> -----Ursprungliche Nachricht----- > Von: Rebing [SMTP:Rebing@t-online.de] > Gesendet am: Donnerstag, 31. Dezember 1998 12:32 > An: ernst-juenger-l@maillist.ox.ac.uk > Betreff: Uwe Pralle's essay 1 > > Dear Jungerites, > Below you will find the text of the essay by Uwe Pralle. I tried twice to send > it as a WORD > attachment but it obvoiusly never arrived and got lost in cyberspace. So we > have to put up > with the unadjusted right margins which make reading the text cumbersome. > Uwe Pralle asked me to point out that the formal peculiarities of the essay > are due to the > fact that it was written for radio and not for a print media. > Maybe some native speaker among the Jungerites might find the time to write an > English > translation or at least a summary in English? > Thanks for all the good wishes for 1999, I wish the same to all of you! Gunter > Rebing > > > Die andere Halfte. Ernst Jungers education sentimentale. > Ein biographischer Essay von Uwe Pralle > Koproduktion Sender Freies Berlin, Norddeutscher Rundfunk, Bayerischer > Rundfunk > > COPYRIGHT > Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschutzt. Es darf ohne Genehmigung des > Autors nicht > verwertet werden! Insbesondere darf es weder ganz noch teilweise noch in > Auszugen > abgeschrieben noch in sonstiger Weise vervielfaltigt werden. Fur > Rundfunkzwecke darf das > Manuskript nur mit Genehmigung des SENDRS FREIES BERLIN benutzt werden. > > > > TEXT: > 2. ZITATOR: > In einem Kapitel seiner Autobiographie ?Krieg ohne Schlacht" hat Heiner Muller > 1992 von > seinem Besuch bei Ernst Junger vier Jahre vorher in Wilflingen berichtet. > Seine Anekdoten > uber fruhere Junger-Lekturen und den Besuch enden unvermittelt mit der > Feststellung: > Jungers Problem ist ein Jahrhundertproblem: Bevor Frauen fur ihn eine > Erfahrung sein > konnten, war es der Krieg. > TEXT: > Heiner Muller war fur solche raunenden Epigramme bekannt. Sollte Jungers > ?Problem" also > gewesen sein, da? der Krieg dem Neunzehnjahrigen fruh kalte Blicke auf die > Welt aufzwang und > ihn literarisch stets pragte? Oder spielt Junger hier nur den Gewahrsmann fur > Mullers > Ansicht, die Moderne habe Kriege nicht etwa gebandigt, sondern ihre Erfahrung > im 20. > Jahrhundert sogar noch verscharft? Offenbar hatte Muller mit dem Hinweis auf > Jungers > Verhaltnis zum Krieg und den Frauen vor allem das ?Jahrhundertproblem" der > Traumatisierung > im Auge: an Junger zeige sich eben exemplarisch, wie etwa die > ?Materialschlachten" nach 1914 > auch die Sinneswelten verheert und vom anderen Pol, den die Frauen markieren, > abgeschnitten > hatten. Zumindest eine Leerstelle hat Heiner Muller mit diesen orakelhaften > Andeutungen im > Bild von Junger getroffen: Frauen scheinen in seiner Literatur so wenig wie > fur sie eine > Rolle gespielt zu haben - weder als er in den 20er Jahren seine Bucher uber > den Ersten > Weltkrieg schrieb, noch spater, nachdem er diese Urerfahrung literarisch > umgeschmolzen > hatte. > Nicht zuletzt durch diese Schattenexistenz von Frauen in Jungers Vita und Werk > hat sich > hartnackig die Ansicht behauptet, der Krieg sei fur ihn immer der Vater aller > Dinge > geblieben. Widersprochen hat Junger solchen - und anderen - Ansichten uber > sich selbst kaum > einmal, so wie ja auch seine Tagebucher einige Existenzzonen in Andeutungen > oder Schweigen > hullen. Ernst Niekisch, in den 20er und 30er Jahren der > nationalbolschewistische Vordenker > und mit Junger und vor allem dessen Bruder Friedrich Georg eng befreundet, hat > dazu schon > 1958 einmal recht treffend bemerkt: > 2. ZITATOR: > Mitteilungen uber ihn und seine Lebensfuhrung, die ihn in ein legendares Licht > rucken, > korrigiert er nicht, auch wenn er dazu Gelegenheit hatte; er ist der Meinung, > da? man in das > Werden eines Mythos nicht eingreifen solle. > TEXT: > Doch immerhin: kaum war Heiner Mullers Text bekannt, gab Junger in seinem > Tagebuch > ausnahmsweise eine knappe Replik. Es mu? ihn beruhrt haben, da? mit dem > ?Jahrhundertproblem" > auch beilaufig der Eindruck erwahnt war, er habe ?vor nichts Angst als vor > Frauen". > Allerdings war das Datum seiner Replik fur ihn nicht beliebig; die Notiz ist > vom 14. Marz > 1992; wie seit vielen Jahren, schreibt Junger, sei er an diesem Tag ?mit > Blumen zum > Friedhof" gewesen; der 14. Marz ist der Geburtstag seiner ersten Frau Gretha, > der ?Perpetua" > der Tagebucher, die 1960 gestorben war: > 1. ZITATOR: > ?Besuche" in Kirchhorst und Wilflingen konnten einen Band fullen. Auch > Spiegelbilder zahlen > zur Existenz. So erfuhr ich vor kurzem, da? ich vor Frauen ?Angst habe". Da > nur die meine > wahrend dieses Besuches anwesend war, mu? die Bemerkung dem hauslichen Klima > zu verdanken > sein. Ich fande sie gut, wenn ?Angst" durch ?Achtung" ersetzt wurde. > TEXT: > Junger hat offenbar das Thema ?Frauen" gegen Deutungen seiner Innenwelt > neutralisieren > wollen: und ?Achtung" umschreibt nun einmal eine weltlaufig-aristokratische > Haltung, die von > diffuser, zu psychologischem Bohren einladender ?Angst vor Frauen" weit genug > entfernt > scheint. Fur solche Gefahrenlagen fur sich und sein Werk hatte Junger immer > ein > ausgezeichnetes Gespur - so wie Heiner Muller fur verborgene Problemlagen. > Jungers Replik > ist ein Versuch, Riegel vor eine Tur zu legen, die nicht geoffnet werden > sollte - nicht > unbedingt, weil dahinter etwa so gerne gesuchte ?Leichen" verborgen sind, > sondern vielleicht > nur, weil das Offnen solcher Turen die Haltbarkeit seines literarischen > ?Mythos" gefahrdet. > Heiner Mullers Fingerzeig auf den Krieg und die Frauen fuhrt direkt in ein > ungeschriebenes > Kapitel von Jungers Biographie. Nur lie?e sich diesem Fingerzeig schwer > folgen, wenn dabei > nicht ein auch von Junger stets schweigend ubergangener Umstand zu Hilfe kame: > seine erste > Frau hat nach dem 2. Weltkrieg ihrerseits zwei Bucher veroffentlicht. 1949 > erschien bei Hans > Dulk, einem kleinen Hamburger Verlag, ein Buch mit dem Titel ?Die Palette", > das > Tagebuchnotizen und Briefe aus der Zeit von 1936 bis 1946 enthalt. 1955 folgte > bei Neske in > Pfullingen ?Silhouetten", ein Band mit 29 Erzahlungen aus Gretha von Jeinsens > Leben - wie > ihr Madchenname lautet, unter dem die Bucher veroffentlicht sind. Diese > autobiographischen > Erzahlungen schlagen den Bogen von der Kindheitszeit in Hannover bis ins Jahr > 1948, als die > Jungers aus dem Kirchhorster Pfarrhaus nach Ravensburg in Wurttemberg zogen. > Nirgends sind beide Bucher im Zusammenhang mit Ernst Junger je beachtet > worden. Offenbar > waren Kritiker genauso wie Anhanger Jungers mit dem einfach gestrickten Muster > zufrieden, > da? er der geradezu metallisch kuhle Jahrhundert-Seismograph stets war und > blieb. Bei allen > Debatten um Jungers Positionen in der Epoche der ?totalen Mobilmachung" wurde > jedenfalls nie > einbezogen, in welcher Lebenslage sich denn der Seismograph jeweils befand und > wie das seine > Seismogramme und Haltungen beeinflu?t haben konnte. Aber die langsame > Verschiebung von > Jungers strategischen Positionen als Akteur und Beobachter seit den 20er > Jahren bekommt > einige recht uberraschende Zuge, wenn man sich von Jungers eigenem Verdikt > nicht abschrecken > la?t, alltagliche, 'triviale' Lebenslagen seien fur einen Autor wie ihn > bedeutungslos. Auch > diese andere Halfte seiner Existenz, die durch Gretha Junger ein Stuck > sichtbar wird, gehort > zu seiner Biographie; und durch sie sto?t man dann mitten in Jungers eigenen > Schriften auch > wieder auf Spuren von Heiner Mullers ?Jahrhundertproblem": darauf, da? Jungers > Haltung zum > Krieg sich anderte, als auch die Frauen zu seinen Erfahrungen gehorten. > Gretha Jungers Bucher werfen nicht etwa indiskret Licht auf Jungers > Lebensstationen seit den > 20er Jahren; vor allem schildern sie ihren Blickwinkel auf das Leben bis in > die ersten > Nachkriegsjahre, wobei Junger selbst nur selten im Mittelpunkt, aber fast > immer im > Hintergrund steht. Zuweilen zeichnen sich auch nur kuriose Zuge Jungers ab; > etwa als die > ?Dichtergattin" kurz nach Ende des 2. Weltkriegs einmal ihre Burden mit den > Freiheiten des > ?Hauptmann Junger" verglich: > ZITATORIN: > Da lobe ich mir den Herrn Hauptmann, denn er kann immer, ohne Ansto? zu > erregen, einen > kraftigen Kehrreim singen, auch wenn (...) Besucher nahen, er kann mit dem > merkwurdigen > Zischlaut ?Ssssst" das Treppengelander hinunterrutschen, selbst wenn das > seinen Jahren nicht > mehr entspricht, denn man wird hochstens sagen: ?Nun, fur einen alten > Sto?truppfuhrer ist er > noch sehr gelenkig!" Von ihm wird nicht erwartet, da? er jeden Satz mit dem > Ernst eines > Nabob beginnt, und man findet es vergnuglich, wenn er den Becher mehr schwingt > als da gut > ist. > TEXT: > Manchmal blitzen auch leicht weltfremde Zuge Jungers im Zivilleben auf, etwa > bei einem der > haufigen Umzuge in der Berliner Zeit, als sie 1928 aus dem Alten Westen in die > Stralauer > Allee nach Friedrichshain zogen und er die Mobeltrager ergrimmte, weil er sich > ohne seine > Frau ziemlich hilflos anstellte und den Umzug stundenlang aufhielt: > ZITATORIN: > Er war bereits Stunden vor mir in die Stralauer Allee gefahren, um dort den > Mobelwagen zu > erwarten. > Als ich dort anlangte, fand ich viel Volks vor der Ture, und die stammigsten > unter den > Tragern verharrten tatenlos, aber grimmigen Angesichts am Fu?e der Treppe. > ?Endlich!" riefen sie alle in einem Atemzug. > ?Was ist denn?" fragte ich, banger Ahnungen voll. > ?Nu!" sagte ihr Anfuhrer, und wand sich den Leder-Tragriemen um den Leib: > ?Wat haben denn Sie for'n Mann? Der wees ja nich, wo det Sofa und wo det > Kuchenbuffet hin > soll, von de Betten janz zu schweijen! Wissense: det is woll'n Professor, un > det mach ja nu > hinjehn; wer ham ja ooch Verstandnis for'n jeistiges Jemiete, aber unsere > Zeit, die ham wer > ooch nich jestohlen! Nu aber mal ran an die Bouletten!" > Der ?Professor" befand sich in offensichtlich unglucklicher Gemutslage in dem > leeren > Erkerzimmer seiner neuen Etage und begab sich eiligst von hinnen, als die > Gestalt seiner > Frau nahte und wir ?ran gingen". > TEXT: > Der beruhmte weltfremde Professor also; das war im ubrigen, als Junger gerade > ?Das > abenteuerliche Herz" beendet hatte und mit dem fur ihn spater stets > wichtigsten seiner > Bucher, ?Der Arbeiter", begann, seinem Versuch, das widerspenstige Mobiliar > der damaligen > Moderne in einer neuen Weltordnung geistig zu bandigen. Fur Mobiliar im > trivialeren Sinn > fehlte dem ?jeistigen Jemiete" dabei jedoch die Aufmerksamkeit. Spater hat > sich Junger den > Turbulenzen von Umzugen lieber von vornherein durch lange Reisen entzogen; und > was den > ubrigen Alltag betrifft, so fuhrte er aus Gretha Jungers Blick ohnehin eher > eine > traumerische Halbschattenexistenz. > In ihren Erzahlungen nannte sie ihn - mit nicht zu uberhorender Ironie - stets > nur den > ?Gebieter", wahrend er in ihren Tagebuchern ?Romain" hei?t. Der Name Junger > fallt in beiden > Buchern nur ein Mal, bei der Schilderung eines Abends in Berlin kurz vor 1933, > in deren > Mittelpunkt ein Auftritt von Goebbels steht; dort taucht Ernst Junger wie eine > fremde, > zeithistorische Figur auf. Ob diese Pseudonyme - auch fur andere aus dem > Freundeskreis wie > Carl Schmitt - viel verborgen hatten, falls sie in der NS-Zeit, wie Gretha > Junger > befurchtete, bei Haussuchungen der Gestapo in die Hande gefallen waren, ist > jedoch fraglich. > Nach dem Krieg konnen die Pseudonyme naturlich nur noch bezweckt haben, Junger > vor ihrer > Optik abzuschirmen. Fur ihn, dem so viel an seinem Mythos lag, durfte alles, > was ihn aus der > Hohe des Weltgeists auf die Erde zuruckholte, am eigenen Mythos gefrevelt > haben. Ihren Wert > haben Gretha Jungers Bucher weder als intime Journale noch gar als > literarische Werke einer > im Schatten des beruhmten Mannes verkannten Schriftstellerin. Vor allem > ermoglichen sie > eines: eine bisher ubersehene Dynamik in Jungers Leben und Werk zu erfassen. > Begegnet sind sie sich zum ersten Mal 1922 in Hannover. Im August 1995, als > Hundertjahriger, > notierte Junger: > 1. ZITATOR: > Erinnerungen, insular. Gretha begegnete ich zum ersten Male auf der > Hannoverschen > Georgstra?e vor dem Hause 22; Popp, ihr entfernter Onkel, machte uns bekannt. > Sie war > sechzehn, ich siebenundzwanzig Jahr alt und sah wohl, wie es mir beim > Betrachten von Photos > vorkommt, junger aus. Popp ruhmte mich gebuhrend und > Das Fraulein staunt', da? in so jungen Jahren > Er's in den Waffen schon so weit gebracht. > TEXT: > Die Verse von Ariost, Jungers Lieblingsdichter der fur ihn heroischen > Ersten-Weltkriegs-Zeit, lassen durch diese nuchterne Skizze der ersten > Begegnung Waffenklang > klirren. Warum, macht Gretha Jungers Erinnerung deutlicher: > ZITATORIN: > An einem Herbstnachmittag wanderte ich uber die Georgstra?e, um den Pindopp > abzuholen und in > van Houtens Kakao-Stube das ubliche Stuck Torte mit ihm zu verzehren. > Nichtsahnend strebte > ich dem Zentrum zu. > Es tauchte in der Ferne auf: ein wehender Militarmantel, eine Reichswehrmutze, > ein > schleppender Sabel. Am Kragenausschnitt, weithin leuchtend: ein blauer Stern. > Daruber hinaus erblickte ich ein paar blitzende Augen, die sich bei meinem > Naherkommen mit > unwiederstehlicher Gewalt an mich hefteten und mich gleichsam in sich > aufzunehmen schienen. > Diesmal tat mein Herz einen gewaltigen Schlag, so heftig, um nach kurzem > Stillstand wie mir > schien, in einen wahren Trommelwirbel hinein zu geraten. Es schossen mir so > viele Gedanken > zugleich durch den Kopf, da? ich mit au?erster Anstrengung meinen Blick > geradeaus richtete, > um raschen Schrittes an dieser Gefahrdung vorbeizukommen. > TEXT: > Auch eine Art von Kriegsschauplatz, mit Trommelwirbeln des Herzens, > herumschie?enden > Gedanken und Blickgeplankeln - ausgelost vom Auftritt einer seit der > Kaiserzeit geradezu > erotisch besetzten Figur, des preu?ischen Leutnants, auch wenn dieser hier > ?Welfe von > Geburt" war und ihr im gar nicht so preu?enfreundlichen Hannover uber den Weg > lief. In den > Augen des sechzehnjahrigen Backfischs besa? die erste Begegnung ubersinnliche > Zuge, denn sie > schlo? - wie es dann hei?t - den ?eigenen Willen (...) durch hypnotische > Kraft" aus, so da? > der Leutnant mit dem blauen Stern hier immerhin sofort den vollstandigen Sieg > errang. Am > folgenden Tag machte sie der besagte Onkel Popp formlich miteinander bekannt, > nicht ohne der > Sechzehnjahrigen die Warnung mit auf den Weg zu geben, da? Junger nicht etwa > einer der > ublichen Tanzstunden-Verehrer sei, sondern ein ?grosser Krieger", der ?wie der > Teufel > (schie?t), und das augenblicklich!" > Die weitere Anbandelung fand im Goethe-Gymnasium bei einer LiebhaberAuffuhrung > des > ?Zerbrochenen Krug" statt, in der Gretha die Frau Marthe spielte - ubrigens > neben Theo > Lingen als Dorfrichter Adam - und Leutnant Junger im Parkett sa?. Trotzdem war > Gretha von > Jeinsen mit sechzehn kein so unschuldiger Backfisch mehr, wie es scheinen > konnte; vom > Gymnasium war sie, ein impulsives Madchen mit hochst eigenem Kopf, vorzeitig > abgegangen, > hatte bei einem protestantischen Pfarrer in Preu?isch-Strohen bei Nienburg ein > Jahr die > Haushaltsfuhrung geubt - und was den Reiz der Waffen betrifft, so war sie > vorher in Hannover > das einzige weibliche Mitglied eines ?Mannerbundes" gewesen, der den Freikorps > des fruhen > Weimarer Burgerkriegsszenariums nacheiferte: > ZITATORIN: > es schwebte mir eine Barrikade vor, von Spartakisten verteidigt, die meine > Gruppe zu sturmen > hatte und wo ich vielleicht die Fahne trug, oder auch Verwundete zu bergen > hatte (...) > Kurzum: man war durchaus geneigt, aus mir eine kraftvoll sturmende Germania zu > machen. > TEXT: > Naturlich blieb nicht aus, da? sie dort auch den Jungen die Kopfe verdrehte; > fur das Klima > nicht nur bei Spro?lingen solcher Beamten- und Offiziersfamilien zu Beginn der > 20er Jahre > ist aber bezeichend, da? es nicht bei vaterlandischen Traumereien bleiben > mu?te - wofur > schon bald einer aus dieser sogenannten ?Gruppe Wumbo" sorgte: > ZITATORIN: > Um uns zu beweisen, da? ernsthaftere Dinge zu bewaltigen sind, schleppt er > eines Abends ein > Maschinengewehr in mein Schlafzimmer und verbirgt es unter dem rosa > Tullvorhang meines > Toilettentisches. Es folgen Karabiner und Pistolen, zum Teil auf dem Schrank > oder unter > meiner Leibwasche versteckt; die Brigade braucht jeden Schu? Munition, wie er > sagt, jedes > Stuck Eisen, und gegenuber diesen Argumenten verschwindet naturlich mein > schwacher Protest. > TEXT: > In der aufgeladenen Atmosphare der fruhen 20er Jahre stand der Beginn dieser > Liebesgeschichte, die 1925 in Leipzig zur Hochzeit fuhrte, auch im Zeichen > gemeinsamer > politischer Haltungen. Im Jahr ihrer ersten Begegnung hatte Junger ?In > Stahlgewittern" > veroffentlicht, und nachdem er im August 1923 seinen Abschied aus der > Reichswehr genommen > hatte und in Leipzig ein Zoologiestudium begann, setzte er nicht nur die > Schriften zum > Ersten Weltkrieg fort. Nun setzte auch die Phase politischer Agitation fur die > extreme > Rechte ein, vor allem durch Publikationen in Kampforganen wie ?Standarte", > ?Arminius" oder > ?Vormarsch". Spater hat er von den Pamphleten mit ihren militanten und > antisemitischen Tonen > nichts mehr wissen wollen und sie aus der Werkausgabe verbannt. > Das Leben der Jungers - erst in Leipzig, dann in Berlin - spielte sich in > einer Sphare ab, > die man die 'nationale Boheme' nennen kann. In Leipzig gehorten der Philosoph > Hugo Fischer > und Bruder Friedrich Georg dazu. Wie geradezu knochern patriachalisch Ernst > Jungers Haltung > damals war, zeigt eine kurze Szene: > ZITATORIN: > Wahrend die Punschbecher kreisten, ergab sich das mannliche Dreigestirn > philosophischen > Themen. Mich beschaftigten diese in meinen jungen Jahren nicht allzusehr, und > die Frage, ob > Kant in der Entgegensetzung von Begriff und Wirklichkeit eine Verwechslung des > Pflichtgebots > beging, erschien mir nicht unbedingt wesentlich fur ein weibliches Gemut. > Bachofen und > Matriarchat: hier wurden die Fischerin und ich schon aufmerksame Zuhorer. Nach > meiner > bescheidenen Ansicht bewegten sich Dichter und Philosophen in Raumen, die > nicht zu Erde und > Meer gehoren, aber in einem sich erganzenden Sinne waren sie sehr wohl auf > beides > angewiesen. > Terra - Mare - Mater: von ihnen stammt alles und alles kehrt zu ihnen zuruck. > Dies wurde > selbstverstandlich sogleich als eine matriarchalische Herausforderung > empfunden und > besonders der Gebieter ereiferte sich sehr. Ich wurde belehrt, da? wir Frauen > ein Nichts > sind im Vergleich zu dem alles uberragenden und alles uberschattenden > mannlichen Prinzip, > eine Wolke, ein sich auflosendes Gebilde etwa, dem erst der gewaltige > Gottervater Gestalt > verleiht, und was dergleichen Uberheblichkeiten mehr sind. Allein, die > verwunschte Demut, > die man hier erwartete, wollte sich durchaus nicht bei mir einstellen, und > Schwager Fritz, > wie immer weise und schlichtend, entschied den Streit zu Gunsten beider, > wahrend ich > hingebungsvoll an den Windeln fur meinen ersten Sohn nahte, voll des Eifers, > meinen > kunftigen Platz in eben diesem Matriarchat auszufullen. > TEXT: > Die Ironie ist nicht zu uberhoren. Viel spater, als er im Marz 1944 nach einem > Urlaub in > Kirchhorst im Zug nach Paris sa?, skizzierte Junger - nicht ohne Respekt - > einmal kurz ihre > angriffslustige Haltung; ohne aber zu erwahnen, da? auch er selbst ihr oft > nicht entging. > 1. ZITATOR: > Im Halbschlaf uber dies und jenes nachgedacht. Mir fiel die treffende > Bemerkung Perpetuas > uber Weininger ein: ?Der hat sich doch sicher im Herbst umgebracht." In dieser > Hinsicht > besitzt sie Urteilskraft und durchdringt, ohne sich imponieren zu lassen, den > gro?ten > geistigen Apparat, als ob er nicht vorhanden ware, um seinen Trager zu > beurteilen. Gerade > scharfe Intelligenzen erscheinen ihr gegenuber wie der Vogel Strau?: indem sie > mit dem Kopfe > in ihren Theorien, Philosophemen und Utopien wuhlen wie in kristallisiertem > Sande, bieten > sie ihr ahnungslos den ganzen Korper zur belustigten Betrachtung dar. > TEXT: > In den 20er und fruhen 30er Jahren war diese 'nationale Boheme' ein merkwurdig > schillerndes > Phanomen: Weltkriegsveteranen, Freikorpsleute, von der Dolchsto?legende > getriebene > Attentater aus burgerlichen und aristokratischen Kreisen mischten sich mit > Dichtern, > Literaten, vaterlandischen Erweckern und Verachtern der dekadenten > Massengesellschaft in > einem Klima, das von nationalem Pathos und Machttraumen selbst dekadent > vibrier-te. Ihr > kleinster, aber nicht sehr lange tragfahiger gemeinsamer Nenner war der Hass > auf die > Weimarer Republik. In Gretha Jungers Skizzen zeichnet sich das eigentumliche > Nebeneinander > von Gewaltmentalitat und Rauber-und-Gendarm-Spiel in dieser Welt ab - auch das > ein Zug von > Generationen, die zuerst den Krieg kennengelernt hatten und mit seinen Mitteln > dann unter > anderem gegen die nun allerdings republikanischen Autoritaten rebellierten. > Dieses Klima > zeigt eine Erinnerung, die von einem Treffen bei Franz Schauwecker ausgeht. > Dieser > Schriftsteller hat damals den ?Front-Geist" des Ersten Weltkriegs mit dem > Nationalsozialismus verkoppelt; und mit ?Bogumil" ist hier Friedrich Hielscher > gemeint, ein > anderer nationaler Vordenker und enger Freund Jungers seit der Berliner Zeit: > ZITATORIN: > Dann kommen wir auf Ernst v. Salomon zu sprechen, der gerade, des > holsteinischen > Bombenwurfes verdachtig, in Untersuchungshaft sitzt. Da wir gewohnt sind, ihn > in geringen > Zwischenraumen dort sitzen zu sehen, so ware diese Tatsache an sich kein Grund > zur > Beunruhigung. Seine Frau Lilo ist bei mir gelandet, nachdem ihre Wirtin, die > selbst in den > Privatkoffern Bomben mit Zeitzundung vermutete, sie kurzerhand auf die Stra?e > gesetzt hatte. > Bogumil bemerkt hierzu, da? es Menschen gibt, die anstatt normaler > Gehirnkammern einen > aufgespannten Regenschirm in Bewegung setzen, zum Schutz gegen alles mogliche > Unheil, das > ihnen drohen mag. Unsere verschiedenen Wohnungen sind seit dem Augenblick von > Salomons > Verhaftung Gegenstand der erhohten Aufmerksamkeit der sogenannten ?Melonen" > geworden; es > sind dies gewisse Herren in Zivil und schwarzem steifem Hut, auch ?Hartmann" > genannt. > Besagte Herren pflegen in zeitlichen Abstanden und nach ihrer Ansicht > glucklich getarnt als > harmlose Spazierganger, jeweils einen schragen Blick auf die Front der Fenster > werfend, auf > der Stra?e auf und ab zu wandeln. Verdachtig ist in diesem Berlin der Jahre > 1928-30 jeder > von uns, und ab 1933 wiederum. Aber dies ahnen wir glucklicherweise noch > nicht. > Geruchte besagen, da? mein Gebieter die Briefkasten nur mit Pistolenschussen > zu offnen > pflegt (...) > Es waren noch selige Zeiten. Ungestraft durften wir, wenn die verschiedenen > Verschworer in > unseren Wohnungen tagten, vom Balkon herab die Melonen darauf aufmerksam > machen, ?da? es > noch ein wenig dauere". Sie besa?en noch so etwas wie Humor. Sie verschwanden > um die nachste > Ecke, und sie kehrten wieder, um die Pappelbaume zu betrachten; das so > freundliche Winken > von Katinka und mir wurde hoflich ubersehen. Die kunftige Gestapo besa? andere > Methoden. > TEXT: > Das ?Spiel", die Weimarer Republik herauszufordern, zeigte erst im Ruckblick > seine > gefahrlichen Fluchtpunkte. Allerdings schilderte Gretha Junger eine Szene aus > dem Winter > 1929, die auch fur Ernst Junger einen merkwurdigen Einschnitt bedeutete. Noch > funfzehn Jahre > spater kam er auf sie zuruck, ohne im Tagebuch aber uber Andeutungen > hinauszugehen: > ZITATOR: > Paris, 20. Januar 1944 > Nachmittags besuchte mich Dr. Gopel, wahrend ich abends mit Hielscher im > Raphael zusammen > war. Dabei kam das Gesprach auch auf den seltsamen Abend in Stralau im Winter > 1929, der mit > dem gro?en Euphon und der Verbrennung von Mobeln begann, und an dem er sich > mit Edmond uber > den gluhenden Kohlen die Hand reichte. > TEXT: > Wenn man Gretha Jungers Beschreibung des seltsamen Abends hort, wird auch > einiges uber Ernst > Jungers Technik der Tagebuchnotizen deutlich: er registriert Ereignisse, la?t > sie selbst > aber oft im Ungefahren. An dem Abend des klirrend kalten Winters 1929, in dem > in Berlin die > Kohlezufuhr unterbrochen war und in der Wohnung in der Stralauer Allee die > Temperatur ?14 > Grad unter Null" betragen habe, standen plotzlich Jungers Geschwister Hanna > und Friedrich > Georg, ein Dichter namens Joachim, Edmund Schulz mit Freundin Margret und > Friedrich > Hielscher vor der Tur. Man begann, alte Mobel zu zersagen, um wenigstens ein > Feuer machen zu > konnen, wahrend Gretha Junger aus einer Kneipe Gurken und Rum holte. Jungers > ?gro?er Euphon" > war ein ziemliches Gelage, und es verlief so: > ZITATORIN: > Es brennt kein Licht; die Gesichter, im Widerschein der Flammen wechselnd von > Blasse zu > lebhaftem Rot, sind in ihren einzelnen Zugen kaum erkennbar. (...) Der schwere > Rum, den wir > trinken, verfluchtigt die leichten Wolkchen satirischer Laune. Wir befinden > uns ganz > offensichtlich in einer Schiffskabine, auf hoher See: der Sturm, der sich > drau?en erhebt, > peitscht Schnee und Eiskorner gegen die Fensterscheiben. Immer noch ein wenig > frierend, > rucken wir dichter zusammen; eine merkwurdige Tafelrunde, wie sie nur der > Zufall > zusammenfuhren kann. (...) > Die riesenhafte Gestalt von Joachim scheint ganz in sich zusammengesunken. > ?Sie gleichen > Danton", sage ich, ?aber ich vermisse das Feuer seiner Beredsamkeit!" > ?Wie wir hier sitzen, sind wir alle Revolutionare! Es gibt ein Schweigen, das > sich im > eigenen Feuer verzehrt." (...) > Bogumils Entzucken an der Runde, ja selbst an der magischen Schwere, die sich > langsam des > Raumes bemachtigt, ist augenscheinlich; seine Bewegungen bekommen etwas > Hupfendes, und den > Feuerhaken in der Hand, halt er uns ein Referat uber das Christentum, das er > ablehnt. Er > steht im Begriff, eine neue Sekte zu grunden. Hieruber entsteht mit dem > Gebieter ein > theologisches Gesprach und ein Meinungsstreit zu dritt uber das Dogma, wie > uber Christus > selbst. (...) Es wird das Problem der Taufe besprochen, des osterlichen > Festes, das er nicht > als Auferstehung, sondern als Fruhlingsfest der alten Gotter begangen sehen > will. > ?Zum Wotan fehlt Ihnen aber noch der Brustumfang", sagt der Gebieter, wie es > denn uberhaupt > an diabolischen Ereiferungen und Bemerkungen nicht mangelt. > Edmund, dessen Herkunft und Erziehung eine streng christliche zu nennen ist, > schien unser > Getrank in einen Zustand Dostojewski'scher Traumgesichter versetzt zu haben; > er pariert > daher die Theorien Bogumils im Gegensatz zu seiner sonstigen Wachheit und > Gewandtheit mehr > mit den Augen und in seinen Gesten und sitzt, die Hande weit von sich > gestreckt, den Kopf > auf die Brust geneigt, dusteren Sinnes da. Sein Anblick mag an einen Seher > erinnern, der den > fernen Stimmen lauscht, an einen Sterndeuter. Endlich spricht der Traumende > aus, was ihn als > Vorstellung bewegt: > Er sieht sich als Sunder in der Holle, schmachtend vor Pein und Folter; im > Himmel sitzt > Margret an der Seite von Christus in Gestalt einer Taube, um fur ihn zu > bitten. Vergeblich. > Angesichts seiner Leiden, und au?erstande ihm Hilfe zu bringen, fliegt sie > umher und pickt > mit dem Schnabel das eine gottliche Auge aus, um es ihm als Balsam auf seine > Wunden > hinabzusenden. > Wir alle wenden uns wie erstarrt von der Scheu?lichkeit dieser Darstellung ab, > die in Trance > auszuarten scheint. Ein Schweigen entsteht, das tiefer um uns lagert als die > Dunkelheit. > Dann sagt Joachim laut, und indem er das Wort neu zu bilden scheint: ?E-kel- > haft." > Alle geben ihm recht. Der Gebieter pruft den also Verurteilten mit dem Blick > eines > Psychotherapeuten, interessiert an einem Vorgang, der, wenn auch > offensichtlich unter dem > Einflu? der Trunkenheit, dennoch ein Stuck des Vorhanges zu luften schien, der > sonst den > inneren Raum verbarg. (...) Die Atmosphare ist lastend. Wenn der Vergleich > einer > Schiffskabine stimmt, so befinden wir uns jetzt vor dem Ausbruch eines > Scirocco, und das > Zittern der Planken kundigt die Gewaltsamkeit des Sturmes an. (...) > Schwer hebt sich der Riese Joachim von seinem Sitz. Nun also bricht der Sturm > los, denke > ich. Blitz und Donner entladen sich zu gleicher Zeit; sein tiefes mannliches > Organ mischt > sich mit dem hohen Diskant Bogumils, der wie ein tuchtiger Sekundant vor und > zuruck springt, > um etwaige Blo?en seines Duellanten zu decken und seinen Angriffsgeist zu > schuren. Au?er uns > Frauen sind alle aufgesprungen und in Bewegung; wir fuhlen uns in eine Arena > versetzt und > au?erstande, den Streit zu beenden oder zu schlichten. Edmund, sich allein > sehend, gewinnt > die ganze Scharfe seiner Dialektik zuruck. Die Gespenster sind verflogen, der > Rausch hat ihn > verlassen, und nur der Damon seines Wesens ist noch in seinem Blick zu spuren. > > Wie es kam, wei? ich nicht mehr zu sagen: plotzlich fanden sich seine und > Bogumils Hande in > der Glut der Flammen vereinigt, wie um die Entscheidung, den Richterspruch > herauszufordern, > der dieses Duell beenden sollte, und entschlossen, - dies sah man beiden an - > lieber die > Haut versengen zu lassen, als auch nur einen Zoll an Boden nachzugeben. Es war > mehr als das: > eine tiefe, zum Ausbruch drangende Feindschaft beider, die sich aus dem Grunde > ihrer > Gegensatzlichkeit erhob. Verachtung und Abwehr auf Seiten Bogumils, wahrend > Edmund sich der > Kalte seiner Beobachtung uberlie?, messend und wagend, wie er dem Gegner am > besten > beizukommen vermochte. In eben diesem Augenblick hatten sie ihren Standort > verlassen, zum > ersten Male stellten sie sich: mude des Geplankels, der Wortspiele, mude auch > der > Verdrossenheit an jeder ihrer Begegnungen. Jetzt ging es um Kimme und Korn. > Noch sa?en wir alle benommen und starrten auf das Schauspiel, das sich uns > bot; dann sprang > ich auf und ri? die beiden auseinander, gewaltsam, zornig. Ich drohte, den Rum > zu sperren, > das Feuer zu loschen und durch das Fenster erfrischende Luft einziehen zu > lassen. > Ein Lachen ertont, und es wirkt befreiend, denn der Gebieter vernimmt hochst > belustigt den > Donner meiner Rede; Joachim nennt das den Gipfel an weiblicher Energie, > Bogumil protestiert > mit lateinischen Versen, Edmund entweicht ins Nebenzimmer, und die > revolutionare Stimmung > richtet sich gegen meine Person. > TEXT: > Eine kurze, heftige Eruption erbitterter Feindschaft zweier Mystiker aus dem > nationalistischen Lager - und alles andere als ein 'gro?er Wohlklang'. Junger > ist zuerst > spottischer Provokateur und, als die Eruption beginnt, kuhler Beobachter im > Hintergrund, > Hello everybody, please find attached Uwe Pralle's essay in Word 95 format. Many regards, O. Wieters
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