers sprachphilosophische
> Spekulationen lenken.

Ich bin sehr froh, einmal etwas über diesen Aspekt zu hören, da dieser
sicher unseren nicht deutsch sprechenden Freundeneher unbekannt ist.
Gerade die symbolistischen Werke Jüngers, wie etwa die Marmorklippen,
leben von diesem speziellen sprachlichen Fluidum, das zweifellos in
jeder Uebersetzung verloren geht. Mit Ausnahme der ganz frühen
Schriften, auch den Stahlgewittern, die zwar sprachlich auch meisterhaft
sind, zieht sich die subtile Wortwahl gerade mit Bezug auf die Vokale
aber durch das ganze Werk hindurch.


> Ich denke, da gibt es - wie ueberhaupt in der heute
> kaum diskutierten Frage des Jungerschen Stils - noch viel zu klaeren.
> Die
> Frage ist, ob ein Text wie wie "Lob der Vokale" sich in das im
> weiteren
> Sinn 'politische' Denken Juengers der dreissiger Jahre einfuegt

Das finde ich eher weit hergeholt.

> oder ob es
> sich dabei um reine Liebhaberei, eine Fingeruebung des
> 'Spracherotikers'
> Juenger handelt.

Eher

> Meine These ist, dass Juenger sich mit diesem
> ausserordentlichen Text einerseits philosophisch in einem Feld bewegt,
> das
> zeitgenoessisch nur noch von Benjamin mit seiner Idee der Sprachmagie
> betreten wurde und das derzeit in der poststrukturalistischen Bewegung
>
> (Stichworte: Koerper und Schrift; Palimpsest etc.) wieder von
> groesster
> Aktualitaet ist - freilich ueberwiegend ohne auf Juenger zu sprechen
> zu
> kommen. Andererseits ergibt sich mit dieser Weise der
> Sprachbeobachtung,
> die von der Wort- und Bedeutungsebene zu abstrahieren vermag, ein
> kulturelles  Diagnoseinstrument von ungeahnter Schaerfe.
>
> Beispiel: Im 16. Kapitel geht es um die Deutung des Vokals 'i'. Dort
> heisst
> es: "Man muss Rimbaud recht geben, wenn er das I einem Blutsturze
> vergleicht." Und: "Endlich spielt in diesen Laut die Welt des
> Wahnsinns ein
> (...). Als Ausruf kündet I ein sonderbares unds meist unangenehmes
> Gefuehl
> der Ueberraschung, und bei lebhafterer Bewegung das Sichtbarwerden der
>
> Verwesung an." Des weitern, Kap. 5 (nicht der Erstausgabe, sondern der
>
> ueberarbeiteten Version): "Wo die Zerruettung der menschlichen
> Ordnungen
> bis zum Blutvergiessen vorgeschritten ist, wird sich das durch eine
> Veraenderung der Laute ausdruecken, wie wenn Wasser ins Kochen geraet.
> In
> den beratenden und gesetzgebenden Versammlungen wachen Stimmen auf,
> die
> kein besonnener Zuspruch, keine geordnete Rede zu besaenftigen vermag
> (...). Hierher gehoert das: 'Ah! ca ira, ca ira ! (...)', in dessen
> beiden
> farbigen Vokalen, deren Kontrastieruzng durch zischende und pfeifende
> Konsonanten gesteigert wird, deutlich zum Ausdruck kommt, was die Uhr
> geschlagen hat." - Wenn man jene in den dreissiger und vierziger
> Jahren
> oeffentlich notorische Verlautung der Vokale 'a' und 'i', naemlich den
>
> besinnungslosen Ruf: 'Heil Hitler!' heranzieht, dann entfaltet eine
> solche
> harmlos scheinende Betrachtung ein gehoeriges Kritikpotential.

Das haben Sie, glaube ich, sehr gut gesehen. Wichtig scheint mir hier
auch, dass Jünger mit schlafwandlerischer Sicherheit auch Beispiele aus
anderen Sprachen heranzieht.Vielleicht darum:  Kniébolo für den alten
Onkel Adolf.

Für die list members: Lektüre hierzu: Lob der Vokale, Federbälle I und
II.

>
>
> Noch dies: Der Aufsatz enthaelt eine lateinische Gedichtstrophe:
> "Nulla
> unda / Tam profunda / Quam vis amoris / Furibunda". Weiss jemand den
> Autor
> dieser Zeilen?

Sorry,  nein. Bin leider völlig ungebildet und zudem computerverseucht.
(Quamquam sint sub aqua sub aqua sub aqua maledicere temptant).

> Gruesse aus Zuerich
>
> Norbert Staub

   Gruss von der Rämistr. 5

Ulrich Oswald



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