ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - Re: Botho Strauss

After Sloterdijk, now the author Botho Strauss has
brought about some consternation in Germany.

"Do you want total engineering?".=20
This can't be the question of a Goebbels clone.
"Only the thunder of some god could roar it."=20


Strauss belongs to that minority in Germany, that
sees in Heidegger and Juenger two of the most important
heads of the 20th century. Whatever American journalists may
write, H and J have nowhere been treated so bad as in their
own country. =20

But here is the article. Malik Sezgin from Berlin was so
kind to retrieve it for the Heidegger list.=20


Zur Information

Gr=FC=DFe,
Malik Sezgin

----------
Von: "Bunse, Elke" <Bunse@zeit.de>
Datum: Mon, 8 Jan 2001 11:46:32 +0100
An: "'sezgin'" <sezgin@unternehmen.com>
Betreff: AW: Wollt ihr das totale Engineering?

Hier der gew=FCnschte Text:


Wollt ihr das totale Engineering ?

Ein Essay von Botho Strau=DF
=FCber den Verlust von Kultur und Ged=E4chtnis

Today God has become one of Time's favorite cover boys.
  Eric Davis, TechGnosis

Zwei G=E4nger, der eine schm=E4chtig und mittelgro=DF, der andere aber hager=
 und
leicht gebeugt, nickend beide, wie immer, wenn einer den anderen nur
best=E4tigen konnte. Sie gingen vernunftbetont und in sich gekehrt. Doch
unversehens, ohne sich gegenseitig an den =C4rmel zu greifen, jeder aus dem
ureigenen Entsetzen heraus, blieben sie gleichzeitig stehen. Da sagte zuerst
der schm=E4chtige Mann: "Das ist er! Der sprichw=F6rtliche Zusammenbruch.=
 Der
Fausthieb der Gewi=DFheit, pl=F6tzlich die Welt nicht mehr zu verstehen. Das
Hereinbrechen von Weltfremde. Der Derwischtanz s=E4mtlicher Fixpunkte. Die
unz=E4hligen Verkn=FCpfungen zusammenhangloser Einzelheiten. Das Todesgesumm
s=E4mtlicher Ansichten, die wie Schwei=DFfliegen am Gaul der Vernichtung=
 kleben.
Seiner Verr=FCcktheit blinder Galopp, sein Prankengebi=DF ...! Der donnernde
Galopp gegenstandsloser Fragen. Das Zerrei=DFen aller Fl=FCsse. Das Ausufern
aller Rinnsale unserer Sekrete und Lymphen. Der Abbruch jeglichen
H=E4ndesch=FCttelns und Gl=FCckw=FCnschens. Die Speerspitze der kosmischen=
 Stille,
die sich unter die Sch=E4deldecke bohrt. Die gierige Meute der Nachzehrer,=
 die
aus den Gr=E4bern all der zur Unzeit Begrabenen steigt ...! Die unannehmbare
Gnade, vom heutigen Tag an noch f=FCnfundsiebzig unertr=E4gliche Lebensjahre
sinn-, taten-, erben-, freud-, mittel- und schwunglos vor sich zu haben ...
- Allein die Gegenstandslosigkeit! f=FCgte der Hagere matt hinzu.
- Wir beide sind vollkommen gegenstandslos. Sie sind jemand, an den ich mich
zuf=E4llig messerscharf erinnerte, wie an ein Traumgesicht. In irgendeinem
Freundeskreis, vor dem ich einen Vortrag hielt, sa=DFen Sie in der vierten
Reihe links au=DFen. Sie wiederum erinnerten sich nicht minder zuf=E4llig an
diesen Vortragsredner, dessen Namen Sie l=E4ngst vergessen hatten. Also
kreuzten sich unsere Wege. Also begegneten wir uns. Kamen miteinander ins
Gespr=E4ch. Wer wei=DF, wo. Wer wei=DF, wann. Meine Frau ist gegenstandslos.=
 Meine
Arbeit. Meine Schuhe und meine Hausschl=FCssel sind es. Dabei ist die
Gegenstandslosigkeit der meisten Dinge eine gefr=E4=DFige Empuse, sie zehrt=
 an
allem, was noch einen Restbestand an Gegenst=E4ndlichkeit besitzt. Vertilgt
es, l=E4=DFt keinen Rest. Das Pochen des winzigen Zorns im feuerroten
Ohrl=E4ppchen. Die Font=E4ne aus wei=DFem W=FCstensand, die in ein=
 Brunnenbecken
f=E4llt und aus allen Wasserh=E4hnen str=F6mt. Der Schwachsinn als letztes
Reservat des Menschen. Allein der Schwachsinn sch=FCtzt ihn vor den
r=E4uberischen Zugriffen auf sein Ged=E4chtnis. Denn mein Ged=E4chtnis, mein=
 Herz,
meine Willenskraft, sie sind ja f=FCr jedermann zug=E4nglich, accessibel f=
=FCr
jeden, der nichts mehr davon besitzt. Alles Innere derer, die noch so etwas
besitzen, steht zur freien Verf=FCgung, ist zu einem weltumspannenden Corpus
zusammengefa=DFt, an dem sich jeder nach Belieben bedienen kann, der selbst
nichts Inneres mehr besitzt. Das Stehenbleiben als Austragungsort w=FCster
Engelsschlachten. Der Schock als Ritterschlag eines unvorstellbaren Grauens.
- Ritterschlag ... Gut gesagt.
- Zwischen der offenen Pforte zum Paradies und der offenen Pforte zur H=F6ll=
e:
Was geschieht da?
- Was geschieht zwischen offenen T=FCren? Es zieht.
- Richtig. Es zieht. Wir stehen im Zug. Man friert sein Lebtag. Es braust,
und wir stehen drinnen schlimmer im Freien als drau=DFen. Der komplette
Ausfall aller Himmelsrichtungen.
Das =DCberangebot an falschen Einsch=E4tzungen der Lage. Die Fehldeutung=
 jedes
Verbots.
Die Verkennung jedes anderen Menschen. Die Vernunftwidrigkeit jeder
Vorsichtsma=DFnahme. Das Nichtandersk=F6nnen als Fluch und Gnade, kurz:
Gnadenfluch. Noch k=FCrzer: Hilfe! ... Hilfe! ... Hilfe!"

*
Unvorstellbar das Zeitalter, das je auf das technische folgte? Unvorstellbar
vielleicht. Doch es zeugt von unverantwortlichem Kleinmut, nicht davon
=FCberzeugt zu sein.
Ein aufregender Science-Fiction-Roman w=E4re sein Gegenteil: Seine
Zukunftsvision spielte unter Menschen, die jegliches Interesse an Zukunft
verloren haben. Technik, "Information und Kommunikation", ein
abgeschlossenes Kapitel. Hin und wieder in ihrer gel=E4uterten Sph=E4re=
 werden
sie sich zu "Forschungszwecken" die Zeugnisse eines hybriden Manierismus der
Sp=E4ttechnologie ansehen, bestaunen und mit einem frostigen L=E4cheln
verabscheuen.

*
Das Technische scheint seine Endlichkeit selbst zu ermessen, sonst w=FCrde=
 es
nicht derart =FCberst=FCrzt das Reservoir des M=F6glichen pl=FCndern und=
 ersch=F6pfen.
Die kopernikanische Wende, als die man die endg=FCltige Entschl=FCsselung=
 des
Humangenoms begr=FC=DFt, st=F6=DFt auf kein Weltbild mehr, das sie umst=FCrz=
en k=F6nnte.
F=FCr diese gewaltige Neuerung ist die menschliche Zivilisation bereit wie=
 f=FCr
die zahllosen anderen Neuerungen, die ihr inzwischen nicht mehr zugemutet
werden, sondern die sie best=E4ndig erwartet und in sich vorformt.
Nun interessiert unsereinen das Erschlie=DFbare am Menschen grunds=E4tzlich
weniger als das Unerschlie=DFbare. Es ist, davon bin ich =FCberzeugt, in
unverminderter F=FClle vorhanden auf dieser Welt und wird auch durch die
raffiniertesten Entschl=FCsselungstechniken nicht aus ihr vertrieben werden.

*
In einer Wissensgesellschaft kann es den Antityp, der auf die sch=E4dlichen
Folgen des Fortschritts verweist, nicht geben, wie ihn der Intellektuelle in
der Industriegesellschaft vorstellte. Hier w=E4re der Au=DFenseiter oder
Widersacher schnell als ein Zukurzgekommener angesehen, einer, dem mit zu
wissen nicht gelang. Gegen das K=F6nnen hilft kein K=F6nnenverweigern.=
 Sondern
einzig die Novalis-Schlegelsche Divination, das gro=DFe freie und poetische
Abirren im Wissentlichen selbst.
Sowenig wie der gesammelte Tagesverstand ohne das Lose und L=F6sen des=
 Traums
"kreativ" werden kann, so wenig kann das =DCberpr=FCfbare ohne die=
 Schwerkraft
des Un=FCberpr=FCfbaren Gewicht erlangen.
Das hermetische Wissen befindet sich im Spinnpunkt, in der unerforschlichen
Gewebemitte all der 6000 heute ausge=FCbten Fachdisziplinen.
Der Wettlauf der aggressiven Verbesserungen und Erleichterungen, die fast
t=E4glich auf irgendeinem technischen oder organisatorischen Gebiet erzielt
werden, entspringt einem v=F6llig koh=E4renten selbstbez=FCglichen
K=F6nnensbewu=DFtsein, das weitgehend immun ist gegen=FCber jeder=
 unsachgem=E4=DFen
Fragestellung, jeder Ethik und Moral.

*
Der Wissenswille hebt sich mit Urfluchdrall =FCber den Menschen hinweg und
wird
als reine noetische Ekstase ohne ihn durchs Weltall irren.
Davon schw=E4rmen jedenfalls die neuen Extropisten, die ausschlie=DFlich den
menschlichen Geist verg=F6ttern und ihn in die Maschine retten wollen, damit
er dem verrotteten Planeten in letzter Minute entkommt, theology of the
ejector seat. Diese Neotheilhardisten sind wahrhaftig K=F6rperver=E4chter=
 von
echtem manich=E4ischem Schrot und Korn.

*
Statt des Hammers, der G=F6tzen zertr=FCmmert, w=E4re heute die=
 philosophische
Verwendung der Laserlanzette empfehlenswert, die aus dem Wissen die
Informationenwucherung entfernt.

*
Besuch der Faust-Proben und der Expo in Hannover.
Unsere alte =FCppige Bedeutungswelt auf dem Theater, die Symbole! Daneben=
 die
neue, gro=DFz=FCgig alle Bedeutungen verschleudernde Mixed-Media-Welt, der=
 alles
integrierbar wird - nur die Symbole nicht! Von den M=FCttern f=FChrt kein=
 Weg zu
den Fl=E4chen. Aber welch ungeheure, ausladende Ornamentik auf diesen=
 Fl=E4chen!
Planet of visions, keine Blakeschen, sondern reine Erfinder-,
Ingenieursphantasien, verbl=FCffende "Fortschreibungen" des Vorbereiteten=
 und
Gegebenen.
Die Installationen deuten darauf hin, da=DF sich dem homo neuronalis ein
neuartiges "Organ" bilden wird, mit dessen Hilfe er der Flut gleichzeitiger
Einfl=FCsse, impacts, design-=E4sthetischer =DCberw=E4ltigungen ordnend Herr=
 wird.
Ein Organ, das m=FChelos multa non multum lesen kann. Ein Scheitelauge der
Synchronizit=E4t.
W=E4hrenddessen in der Probenhalle der Faust nichts Faustisches bekommt,
sondern eine phantastische R=FCckschau auf unsere einst integrierten=
 Geistes-,
Anschauungs- und Symbolkr=E4fte bietet.
Die Entelechie wird nicht der Ingenieur sein und nicht der pauschalreisende
Methusalem. Sie bleibt immer mit Erl=F6sungsbedarf und -angebot verbunden.
Wollt ihr das totale Engineering?
Kein Demagoge, kein Potentat, der so fragen k=F6nnte, auch das Volk sich
selber
nicht. Nur Gottes eigener Donner k=F6nnte es br=FCllen.
Die Schritte sind dennoch alle viel kleiner als ihre Reflexion. Der Schritt
ist klein, das Sprechen dar=FCber sehr gro=DF. Oder es ist hype: in sich
=FCbertrieben. Es gleicht eher der intellektuellen Propaganda oder der
"Philosophie" der Analysten in den Brokerh=E4usern.
Unversehens stand ich im Jurtezelt der Kirgisen. Das tr=FCgerische=
 Wohlgef=FChl
f=FCr alles, das bei sich belassen erscheint. Aus seinem Zelt nicht
vertreibbar. Aber das Gef=FChl ist nicht frei von Gegenpropaganda.

*
Man mu=DF das Gewesene so gro=DF wie etwas Niedagewesenes anschauen.

*
"Man kann diese Entwicklung nicht aufhalten. Man kann sie auch nicht einfach
ignorieren."
Gewi=DF nicht. Aber man besitzt immerhin noch die Freiheit zu w=E4hlen,=
 welche
Art des Ergriffenseins von diesen Dingen man bevorzugt. Ist man entsetzt,
best=FCrzt, verwirrt? Oder lieber h=F6chst interessiert, verst=E4ndnisgierig=
, im
Geist t=E4glich aufs neue bereit zu reagieren? Will man mehr von diesem=
 einen
Prinzip, oder sp=FCrt man das Verlangen nach einem gegens=E4tzlichen, und=
 sei's
nur zum Ausgleich? Nur eines will man nie wieder: den Schrei nach Sinn
vernehmen.
Aufstehen, gespannt sein, sich wieder hinsetzen, abwarten. Das ist in etwa
die Bewegung des Zuschauers bei diesem wie bei manch anderem spannenden
Spiel.

*
Jemand fragt, was ich an Bahnbrechendem im Bereich der
Kommunikationskultur(!) f=FCrs neue Jahrhundert f=FCr m=F6glich halte. Eine
Remythisierung? Nun, was die Entwicklung der Techniken betrifft, glaube ich,
da=DF alles den eingeschlagenen, unz=E4hlige Male prognostizierten Weg=
 nehmen
wird: Prolongationen, Vorgabeerf=FCllungen, resultierende Prozesse,
S=E4ttigungen. Nichts ist z=E4her als die Substanzbewegung einer=
 Massenkultur.
Die rastlose Erweiterung aller Technik tendiert dahin, unseren Status
unwandelbar zu machen. Umkehr und Abbruch des Unternehmens scheinen aus
eigenen (menschlichen) Kr=E4ften nicht mehr m=F6glich. Eine gewaltige=
 Industrie
der Korrekturen und Verschonungen sondiert, verbessert, immunisiert das sich
bildende Gebilde und richtet es nach dem alten vermessenen Ziel der
Aufkl=E4rung: Furcht und Zittern aus der menschlichen Existenz f=FCr immer=
 zu
verbannen.
Als Fulgurist hingegen glaube ich an den Blitz, der uns irgendwann
dazwischenf=E4hrt, das heilig Unvorhersehbare. Das ist wohl eine Verbindung
zum Mythos. In den =F6ffentlichen Medien kann ich au=DFer der zum Hades eine
andere nicht wahrnehmen. Im wesentlichen verdichtet sich dort der Verkehr
zwischen lebenden Toten und toten Lebenden. Wiederkehr des Mythos? Mythische
Gestalten sind Durchschlagende aus vorgeschichtlicher Zeit. Sie m=F6gen in
verdeckten Figurationen wiedererscheinen, durchschlagen bis in unseren
Alltag, aber ihr Personal ist komplett, sie sind grunds=E4tzlich nicht
erneuer- oder erg=E4nzbar. Ruhmgestalten von heute sind Hervorbringungen der
Friedensliebe und der damit einhergehenden Unterhaltungsbed=FCrfnisse. Mit
einem h=E4rteren Schicksal, wie Mythen es vorsehen, stehen sie nicht in
Verbindung, da auch weniger ihre "Taten" ihren Ruhm begr=FCnden als vielmehr
ihre Begabung, als Auserw=E4hlte der Gew=F6hnlichkeit zu erscheinen. Wo die
Herolde die Heroen ersetzen, hat dies "Reich" seine h=F6chste Macht=
 entfaltet
- und damit vielleicht seine historische Kuriosit=E4t ausgewiesen.

*
Die grenz=FCberschreitenden Experimente der Gentechnologie wurden nur so=
 lange
f=FCr verwerflich gehalten, bis ihnen der entscheidende Vorsto=DF ins=
 Machbare
gelang. Ist die Chim=E4re einmal an den Tag gebracht, f=FCrchtet man sie=
 nicht
mehr. Die Schwelle der Scheu gegen=FCber dem Klonen von Menschen ist=
 deutlich
gesunken. Ein sogenannter Wissenschaftler erkl=E4rte vor kurzem: Der Mensch
habe nun Gottes Status erreicht, und folglich sei es nun seine moralische
Pflicht, sich wie Gott zu verhalten.

*
Wir Selbstmacher machen uns selbst. Lamettries sp=E4te Best=E4tigung wird=
 nun
der
Nanoreplikator sein. Dem Gott begegnen wir indes nicht in der Keimbahn. IHM
entschwinden wir fast: das ungeheuer Kleine der T=FCftler, die sich selber
nicht mehr ermessen; auch wo sie sich vermessen, werden sie vor IHM immer
kleiner.
Einst stand der Mensch Gott n=E4her und war daher gr=F6=DFer, wenn auch=
 elender
dran.
Was die Heutigen bramarbasierend "Selbstvergottung" nennen, ist vor Seinem
Auge nichts als pr=E4potente Aufgockelung, verliert seine Kleinheit nicht=
 und
nichts von der unendlichen Entfernung zu IHM.

*
Der artifizielle Mensch hat die Welt der Artefakte hinter sich gelassen. Ein
K=FCnstlicher braucht keine Kunst zu schaffen. Seine Werke k=F6nnten ihm=
 niemals
mehr zur=FCckgeben, als er ist. Gro=DFartig ist seine Hinterlassenschaft,=
 sie
ehrt den Davongezogenen.

*
Aber die Welt der gebrechlichen Geschicklichkeit, die beinah alles schon
Bezeichnete mit der Vorsilbe "Cyber" versehen m=F6chte, mit neuem Vorzeichen
also, um all dasselbe noch einmal unter neuem Vorzeichen zu betrachten ...
Keine Beschr=E4nktheit kann gr=F6=DFer sein als die der medialen=
 Grenzenlosigkeit.
Das Denken ist immer nur unterwegs, sich selbst zu =FCberraschen. Es macht
sich
aus purem =DCberdru=DF an den eigenen Gegebenheiten auf den Weg. Nur wo es=
 auf
=DCberraschungen au=DFerhalb seiner selbst st=F6=DFt, von hinten =FCberrumpe=
lt wird,
versucht es wie unter Schock das alte zu bleiben.

*
Das Globale ist uns l=E4ngst vertrauter als das H=E4usliche. Im herdlosen=
 Raum
w=E4chst nun das Fernweh nach vertrauten Verh=E4ltnissen.
Wenn aber der Globus ein Dorf, dann bitte auch die Kirche darin lassen.
Fortschritte machen beim Sichern der eigenen Begrenzung.

*
Von Leere schwebend die Orte. Jeder Ort entbirgt uns die Verlorenheit des
ganzen Wohnens.=20
G=E4be es mehr Sinnierexistenz und weniger Systemintelligenz ...
Zu beklagen ist der gro=DFe Mangel an Stubenhockern und die =DCberzahl von
weltfahrenden, an ihr vorbeifahrenden Leuten - und Wissenschaftlern!

*
Im Zukunftsroman ohne Zukunft wird man den Helden als Befreier von
Universalismus ehren! Er, der als erster die Ketten der Globalit=E4t=
 sprengt!
Er, der uns den Weg aus der Sackgasse des Weltweiten weist. Der uns aus der
Sklavenherrschaft des gro=DFen Ganzen f=FChrt! Mit ihren ersten=
 Ersch=FCtterungen
und Depressionen wird die fr=F6hliche =D6konomie das Vertrauen und die Mode=
 der
Fr=F6hlichen verlieren. Und eines Tages sicher auch wieder ihre Hegemonie=
 =FCber
alle Lebensinteressen. Erst dann wieder wird es ernsthaft Bed=FCrftige=
 geben,
die sich aus den goldenen Verliesen erheben und zum Licht am Ende des
Entl=FCftungsschachts hinaufstreben.
Heute prahlen selbst die veranstalteten Dichter mit ihren Aktiendepots und
anderen Investitionsanteilen. Das Geld ist allen anderen Leidenschaften
"integriert". Es ist die Antisehnsuchtsmacht schlechthin. Schal und
erfolgreich, geht es zu wie zur ersten Gr=FCnderzeit. Nur ohne den riskanten
Treibsatz der Selbstgef=E4hrdung durch Ideologie.

*
Die amusische Intelligenz hat seit je einen gro=DFen Bedarf an
Fremdbestimmung.
Auf den vormals ideologischen S=FCndenfall wird nun ihr szentistischer=
 folgen.
(Zun=E4chst freilich ger=E4t sie nur in die Falle ihrer eigenen=
 Vers=E4umnisse:
die sehr versp=E4tete Entdeckung des amerikanischen=
 Wissenschaftsjournalismus,
dessen popul=E4re Zukunftsthesen seit jenem ber=FChmten Man and=
 Future-Symposion
von 1962 st=E4ndig veralten und dabei niemals etwas von ihrer=
 charismatischen
Naivit=E4t einb=FC=DFten.)

*
Das Ungl=FCck mu=DFte einer erst finden unter diesen Schuttbergen=
 gesch=E4ftigen
Gl=FCckens ohne Gl=FCck. Das Gef=FChl des Scheiterns, zu tief versch=FCttet=
 unter
den Tr=FCmmern des Gelingens. Nicht die Sibylle der Wahrsagung, der
Verr=FCcktheit, der Revolution - allein die ausgrabende Stimme.

*
Jemand sagte: Ich warte, bis auch mein Postbote wei=DF, was tissue=
 engineering
ist. Dann erst greife ich zu und wei=DF es auch. Ich will, da=DF die Sache=
 in
aller Munde ist, bevor sie in meinen kommt. Ich ertrag nicht mehr gut, zu
denen zu geh=F6ren, die das Zeug bereits mit der ersten Lieferung zu wissen
bekommen und es dann nicht behalten k=F6nnen, einfach weil es noch nicht=
 genug
Leute gibt, die es auch wissen. F=FCr wenige ist das neue Wissen zuviel, zu
neu, sie k=F6nnen's allein nicht behalten.

*
Das Raffinement wird einzig dem Grobianismus zugef=FChrt, der Barbarisierung
unserer Sinnenwelt, und dient nur zu deren Verst=E4rkung. Wir gew=F6hnen uns=
 an
die Sensation, von unz=E4hligen Bildern beschossen zu werden, aber wir
gew=F6hnen uns nicht an die Entbehrung eines einzigen Leih-Bilds der=
 Ewigkeit.

*
Leopold Ziegler: Die Schwebe zwischen Himmel und Erde - die Schaukel ist der
eigentliche Ort des existierenden Menschen.
Fortschritte im Religi=F6sen kann man so wenig machen wie das Unendliche
vermehren. Auch kann es keine neue Einsamkeit geben.

*
Seltsam, da=DF wir letztlich immer noch mit all unseren Gedanken in die=
 Falle
des Fortschritts rennen, den Rachen der Zeitlichkeit zu stopfen suchen. Die
Erkenntnis des Kreises und der Kreisl=E4ufe ging uns noch nie zu Herzen. Das
Auf und Ab, die blobs and hops, die Hupfer und Tupfer, die Blasen im
Fumarolenschlamm, die unregelm=E4=DFig da und dort sich bl=E4hen und=
 zerplatzen,
wechselnde Bewegungszentren einer unwandelbaren St=E4ndigkeit - so w=FCrde=
 mir
ein Weltbild heute einleuchten.

*
Der Mensch, hei=DFt es, sei das einzige Wesen, das sich beim Leben zuschauen
kann.
Bis zu einem gewissen Grad, wird man wohl einschr=E4nken m=FCssen. Das
Wichtigste
vom Leben sieht auch das Selbstbewu=DFtsein nicht. Im Verh=E4ltnis zur
konsensitiven Trance, die das gro=DFe Ineinander aller unserer Schritte
bestimmt und an der wir nichtsahnend, nicht wissend partizipieren, ist auch
das Selbstbewu=DFtsein nur ein eingeschr=E4nkt souver=E4nes=
 Evolutionsprodukt.
Vielleicht sogar ein vor=FCbergehendes O r g a n? Wir sehen uns nicht mehr
beim Leben zu, als es gerade f=FCr dieses ertr=E4glich ist und uns=
 erm=F6glicht,
ohne fremde Hilfe zu atmen. Das Selbstbewu=DFtsein behindert die Grazie=
 nicht,
es erm=F6glicht im Gegenteil erst, da=DF wir einen Sinn f=FCr Grazie=
 besitzen. Es
ist ein Medium und nicht der Widersacher.

*
Wie erloschen der einst gl=FChende Eifer, sich ein besseres Leben
vorzustellen!
Wie s=E4uerlich abgetan klingt das linkssentimentale "Wir brauchen neue
Utopien". Eine Utopie, das sch=F6nste unerreichbare Ziel w=E4re es n=E4mlich=
, all
das Neue, das unsere Wesensart zu unterwandern droht, verkraften zu k=F6nnen
und dennoch (in etwa) die alten zu bleiben.
Im Gegebenen liegt gen=FCgend Vorstellungswelt. Also empfinden wir nicht ein
Bed=FCrfnis nach mehr Vorstellungskraft, sondern nach gr=F6=DFerer
Verkraftenskraft.
Das bi=DFchen Zeit, das uns noch bleibt, werden wir zum Innehalten nutzen,=
 um
langsam zu begreifen, was wir sagen, indem wir schlie=DFlich Indras Tochter
widersprechen m=FCssen: Nein, es war nicht mehr schade um den Menschen.

*
Jemand sagt: Die uralten Gebote werden st=E4rker sein als die neuen
Freiheiten.
Der Mensch versuche die G=F6tter nicht, wird sich auf das rettungsloseste
bewahrheiten.
Darauf hat es der Bioingenieur leicht, mit einem Schmunzeln zu antworten: Es
gibt keine Probleme mit dem Fortschritt. Es gibt nur Probleme mit zu vielen
r=FCckst=E4ndigen Menschen.
Und wir h=E4tten ihm das Wort nach dem Muster Victor Hugos herumgedreht: Es
gibt keine Finsternis, es gibt nur Erblindete. Es gibt keinen Fortschritt,
es gibt nur Verblendete.
In der Replik ist nichts mehr zu gewinnen. Nur das Anderslautende kann
Antwort geben.=20

*
Die gro=DFe Zunahme an surrealer, mediengest=FCtzter Phantasie hat bis heute
keine k=FCnstlerische Gegenwelt heraufbeschworen (die Sch=E4rfe des einen=
 Bilds,
der Tanz im streng begrenzten Bewegungsraum). Es gibt offenbar in der
=E4sthetischen Sph=E4re nichts Gegnerisches mehr, sondern nur noch=
 konsensitive
Kr=E4fte, die es dr=E4ngt, sich dem Selben zu verbinden.

*
Noch sind wir Wesen vor der gro=DFen Fusion. Nach dem Anschlu=DF des
pers=F6nlichen
Bewu=DFtseins an den Daten-lifestream des Computers wird jeder weit =FCber=
 seine
Verh=E4ltnisse leben. Seine indviduelle Lebenserfahrung, seine Lebensdaten
werden in seinem Bewu=DFtseins- oder Datenleben nahezu verschwinden.

*
Wir erleben j e t z t die Stunde, die niemals kommt. Die Entwurfserfahrung
ist der eigentlich virtuelle Gehalt der neuen Technik. Fr=FCher war, was der
Fall ist. Heute ist, was wird. Proponieren, propagieren, prosperieren,
projektieren - nur das Unvorstellbare kann hier contra geben.
Die Kl=FCgeren unter den Neuro-Mantikern, den Nervenlesern und
Systembeschauern, tr=E4umen von der =DCberwindung ihrer Epoche.
"Wir erledigen auch dieses hybride Programm noch, weil es eben erledigt
werden mu=DF. Wir bringen es hinter uns, um uns dann neu ger=FCstet wieder=
 den
alten gro=DFen Versuchungen des Lebens zuzuwenden."

*
Kenosis des Menschen. Seine Selbstent=E4u=DFerung, die nun den Dingen Leben
einhaucht. Um ihretwillen ist "er, der reich war, arm geworden" (2 Kor.
8,9).

*
Die Dinge raten den Menschen: Werdet nicht wie wir (sicut materia)! Geh=F6re=
t
nie zu dem Unseren! ... Helle, sch=F6ne Dinge sind's, die auch mal eine=
 Lippe
riskieren ...

Wir sprechen von den komplexen Abl=E4ufen im Hirn, im Gem=FCt, im
endokrinologischen Bereich - zum Erfassen der intimsten Zusammenh=E4nge=
 haben
wir einzig diese vage Sammelvokabel: Komplexit=E4t. Nichtssagender geht es
kaum. Solche W=F6rter sind uns nur im Weg.
Sie haben geradezu inhibitorische Wirkung. Sie hemmen den Geist darin,
seiner
Technik auf die Schliche zu kommen. Man untersch=E4tze nicht die=
 "Botenstoffe"
der Sprache. Es gibt geisthemmende und geiststimulierende Begriffe.

*
Die programmierende Intelligenz steht sicherlich dem Denksportler n=E4her=
 als
dem Denker.
Der Denksportler wird selten ein Arkanum erkennen, er begegnet nur R=E4tseln=
,
die er auch l=F6sen kann.
Die Sprache, in der ich Gl=FCck und Leid erfuhr, kann das Jetzt-Geschehende
nicht wiedergeben.
Die aber das Jetzt-Geschehende beurteilen oder sogar mitbestimmen,
besprechen
es allenfalls, denn Sprache ist f=FCr sie nur ein sekund=E4res Medium; es=
 dient
eher dem unbeholfenen Informationsaustausch.

*
Es gibt wenig gegenw=E4rtige Menschen, doch jede Menge Gestalten im Kontext
einer kodifizierten Gegenwart, die nur unter ihnen besteht und geregelt
wird.
Gegenw=E4rtig erscheint mir nur der, der bestrebt ist, die Mauern des blo=DF
Interessanten zu durchbrechen. Diese Mauern, die uns alle von der Gefahr der
P a s s i o n abriegeln. Und die Schlingkr=E4fte des blo=DF Interessanten=
 sind
so gewaltig, da=DF sie alles, was sich ein wenig zu erheben sucht, zur=FCck=
 in
ihre fesselnde Mitte ziehen.

*
Man wird sich nicht mehr auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben,
sondern auf die Suche nach dem verlorenen Sinn f=FCr die verlorene Zeit.
Das Fehlen jeglicher Abschiedsstimmung zeigt an, wie wenig wir noch sp=FCren
von dem, was wir nicht mehr sind. Das Herz ist ein wummernder Klumpen von
Entw=FCrfen. Es ist unf=E4hig, kulturelle Verluste zu empfinden. Um zu=
 erfahren,
wie sehr begabt es dazu war, sollte man immer wieder einmal Ozu-Filme sehen.

Herbst der Familie. Ein Mann kehrt bei seiner fr=FCheren Geliebten ein.=
 Seine
Firma liegt darnieder, die Tochter, die er (vermutlich) mit der Geliebten
hatte, geht mit wechselnden Amerikanern aus. Eine Leuchtreklame =FCber der
Bar: New Japan.
Offenbar trennen wir uns von nichts, weil das neue Deutschland nichts Altes
verlor. Zerst=F6rt wurde es nicht in unserem eigenen Krieg, sondern in dem=
 der
Amerikaner in Vietnam. Danach gab es nichts Altes mehr.

*
W=E4ren die rechtsradikalen Jugendbanden wirklich rechts (und nicht nur ein
Sp=E4tprodukt unserer sonst so hoch gesch=E4tzten "Anti"-Phasen-Kultur), so
k=F6nnte man immerhin vermuten, da=DF sie von einem Grauen, einem Schwindel=
 vor
der Tiefe der ausgemerzten Vergangenheit ergriffen und zu ihren =FCblen
Ha=DFtaten enthemmt w=FCrden.
Vor dem unabsehbar Neuen, dem uns=E4glichen Abschied haben wir es vermehrt=
 mit
indikatorischen Vorg=E4ngen und Zwischenf=E4llen zu tun. Sie geben nicht
deutlich zu verstehen, was sie meinen. Sie zeigen jedenfalls mehr an, als
politische oder soziale Befunde zu erfassen verm=F6gen. Man mu=DF dabei
ber=FCcksichtigen, da=DF nicht wie einst herausragende Subjekte "etwas=
 f=FChlen",
sondern die unterschiedlichsten konsensitiven Kollektive eine viel sch=E4rfe=
re
Witterung besitzen. Gegenwartseinsch=E4tzung und Zukunftsahnung stiften
Gemeinschaft und bauen zuweilen =E4hnlich geschlossene Phantasmen auf wie
biestige Ideologien. Das Vergangenheitsorgan ist an alledem nicht beteiligt,
es ist verst=FCmmelt oder vollst=E4ndig ektomisiert.
Aber kann denn einer sagen: Ich bin traurig =FCber meine verlorene
Traurigkeit?
Meine Generation wird niemals aus kulturellem Einstweh etwas Bedeutendes
hervorbringen. An die Stelle von ersch=FCtternder Wiederkehr ist eine=
 harmlose
Recycling-Technologie getreten, an die Stelle umst=FCrzender Romantik oder
Reaktion milde Nostalgie. Kurzum, es herrscht die ewig erneuerbare
Gegenwart. Allein und ausschlie=DFlich.

*
Der Abschied bei Ozu besteht darin, da=DF Japaner allm=E4hlich aufh=F6ren,=
 Japaner
zu sein. Das ist zun=E4chst eine Folge des Kriegs, folgenreicher f=FCr den
Sittenwandel jedoch ist die technische Okkupation. Der Fortschritt, diese
uralte Dampfmaschine, die die Geschichte der V=F6lker verbraucht und=
 verpufft
und dabei immer =F6konomischer und intelligenter wird, bis sie, zur winzigen
biologischen Maschine geschrumpft, ins Zellgewebe des Individuums vordringt.
Jemand sagte: Fahren Sie schnell nach Indien. Bald gibt es kein Indien mehr.
Fahren Sie schnell nach Deutschland, bald gibt es kein Deutschland mehr, das
k=F6nnte niemand sagen, denn ein eigent=FCmliches Deutschland gibt es schon=
 seit
langem nicht mehr. Und so ist es auch nicht weiter von Bedeutung, wenn es
demn=E4chst immer weniger native Deutsche gibt. Das Land, das geheime Land,
das man in sich tr=E4gt, ist l=E4ngst vergessen. Nicht einmal der heilige=
 Akt
der Wiedervereinigung hat es in Erinnerung bringen k=F6nnen. Diese Deutschen
haben sich R=FCcken an R=FCcken vereinigt.
In Ozus Heimat versuchte einst ein Dichter das alte Japan zu retten.
Mishima.
Hauptmann eines kleinen reaktion=E4ren Haufens, der gegen Telegraphendr=E4ht=
e
k=E4mpfte.
Und sich schlie=DFlich entleibte. Es ist nie vergeblich, wenn ein Dichter=
 den
Opfertod stirbt.
Diese Nachricht wird immer erinnert, wenn der brutale und verheerende
Abschied droht. Sie ist tiefer und dauerhafter als die Abermilliarden
Nachrichten, die =FCber die Telegraphendr=E4hte und Netze rasen.

*
Jede Form der spirituellen =DCberwindung von Kritik bleibt ungewagt. Die
Intelligenz f=E4llt zur=FCck auf ihre alten skeptischen Floskeln, mit denen=
 sie
auch den neuesten blinden Fortschritt wieder sehend machen m=F6chte. Oder=
 sie
h=F6rt =FCberhaupt auf zu sein und macht dem b=F6rsenorientierten
Wissenschaftsjournalismus Platz oder der Propagandaabteilung der gro=DFen
Labore, die gleichzeitig Anlageberatung betreiben.

*
Herbstnachmittag, 1962. Ein Witwer verheiratet seine Tochter. Das ist alles,
zutiefst alles. Unvorstellbare Sch=F6nheit des M=E4dchens. Die M=E4nner, ein
einziger Reigen von Sake-Gelagen, l=E4cheln und k=F6nnen es nicht fassen:=
 Japan
den Krieg verloren! Ein Krieg, in dem Japan sich verlor. Welche Illusion!
Von heute gesehen. Auch ohne Krieg w=E4ren sie alle Amerikaner geworden. Die
Tochter zum Schlu=DF im Hochzeitskleid: eine Wiederauferstehungsvision. Man
sieht j=E4h aller Vergangenheit auf den Grund: Der tiefste Ring des Brunnens
ist immer das Zeremoniell. Das Bild der wei=DF geschminkten dem=FCtigen=
 Braut im
Zeitalter der ersten K=FChlschr=E4nke, das nun wiederauftaucht, fast=
 =FCberhell,
am Ende der kulturellen Heterodoxie - als k=F6nne sich doch noch im letzten
Augenblick ein Bewu=DFtsein bilden aus dem Heraufrufen zeremonieller,
kulturpr=E4gender Bilder. Wo aber kein Sinn mehr f=FCr Versprechung, dort
herrscht allein die zynische Lamie, die m=FCllfressende, denn Blut kann sie
aus den virtuellen Kindern nicht mehr saugen. Aber das Bild ist ja nur als
Epiphanie stark genug! Alle Hoffnung wie alles Gedenken konzentrieren sich
auf solche Epiphanie. Das Leben ist ohne den dazwischen scheinenden Gott
unlebbar. Er erscheint im Flash =FCber allen Flashs, ersch=FCtternd
unvermittelt. Heute wird uns ein Film kaum je noch zur Anschauung gebracht,
er wird uns f=F6rmlich auf die Pupille gedampft. Alles wird unseren Sinnen
aufgedampft, als w=E4ren sie starr wie ein Karosserieblech.

*
Nat=FCrlich konnte Nietzsche lediglich einen toten Gott, eine Attrappe, eine
Maske f=FCr tot erkl=E4ren. Nat=FCrlich ist der Mensch bereits=
 Maschinenmensch,
bevor ihn die Nanoboter =FCbernehmen. Nat=FCrlich ist er thymisch l=E4ngst
erledigt, bevor er genetisch mutiert. Und nur sein ausgeblasenes Innenleben
erm=F6glichte den Einzug des Weltganzen.

*
Ein einzelner Mann, Blake, Sch=F6pfer einer k=FCnstlerischen Mythologie,=
 einer
mit eklektischen Figuren bev=F6lkerten Komplettvision. Bastardisierung
religi=F6ser Gestalten von Anbeginn - beginnlose, unendliche Vorl=E4uferscha=
ft
jeglicher Gestalt. Jeder Archetyp ist synthetisiert. Das Religionszimmer, in
dem du das eine bergen willst, ist =FCberf=FCllt mit Cargo-Kult-St=FCcken.=
 Hier
w=FCrde man ebenso vergeblich nach einem Urbild suchen wie in der
Teilchenphysik nach der einheitlichen Urkraft. Am Ende l=F6st sich alle
Figuration/Materie auf in abstrakte Symmetrien. Vor allem Sein ein Ma=DF.

*
Angst des Lebens im Sinne des sp=E4ten Schelling, der wu=DFte, "da=DF der
Grundstoff allen Lebens und Daseins eben das Schreckliche ist", ist, nachdem
die k=FCnstlerisch-panischen Reservoirs ersch=F6pft sind, ganz nach au=DFen
getreten. Das Schreckliche ist unser aller Leben und Wirken, einschlie=DFlic=
h
der Tatsache, da=DF wir nichts davon sp=FCren. Hin und wieder ist dem=
 objektiv
Schrecklichen ein einzeln Erschreckender "zugedichtet". - "Der T=E4ter ist=
 zum
Tun blo=DF hinzugedichtet - das Tun ist alles" (Nietzsche).

*
Man kann heute den Hauch einer Kraftver=E4nderung in der Ma=DFeinheit
Pictonewton
messen. Ein Pictonewton entspricht zum Beispiel der Kraft, die der
geb=FCndelte Lichtkegel einer gew=F6hnlichen Taschenlampe auf eine=
 angestrahlte
Fl=E4che aus=FCbt. Mit welcher Kraft dr=FCckt denn mein Schatten auf die=
 Wand?
So werden die Ma=DFe der Technik immer feiner und die des Geistes immer
gr=F6ber.

*
Um vorw=E4rtszukommen, gilt es nach einem dritten Weg zu suchen, zwischen=
 Jung
und Alt, den beiden eingest=FCrzten Portalen der Lebenszeit, zwischen
zyklischer Innovation und stehender Wiederaufbereitung.
Doch ist man inzwischen gemacht aus allem, was man liebt, und kann nur aus
diesem Stoff, der eigentlich des Neuen nicht bedarf, etwas von sich geben.
Ich kann mir nicht verbergen, da=DF die Kommunikationsstr=F6me des Computers
oder
Internet sich nie mit dem hei=DFen Untergrund, dem unruhigen Magma des
Gewesenen, vereinigen werden. Auch wenn ich noch so oft damit umgehe und
spiele, das Zeug gewinnt keine Macht =FCber mich. Ich k=E4me ohne es aus.=
 Mein
Geliebtes versteht diese Spiele nicht.

*
Bilder! Gebt uns die Bilder zur=FCck! Wie sie waren vor dem gro=DFen Spuk.=
 Die
St=FChle von Ionesco, das ist ein Bild. Ein Bild mu=DF unabl=F6sbar haften.
Schreie und Fl=FCstern, ein Bild, nicht abw=E4hlbar.
Ich tr=E4ume vom Symbol wie andere von fernen Gestaden oder jungen M=E4dchen=
.
Aber die sogenannten Traumsymbole, entschl=FCsselbare Verschl=FCsselungen,
bedeuten mir nichts und haben gar nichts vom Symbolischen, das mich nicht
losl=E4=DFt, nach dem ich mich verzehre. Dies unsichtbare Ding, zum Greifen=
 nahe
und unirdisch zugleich. In der Kunst von Aias bis Gulliver, von Dante bis
Kafka. Danach nicht mehr. Pl=F6tzlich verschwunden.
Und ich bin d a r u n t e r vergessend geworden, unter diesem grauen
Nachwehen, dem Entzug des Symbols, des unfa=DFlichen G e g e n- s t a n d s.

*
Uns ist nicht mehr die Sehnsucht die aufs =E4u=DFerste gespannte Saite.=
 Sondern
zu haben, was man nicht ist, zerrei=DFt uns fast. Sich vorzutasten wie ein
Kind zwischen Bergen unger=E4umt Erinnertem. Die Sehnsucht H=F6lderlins nach=
 der
Einen Welt - der himmlischen mit der irdischen ...
Ein gro=DFer Mann, im Himmel auch, begehrt zu einem, auf Erden ...
Das bi=DFchen Zeit zwischen ihm, H=F6lderlin, und uns sollte es sein, das=
 den
radikalen Wesenswandel ausmacht, den wir seither erfuhren? Da nun keine
Sehnsucht mehr ist, sondern ein launiges Gen=FCgen an one world und ihrer
Wirtschaft, bewohnen wir, erdherum dicht abgeschlossen, das "stahlharte
Geh=E4use", das uns nach Max Weber vom Jenseits trennt. Dieses und nur=
 dieses
erzeugt dann die irrige Vorstellung von der Entropie menschlicher W=E4rme.

*
Tief im B=FChnengrund erkannten wir das glei=DFend helle Kind, das zu uns
sprach,
uns selige und tr=F6stliche Dinge versprach. Ein kleiner Schemel stand neben
ihm. Doch der Knabe z=F6gerte, einen Fu=DF darauf zu setzen. Obgleich er bei
seinen zuversichtlichen Verk=FCndigungen immer sann, was es mit dem Schemel
auf sich haben k=F6nnte. Zugleich wu=DFte er, da=DF er sich niemals darauf=
 setzen
d=FCrfe. Denn das w=E4re dem Charakter seiner Verlautbarungen nicht=
 angemessen
gewesen. Und doch schielte er ab und zu nach dem kleinen Schemel wie der
Schauspieler nach einem befremdlichen Requisit, das sich nie zuvor an
gleicher Stelle befunden hat und das er nun auf irgendeine Weise mit seinem
Auftritt, seiner Rolle ebenso unauff=E4llig wie =FCberzeugend in Verbindung
bringen mu=DFte


Mit freundlichen Gr=FC=DFen

Elke Bunse
DIE ZEIT
Presse- und =D6ffentlichkeitsarbeit
Telephon: ++49-40-3280-217
Fax:           ++49-40-3280-558
E-Mail:    bunse@zeit.de




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drs. Ren=E9 de Bakker
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Afdeling Catalogisering Faculteiten
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