Liebe Juenger-Freunde,
in der heutigen Ausgabe der "linksalternativen" Tageszeitung "taz" ("tages=
zeitung", berlin) findet sich Juengers politische Publizistik besprochen.
Beste Gr=FC=DFe,
Tobias Wimbauer
www.waldgaenger.de
taz Nr. 6656 vom 22.1.2002, Seite 14, 287 Zeilen (Kommentar), CLAUS LEGGEW=
IE, Rezension=20
"Die Macht will gepackt werden"
Ernst J=FCnger griff die Weimarer Demokratie in seiner politischen Publizist=
ik geh=E4ssig an. Wer daran noch zweifelte, kann es jetzt ausf=FChrlich nachle=
sen
von CLAUS LEGGEWIE
Der Krieg, schrieb Ernst J=FCnger 1922, sei "nicht das Ende, sondern der Auf=
takt der Gewalt. Er ist die Hammerschmiede, in der die Welt in neue Grenze=
n und neue Gemeinschaften zerschlagen wird." Er schreibt den alten Satz He=
raklits vom "Krieg als Vater aller Dinge" fort und wird darin auch von der=
soziologischen Theorie best=E4tigt: M=E4chtig haben Kriege den sozialen Wande=
l angesto=DFen - darunter die Demokratie des 20. Jahrhunderts. Darauf allerd=
ings wollte J=FCnger bekanntlich nicht hinaus: "Neue Formen wollen mit Blut =
erf=FCllt werden, und die Macht will gepackt werden mit harter Faust. Der Kr=
ieg ist eine gro=DFe Schule, und der neue Mensch wird von unserem Schlage se=
in." Das war eine Kampfansage an die "Novemberrepublik", nicht metaphorisc=
h, sondern w=F6rtlich gemeint: "Man sagt, dass der Krieg der Vater aller Din=
ge sei - aber der beste Vater des Krieges ist der B=FCrgerkrieg."
Kaum ein deutscher Schriftsteller r=FCckte das existenzielle Erlebnis des Kr=
ieges so in den Mittelpunkt seines Werks wie J=FCnger, und kaum ein Literat =
hat die Demokratie so erfolgreich bek=E4mpft, mit der Feder als Schwert. 192=
0 erschien das Kriegstagebuch "In Stahlgewittern", danach der Essay "Der K=
rieg als inneres Erlebnis", gefolgt vom Fortsetzungsroman "Sturm" und etli=
chen anderen Werken bis zu seinem "anarchistischen Manifest" "Die totale M=
obilmachung" 1931.
J=FCnger betrachtete, wie er seinem Bruder mitteilte, "literarische T=E4tigkei=
t als Kriegsmittel". Die Grenzen zur politischen Publizistik, die er paral=
lel zwischen 1919 und 1933 verfasste, sind flie=DFend. Da sie bisher nicht g=
esammelt vorlag, haben sich die Bewunderer Ernst J=FCngers immer darauf hina=
uslesen k=F6nnen, der Literat habe sich nur als "Seismograf" des Erdbebens b=
et=E4tigt und nicht selbst an den Grundfesten der Demokratie ger=FCttelt. Auch=
der Politikwissenschaftler Sven Olaf Bergg=F6tz, Herausgeber der endlich im=
Hausverlag J=FCngers erschienenen politischen Schriften bis 1933, h=E4lt die =
=FCberkommene Trennung aufrecht, und er etikettiert J=FCnger allen Ernstes als=
einen "zornigen jungen Wilden" =E0 la Friedrich Schiller und Peter Handke: =
" ein im Grunde unpolitischer Mensch, der im Wesentlichen utopische Vorste=
llungen vertrat. Er hatte wenig Ahnung von den politischen Realit=E4ten im m=
odernen Staat, blendete beispielsweise die Wirtschaft bei all seinen =DCberl=
egungen v=F6llig aus, blieb wirr und unklar in seinen vielen Ideen - sowohl =
im Hinblick auf den von ihm ersehnten Umsturz wie hinsichtlich dessen, was=
danach kommen sollte." J=FCngers Kampf gegen die Demokratie zeige "die Anf=E4=
lligkeit der konservativen Eliten f=FCr den Nationalsozialismus" und man wer=
de ihn nicht wegen seiner politischen Publizistik lesen, sondern "aufgrund=
der Bedeutung seines literarischen Werkes".
Bewunderer von Karl Heinz Bohrer bis Frank Castorf haben bei ihren Attacke=
n auf die Mittelm=E4=DFigkeit der b=FCrgerlichen Politik und westlichen Kultur d=
en "jungen Wilden" stets im Sturmgep=E4ck, dem die "Verwesung" des B=FCrgers S=
pa=DF machte und der dem Nationalsozialismus "von Herzen" den Sieg w=FCnschte.=
Das gefiel schon einem Johannes R. Becher und verlangte sogar Klaus Mann =
Respekt ab: "Seinen Gaben nach geh=F6rt er zu uns."
Geh=F6rt er nicht. Die Edition verbietet solche Ausreden. Sie ist von Bergg=F6=
tz (Jg. 1965) ausf=FChrlich und kenntnisreich kommentiert, unter Einbeziehun=
g des Nachlasses. =DCberraschendes findet man unter den 144 Beitr=E4gen kaum; =
man bekommt vielmehr jene Artikel zu lesen, die J=FCnger nicht in die von ih=
m selbst edierten "S=E4mtlichen Werke" aufnehmen wollte. Sie waren allerding=
s bislang schon in kompilierter Form in dem 1995 ver=F6ffentlichten Brevier =
von Bruno W. Reimann und Renate Ha=DFel nachzulesen. Bergg=F6tz w=FCrdigt diese =
Arbeit mit keinem Wort.
Sein Band versammelt nun auf =FCber 600 Seiten J=FCngers Vorworte zu seinen B=FC=
chern und Sammelb=E4nden ("Finanzierungsschinken") sowie milit=E4rfachliche Be=
itr=E4ge aus der Zeit zwischen 1919 und 1923, als J=FCnger Offizier der Reichs=
wehr und ein gl=FChender Bewunderer des Generals Ludendorff und der Putschis=
ten war, ferner einige Rezensionen.
Das Gros der Beitr=E4ge stammt aus den Jahren 1924 bis 1927, der kurzen Bl=FCt=
ezeit der Weimarer Republik, die J=FCnger, nunmehr Student in Leipzig, "geh=E4=
ssig, systematisch, unerbittlich" anfeindete. Protestiert werde nicht in V=
ortragsreihen oder B=FCchern, gab J=FCnger 1926 als Parole aus, sondern "sehr =
sachlich und n=FCchtern mit Handgranaten und Maschinengewehren auf dem Stra=DF=
enpflaster". Publiziert wurden solche T=F6ne zun=E4chst in der Standarte. Beit=
r=E4gen zur geistigen Vertiefung des Frontgedankens, die J=FCnger mit herausga=
b und sich als Wochenschrift des neuen Nationalismus vom "Stahlhelm", dem =
Bund der Frontsoldaten, abspaltete. Als das Blatt 1926 verboten wurde, tra=
t Arminius an dessen Stelle, eine im unmittelbaren Umfeld des Nationalsozi=
alismus operierende Kampfschrift, von dem Freikorpsf=FChrer Hermann Ehrhardt=
beeinflusst und von G=F6nnern aus der Industrie finanziert. Hier hatte J=FCng=
er also direkt mit den M=F6rdern Walther Rathenaus zu tun; kongenial agitier=
te er im V=F6lkischen Beobachter und Bl=E4ttern der rechtsradikalen Jugend (u.=
a. Widerstand, Das junge Volk).
Die Zusammenschau der bisher verstreuten Schriften erlaubt keineswegs, den=
Literaten vom Pamphletisten zu trennen - vom v=F6lkischen Radikalen, der di=
e NSDAP rechts =FCberholen wollte, und vom Antisemiten, dem der Judenhass de=
r Nazis zu gef=FChlsbetont war. Dabei ist es nicht so wichtig, wie nah der S=
alonfaschist J=FCnger den NS-F=FChrern stand, die ihn lange umworben hatten. V=
iel wesentlicher ist, dass J=FCnger eine j=FCngere Generation "heroischer Real=
isten" motivierte, die in geistig ihm verwandtem Habitus die SS aufbauten.=
"Heroischer Realismus" lautete denn auch der Titel eines Aufsatzes in der =
Literarischen Welt von 1930. Autor war Werner Best, den Bergg=F6tz als "sp=E4t=
eren SS-Ideologen" bezeichnet. Dabei baute dieser furchtbare Jurist die Ge=
stapo auf und wurde ein Technokrat des Judenmordes, der mit der von J=FCnger=
am Soldaten und Arbeiter gefeierten Kombination von Sachlichkeit und Held=
entum Ernst machte. Solch einen Schritt tat J=FCnger nicht, aber seine ganze=
Sympathie galt der "Jugendbewegung der Tat", etwa dem "Bund Artam", Freiw=
illigen, die einen einj=E4hrigen Landdienst absolvierten. Unter Heinrich Him=
mler und "Reichsbauernf=FChrer" Darre waren die Artamanen eine Kaderschmiede=
der SS.
Ernst J=FCngers Distanz zum Nationalsozialismus nach 1927 wuchs nicht dank b=
esserer Einsicht, sondern zun=E4chst nur, weil sich die NSDAP aus taktischen=
Gr=FCnden von der Landvolkbewegung absetzte, als sie im September 1929 vor =
dem Reichstag eine Bombe hochgehen lie=DF. J=FCnger wertete das Verhalten der =
Nazis als Verrat: "Es ist die erste praktische Bewegung, an der ich wirkli=
ch Anteil nehme", und ihre Arbeit bringe wenigstens den "verborgenen b=FCrge=
rlichen Kern (der Nazis) ans Licht". Das ist der Duktus der Briefe, der Pa=
mphlete und auch des literarischen Fr=FChwerks: stets geh=E4ssig und von krank=
hafter Selbst=FCbersch=E4tzung, zuweilen pedantisch wie der Kassenwart eines S=
oldatenvereins. Der hier in nicht "entsch=E4rfter" Form abgedruckte Text "Di=
e Totale Mobilmachung" mag streckenweise "brillant" (Paul Noack) formulier=
t sein. Das ist aber kein Kriterium angesichts der Invektiven gegen den (v=
on seinen fr=FCheren Spie=DFgesellen!) ermordeten Rathenau und die "j=FCdischen =
Intelligenzen".
Schneller als Carl Schmitt und Martin Heidegger verlor J=FCnger die Lust am =
Nationalsozialismus; er verlie=DF Berlin in Richtung Goslar und dann wieder =
an die Front. Ihn zum Widerstandsk=E4mpfer zu stilisieren ist ebenso verfehl=
t, wie es seine Erhebung zum Vordenker der Vernichtung war. Man wundert si=
ch aber, welches (als Philologie getarnte) Vergn=FCgen solche Texte bei der =
J=FCnger-Gemeinde und stellenweise auch im Feuilleton ausl=F6sen. An ihrer lit=
erarischen Qualit=E4t kann es jedenfalls nicht liegen. Die politischen Schri=
ften sind ein erneuter Beleg f=FCr die Zerst=F6rung der deutschen Demokratie d=
urch die "konservative Revolution", und ungenie=DFbar sind sie, weil Ernst J=
=FCnger mit keinem Wort kritischer Selbstreflexion auf sie zur=FCckgekommen is=
t. Die vorsichtige Kommentierung durch Bergg=F6tz macht die Neuauflage von R=
eimann, trotz seiner Neigung zu Tiraden und Rundumschl=E4gen, nicht =FCberfl=FCs=
sig.
Ernst J=FCnger: "Politische Publizistik 1919-1933". Hg. S. O. Bergg=F6tz, Klet=
t-Cotta, Stuttgart 2001, 898 S., 50 Bruno W. Reimann: " , die Feder durch =
das Schwert ersetzen ' Ernst J=FCngers politische Publizistik 1923 bis 1933"=
. BdWi-Verlag, Marburg 2001, 256 S., 18=20
=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F
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Markup © John King, July 2001.