ernst jünger in cyberspace

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Neue Z=FCrcher Zeitung, Nr. 45 vom 23./24. August 2002
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Ultraradikalismus=20
Ernst J=FCngers politische Publizistik=20
Von Stefan Breuer=20

Seine noch immer betr=E4chtliche Leserschaft hat sich Ernst J=FCnger in vielen=
 Jahrzehnten vor allem mit literarischen und halbliterarischen Arbeiten er=
worben: Romanen und Erz=E4hlungen, Tageb=FCchern und Reiseberichten. Dass er d=
ar=FCber hinaus in einer kurzen Phase seines Lebens - im Wesentlichen zwisch=
en 1925 und 1930 - eine rege politische Publizistik entfaltet hat, ist zwa=
r bekannt, war jedoch bisher f=FCr die Mehrzahl seiner Leserinnen und Leser =
nicht nachvollziehbar. Die Texte erschienen damals in Zeitschriften wie =ABS=
tandarte=BB, =ABArminius=BB, =ABVormarsch=BB und =ABWiderstand=BB, die heute nur noch in=
 wenigen Bibliotheken vorhanden sind. Sie neu aufzulegen oder gar in die G=
esamtausgabe seiner Werke aufzunehmen, hat sich J=FCnger geweigert. Jetzt li=
egen sie vollst=E4ndig in einer gesonderten, durch Sven Olaf Bergg=F6tz besorg=
ten Ausgabe vor, die sich durch eine sorgf=E4ltige Edition, ein informatives=
 Nachwort sowie einen reichhaltigen, auch den unver=F6ffentlichten Briefnach=
lass J=FCngers verwertenden Kommentar auszeichnet.

WEGBEREITER=20
Um die Gr=FCnde herauszufinden, weshalb J=FCnger diese Texte so lange unter Ve=
rschluss gehalten hat, bedarf es keiner ideologiekritischen Fertigkeiten, =
keiner ausgefeilten Dechiffrierkunst. Man muss nur exzerpieren k=F6nnen. Fas=
t jede Seite beschert Bekenntnisse, wie sie heute keine rechtsextreme Part=
ei mehr in ihr Programm aufzunehmen wagte. Die permanente Verherrlichung d=
es Krieges ist noch das wenigste. J=FCnger propagiert Nationalismus und Impe=
rialismus, er fordert (und spricht es aus), =ABdem Liberalismus unter Umgehu=
ng aller gesetzm=E4ssigen M=E4tzchen den Todesschlag zu versetzen=BB, =ABdem deuts=
chen Faschismus . . . endlich und offen ein Zentrum zu errichten=BB. Er feie=
rt Mussolinis Marsch auf Rom, entdeckt - 1925 - in der Gestalt des Gefreit=
en Hitler die =ABVorahnung eines ganz neuen F=FChrertypus=BB und w=FCnscht noch 19=
29 =ABdem Nationalsozialismus von Herzen den Sieg=BB.

Das schliesst nicht nur die Bejahung der Diktatur ein, sondern auch die au=
sdr=FCckliche Bef=FCrwortung der antisemitischen Programmpunkte der NSDAP: Die=
 Juden sollen nur als Juden in Deutschland leben d=FCrfen, nicht als Deutsch=
e, was nichts anderes heisst, als ihnen die Rechte wieder zu nehmen, welch=
e die Emanzipation ihnen gebracht hat. Man w=FCrde Ernst J=FCngers Intentionen=
 verzerren, wenn man ihnen unterstellen wollte, sie h=E4tten die Weimarer Re=
publik derjenigen Ordnung vorgezogen, die 1933 Gestalt annahm. Und so ist =
es denn auch durchaus berechtigt, den J=FCnger dieser Jahre als Wegbereiter =
der NS-Herrschaft zu bezeichnen.

Gleichwohl heisst, diese Texte so zu lesen - nur so zu lesen -, auch eine =
Chance zu vergeben: die Chance, Einblick zu erhalten in die Motive, die Ni=
cht-Nationalsozialisten (denn J=FCnger war nie Parteimitglied) zur Unterst=FCt=
zung Hitlers bewogen und die diese Unterst=FCtzung gleichzeitig begrenzten. =
Denn auch dies muss gesagt werden: J=FCnger hat schon sehr bald nach der nat=
ionalsozialistischen Macht=FCbernahme seine Haltung revidiert und alle Bande=
 in dieser Richtung gel=F6st - zun=E4chst nur vorsichtig in Form der Nichtkoop=
eration, dann immer entschiedener in Richtung Widerstand. Daf=FCr stehen die=
 =ABMarmorklippen=BB von 1939, steht die 1941 bis 1943 verfasste Schrift =FCber =
den Frieden, aber auch eine Geste wie der Austritt aus den Traditionsverb=E4=
nden, als diese den Ausschluss der j=FCdischen Weltkriegsoffiziere beschlies=
sen. Wer dies nicht f=FCr vernachl=E4ssigenswert h=E4lt, steht vor der Aufgabe, =
J=FCngers politische Publizistik nicht bloss auf das hin zu lesen, was zu Hi=
tler hinf=FChrte, sondern auch auf das, was von ihm wegf=FChrte.

DIFFERENZEN=20
Das hinf=FChrende Motiv l=E4sst sich mit einem einzigen Wort umreissen: Es ist=
 der Nationalismus. In der Deutung, die J=FCnger ihm gibt, hat dieser Begrif=
f die Funktion, dem schlechterdings Sinnlosen, dem von Deutschland begonne=
nen Ersten Weltkrieg, im Nachhinein einen Sinn zu verleihen und die Opfer,=
 die zahllosen Toten und Verst=FCmmelten, f=FCr nicht umsonst zu erkl=E4ren. Die=
se in immer neuen Variationen vorgebrachte und nicht zuletzt zur Unterdr=FCc=
kung der eigenen Zweifel dienende Sinnstiftung funktioniert aber nur insow=
eit, als das Ergebnis des Krieges, die Niederlage, nicht als endg=FCltig gen=
ommen wird.

Ein neuer, diesmal siegreicher Krieg, das ist die n=E4chste Folgerung, ist n=
ur m=F6glich, wenn der Nationalismus aus seiner alten, b=FCrgerlichen Form bef=
reit und in einen =ABneuen Nationalismus=BB transformiert wird, der die wichti=
gste Kraftquelle moderner Industriegesellschaften, das =ABArbeitertum=BB, eins=
chliesst, was immer auch heisst: mit Rechten versieht. Dass die Entscheidu=
ng von 1918/19 revidiert werden muss, und zwar aus ideellen wie aus materi=
ellen Gr=FCnden; dass diese Revision die =ABtotale Mobilmachung=BB der Nation ve=
rlangt; und dass diese Mobilmachung wiederum eine soziale =D6ffnung des Nati=
onalismus erfordert - das ist die Gedankenkette, die Ernst J=FCnger mit s=E4mt=
lichen Richtungen der neuen Rechten nach 1918, also auch mit dem Nationals=
ozialismus, teilt.

Differenzen lassen sich auf drei Ebenen ausmachen. In ideologischer Hinsic=
ht ist zu beachten, dass der Nationalsozialismus ein Ensemble aus untersch=
iedlichen Str=F6mungen war, zu denen ausser dem =ABneuen Nationalismus=BB noch e=
in v=F6lkischer Nationalismus sowie ein rassenideologisch begr=FCndeter =ABNeoar=
istokratismus=BB geh=F6rten. Vom Ersteren trennte J=FCnger die radikale Modernit=
=E4t, die er in Bezug auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt, die =
Sozialorganisation und nicht zuletzt auch die =C4sthetik an den Tag legte; v=
om Letzteren sowohl die Ablehnung der Rassenideologie sensu stricto als au=
ch der Auswirkungen, die sie auf den Nationalismus hatte: Hiess doch, den =
Akzent auf die =ABarische=BB oder =ABnordische=BB Rasse zu legen, die Nation zu sp=
alten und zugleich auf =FCbergeordnete Einheiten hin zu transzendieren. J=FCng=
ers Antisemitismus richtete sich nicht gegen ein rassisch, sondern gegen e=
thnisch-national verstandenes Judentum und nahm im =DCbrigen, verglichen mit=
 der nationalsozialistischen Publizistik oder dem paranoiden Weltbild der =
Ludendorffianer, einen durchaus schmalen Raum in seinem =8Cuvre ein. Forderu=
ngen nach physischer Eliminierung der Juden finden sich in ihm nicht.

Die beiden anderen Differenzen betreffen die Ebene der Organisation und de=
r Taktik. J=FCnger lehnte es ab, dem Nationalismus eine Organisation zu gebe=
n, und ganz besonders: die Organisationsform einer Partei. Parteien waren =
Instrumente des liberalen, des demokratischen Staates; sich ihrer zu bedie=
nen, f=FChrte zwangsl=E4ufig zu einer Akkommodation an die b=FCrgerliche Ordnung=
, die dem Nationalismus verh=E4ngnisvoll sein musste. Erfolg konnte der Nati=
onalismus nur haben, wenn er bereits hier und heute den radikalen Bruch mi=
t der b=FCrgerlichen Ordnung vollzog, den Schritt von der Struktur zur =ABAnti=
struktur=BB, um es mit einem Begriff von Victor Turner auszudr=FCcken.

Diese Insistenz auf der Antistruktur f=FChrte J=FCnger zu einer fortschreitend=
en Radikalisierung seiner Position, die ihn nach und nach zu fast allen St=
r=F6mungen der Rechten in Gegensatz brachte. Rechnete er noch bis 1926 mit e=
iner Art Einheitsfront aus Wehrb=FCnden und extremen Parteien, die die Putsc=
he von 1920 und 1923 noch einmal und diesmal erfolgreich durchf=FChren werde=
, so bedeutete die Legalit=E4tstaktik, die sowohl Hitler als auch der Stahlh=
elm, als auch der bewunderte Kapit=E4n Ehrhardt damals einschlugen, eine her=
be Entt=E4uschung, die J=FCnger zu einer ersten Distanzierung veranlasste.

Wenn er 1926/27 von =ABFaschismus=BB sprach, so meinte er damit eine Strategie=
, die aus den B=FCnden und Parteien des rechten Lagers die revolution=E4ren El=
emente herausbrechen, zu disziplinierten =ABGefolgschaften=BB (dem deutschen A=
nalogon zu den italienischen squadre) zusammenfassen und zum Sturm auf die=
 Republik f=FChren wollte - eine Strategie, die jede Beteiligung an Wahlen u=
nd jede parlamentarische Arbeit ausschloss und zugleich die M=F6glichkeit ei=
nes B=FCndnisses mit revolution=E4ren Gruppen der Linken einschloss. In der Fr=
age des Eigentums zeigte sich J=FCnger flexibel, und vom Kommunismus als Kam=
pfbewegung hatte er eine hohe Meinung; in seinen Augen stand er dem Nation=
alismus n=E4her als die Demokratie.

Als auch diese Erwartung an den starren innenpolitischen Fronten der Weima=
rer Republik scheiterte, nahm J=FCnger explizit vom =ABFaschismus=BB Abschied un=
d vollzog, was er selbst die =ABWendung zur Anarchie=BB nannte. Damit war nat=FC=
rlich nicht der historische Anarchismus gemeint, der zu einer herrschaftsf=
reien Ordnung strebte. F=FCr J=FCnger war die Anarchie nur ein Durchgangsstadi=
um zu einer neuen Herrschaft, zum nach wie vor festgehaltenen Ziel des =ABna=
tionalen, sozialen, wehrhaften und autoritativ gegliederten Staates=BB. Glei=
chwohl r=E4umte er jetzt der Zerst=F6rung, dem Chaos, der Antistruktur, einen =
so breiten Raum in seinem Denken ein, dass sich ein kaum noch =FCberbr=FCckbar=
er Graben zu den meisten Gruppen der Rechten =F6ffnete.

Als einzige B=FCndnispartner galten noch die (inhaftierten) Femem=F6rder, Atte=
nt=E4ter und Putschisten der Organisation Consul, f=FCr die J=FCnger sich unerm=FC=
dlich einsetzte, und die Aktivisten des Schleswig-Holsteinischen Landvolks=
, w=E4hrend die Faschisten, Nationalsozialisten und Kommunisten als Komplize=
n der bestehenden Ordnung erschienen. Als Hitler 1929 eine Belohnung auf d=
ie Ergreifung der Bombenleger des Landvolks aussetzte, brach es aus J=FCnger=
 hervor: =ABUnd so hat es sich wieder einmal erwiesen, wie sie im Grunde doc=
h alle so einig, einig, einig sind. Kunstst=FCck, B=FCrger seid ihr doch alle,=
 und wie ihr euch auch drehen und wenden m=F6gt, wie ihr eure verbrauchten u=
nd abgegriffenen Medaillen auch polieren und ziselieren m=F6gt, im Grunde gu=
ckt doch derselbe Kopf heraus, =FCber den ich weiter keine Schmeicheleien ve=
rlieren will.=BB

IRRTUM, FEHLER=20
J=FCnger selbst war =FCber die Sch=E4rfe dieser Absage erschrocken, denn einige =
Wochen sp=E4ter, im Oktober 1929, relativierte er sie, indem er dem National=
sozialismus den Sieg w=FCnschte. Trotzdem l=E4sst sich behaupten, dass dieses =
Jahr 1929 das Ende des politischen Publizisten Ernst J=FCnger markiert. Dama=
ls muss ihm klar geworden sein, dass eine so radikale Zerst=F6rung der b=FCrge=
rlichen Ordnung, wie er sie anstrebte, hier und heute nicht zu erreichen w=
ar, dass es die revolution=E4ren Kr=E4fte, die dazu f=E4hig waren, einfach nicht=
 gab und deshalb allenfalls eine durch diese Ordnung gebrochene und entspr=
echend verzerrte Einl=F6sung des nationalistischen Programms zu erwarten war=
.

Die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit war so gross geworden, dass J=FCng=
er schon in der ebenfalls 1929 erschienenen Erstfassung des =ABAbenteuerlich=
en Herzens=BB die politische T=E4tigkeit als unanst=E4ndig bezeichnet und den vi=
elzitierten Satz schrieb, man k=F6nne sich heute nicht in Gesellschaft um De=
utschland bem=FChen: =ABMan muss es einsam tun wie ein Mensch, der mit seinem =
Buschmesser im Urwald Bresche schl=E4gt und den nur die Hoffnung erh=E4lt, das=
s irgendwo im Dickicht andere an der gleichen Arbeit sind.=BB

Um keine Missverst=E4ndnisse aufkommen zu lassen: Dies ist keine Kritik am N=
ationalsozialismus von einem auch nur ann=E4hernd akzeptablen Standpunkt aus=
. Sie richtet sich ausgerechnet gegen jene Spurenelemente der b=FCrgerlichen=
 Welt, die das NS-Regime, zumindest in der Anfangszeit, noch so weit tempe=
rierten, dass ein Beobachter wie Ernst Fraenkel vom Dualismus zwischen Nor=
men- und Massnahmenstaat sprechen konnte. Auf der anderen Seite bleibt jed=
och festzuhalten, dass gerade der f=FCr J=FCnger typische Ultraradikalismus ih=
n daran hinderte, sich unmittelbar an der Etablierung dieses Doppelstaates=
 zu beteiligen. Der Ultraradikalismus dr=E4ngte J=FCnger in Isolation und Inak=
tivit=E4t; und er verschaffte ihm damit eine Art Moratorium, das es ihm erm=F6=
glichte, seine Positionen zu =FCberdenken. Insofern war es nicht bloss das P=
reussische, das diesen =ABpreussischen Anarchisten=BB (Ernst J=FCnger =FCber Ernst=
 J=FCnger) aus seiner Verstrickung in den Aufstieg des Nazireiches befreite,=
 sondern, paradoxerweise, auch das anarchistische Element.

Ein Irrtum, so l=E4sst der Ich-Erz=E4hler in =ABAuf den Marmorklippen=BB seinen Br=
uder Otho =FCber die gemeinsamen =ABMauretanierzeiten=BB sagen, wird erst dann z=
um Fehler, wenn man in ihm beharrt. Ernst J=FCnger hat das Gl=FCck gehabt, das=
s es anderen vorbehalten blieb, aus seinen Irrt=FCmern Fehler zu machen, w=E4h=
rend er selbst die Chance bekam, sich von ihnen zu l=F6sen.

Ernst J=FCnger: Politische Publizistik 1919 bis 1933. Herausgegeben, komment=
iert und mit einem Nachwort von Sven Olaf Bergg=F6tz. Klett-Cotta, Stuttgart=
 2001. 850 S., Fr. 85.-.
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Keine verlorenen Lotto-Quittungen, keine vergessenen Gewinne mehr!=20
Beim WEB.DE Lottoservice: http://tippen2.web.de/=3Fx=3D13




Markup © John King, July 2001.