Berliner Zeitung vom 16.02.2002, Magazin=20 Autor: Steffen Martus=20 Kriegerische Leistung an der N=E4hmaschine Mit dem Schwungrad geschrieben: die politischen Beitr=E4ge Ernst J=FCngers in = der Weimarer Republik Ernst J=FCnger war kein netter Mensch. Nach dem Abitur hatte er nichts Besse= res zu tun, als auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs zu st=FCrmen, s= ich gem=FCtlich zwischen zerfetzten Leibern einzurichten, mit Handgranaten u= m sich zu werfen oder auf andere Arten m=F6glichst viele Menschen niederzume= tzeln. Wie viele andere der Generation von 1914 glaubte er an die vitalisi= erende Kraft des Schlachtfelds, auf dem die ganze abgehalfterte Kultur des= B=FCrgertums weggewischt werden sollte. Gewiss: "In Stahlgewittern", sein "= Tagebuch eines Sto=DFtruppf=FChrers", zeigt offen die Erb=E4rmlichkeit und Sinnl= osigkeit des Geschehens, doch wird das aufgewogen von der Lust an der Gewa= lt und von der Hoffnung, durch Zerst=F6rung von Mensch und Material lie=DFen s= ich die zivilisatorischen Fesseln abstreifen. Was hier gleich nach Kriegse= nde weitgehend ohne direkte politische Ma=DFgabe entworfen wird, =FCberf=FChrt J= =FCnger in mehr als 140 Artikeln f=FCr verschiedene, meist rechtsradikale Zeit= schriften der Weimarer Republik in das politische Programm des Neuen Natio= nalismus, zu dessen Wortf=FChrer er im Laufe der zwanziger Jahren avanciert.= Die Artikel durften auf Verf=FCgung ihres Autors zu Lebzeiten nicht wieder = aufgelegt werden, so dass diese Seite seines Werks nur in m=FChevoller Klein= arbeit rekonstruierbar war. Jetzt liegt die "Politische Publizistik 1919 -= 1933" in einem backsteingro=DFen Band vor, kommentiert und mit einem ausgez= eichneten Nachwort des Bonner Politologen Sven Olaf Bergg=F6tz versehen. Das Erscheinen der "Stahlgewitter" markiert an der Jahreswende 1919/1920 d= en Beginn einer komplizierten publizistischen Karriere im rechten Spektrum= der Weimarer Republik. Hatte J=FCnger seine Kriegserfahrung w=E4hrend der Mil= it=E4rzeit in kriegstheoretische Schriften einflie=DFen lassen, so zieht er na= ch dem Abschied aus der Armee 1923 die politischen Konsequenzen aus seinem= Faible f=FCr Gewalt und Destruktion. Schon die Titel der Zeitungen und Zeit= schriften, an denen er mitarbeitet, sprechen eine deutliche Sprache: "Armi= nius. Kampfschrift f=FCr deutsche Nationalisten", "Die Standarte. Beitr=E4ge z= ur geistigen Vertiefung des Frontgedankens" oder "Der Vormarsch. Bl=E4tter d= er nationalistischen Jugend". Hier beginnt J=FCnger seinen Feldzug gegen "de= n sp=E4ten Liberalismus, den Parlamentarismus, die Demokratie als Herrschaft= der Zahl, ein geistiges Franzosentum und ein Europ=E4ertum, dessen Metaphys= ik die des Speisewagens ist, ein Amerikanismus mit der Gleichsetzung von F= ortschritt und Komfort, eine =F6stliche Orientierung unter dem Gesichtswinke= l der inneren Politik" - und so weiter und so fort. Der Weimarer Republik = setzt er die Vision eines Staats entgegen, der "national, sozial, wehrhaft= und autoritativ" gegliedert sein sollte. Allerdings ist der Begriff Staat= svision fast schon zu weit gegriffen, denn gegen eines hat J=FCnger sich imm= er erfolgreich gewehrt: auf eine Position festgelegt zu werden. Das "Wort = Nationalismus" war f=FCr ihn nicht mehr als ein "=E4u=DFerst brauchbares Feldzei= chen", um eine "Kampfstellung" zu markieren, es war "keineswegs . der Ausd= ruck f=FCr einen obersten Wert . Dieser Name wurde aus R=FCcksichten des Kampf= es gew=E4hlt. " Klar blieb nur eines: J=FCnger war gegen das parlamentarische = System, und diese Gegenposition durfte keiner radikaler beziehen als er. D= araus erkl=E4rt sich auch sein Streit mit den Nazis in den sp=E4ten zwanziger = Jahren, die ihm 1933 gleich die Gestapo ins Haus schicken. J=FCnger =FCberholt= sie alle, und zwar rechts wie links. Er zitiert gerne mal Karl Marx, will= die "Arbeit" aber als "sittliche", nicht als =F6konomische Qualit=E4t konzipi= ert wissen; er schreibt immer wieder von "Blut" und "Rasse" und greift ant= isemitische Positionen auf, begr=FC=DFt aber die "j=FCdische Orthodoxie" und mac= ht sich =FCber die Messung von "Sch=E4delformen und arischen Profilen" lustig;= er fordert zur radikalen "Tat" auf, bem=E4ngelt aber an der NSDAP die mange= lnden "geistigen" Grundlagen. F=FCr seine aristokratische Heroen-Mystik ware= n Hugenberg, die Kommunisten oder Adolf Hitler nichts weiter als "reaktion= =E4re Spie=DFb=FCrger". Seine publizistische Krakelerei =FCberspielt die Niederlag= e und verl=E4ngert dadurch den Krieg in die Friedenszeit hinein. F=FCr den "Ne= uen Typ des deutschen Menschen", so J=FCnger 1926 im "Stahlhelm-Jahrbuch", i= st sein "augenblickliches Leben . . . die Fortsetzung des Krieges mit ande= ren Mitteln, und wir sto=DFen =FCberall auf Naturen, die den Schwung und die E= nergie dieses Krieges auf andere Formen zu =FCbertragen verm=F6gen". "Schwung" und "Energie" - das trifft recht genau, worum es der selbstl=E4ufe= rischen Phrasenmaschine des Neuen Nationalismus geht. Nur auf eines musste= J=FCnger peinlichst bedacht sein, n=E4mlich politisch immer unbrauchbar zu bl= eiben. Der Reibungsverlust konkreten Handelns h=E4tte die Laufgeschwindigkei= t seiner radikalen Wortproduktion verringert, sie ins Stocken gebracht. Da= s erkl=E4rt wohl auch, warum J=FCnger seine publizistische Karriere p=FCnktlich = zu dem Zeitpunkt beendet, als der von ihm angek=FCndigte "nationale, soziale= , wehrhafte und autoritative" Staat sich realisiert. 1933 geht er mit sein= er Familie von Berlin in die Provinz nach Goslar und bezieht endg=FCltig den= Posten des unber=FChrten und unber=FChrbaren, planetarischen Beobachters. Sp=E4= ter wird er lakonisch bemerken: "Auf irgendeinem tr=FCben Bahnhof mu=DFte man = in den Zug einsteigen - als Nationalist oder als Bolschewik, als Revolutio= n=E4r oder als Soldat, im Dienst obskurer Geister oder Theorien - es fragt s= ich nur, wie weit man mitfahren will. " Interessant ist J=FCngers Publizisti= k f=FCr die Rekonstruktion des politischen Radikalismus, weil wir hier einen= herausragenden Vertreter der Republikfeinde vor uns haben; interessant is= t sie f=FCr die Zusammenh=E4nge in J=FCngers essayistischem und literarischem We= rk, denn viele der sp=E4ter scheinbar freischwebend gewonnenen Einsichten fi= nden sich bereits in den handfesten Positionsk=E4mpfen der zwanziger Jahre. = Interessant ist die Publizistik schlie=DFlich aber auch, weil J=FCnger eine eb= enso provozierende wie aufregende Kombinatorik entwickelt. Er verbindet di= e Reizbarkeit durch sinnliche Details mit einer Kunst der Reduktion. Auf d= iese Weise zwingt er die Un=FCbersichtlichkeit der modernen Lebenswelt ins K= orsett einiger weniger Gedankenfiguren.In einem wahren Furor der =DCbertragu= ng nimmt J=FCnger den Kulturzusammenhang seiner Zeit in den Blick und entdec= kt dabei die Heraufkunft eines neuen Menschentyps, des "Arbeiters", der de= n "B=FCrger" zu einer blo=DF noch l=E4cherlichen, historisch =FCberlebten Figur we= rden l=E4sst: "Wer die gleichf=F6rmigen Massen beobachtet, die in fast milit=E4r= ischer Ordnung die gro=DFen St=E4dte verlassen, wer an den Sportpl=E4tzen verwei= lt, die sie in dichtem Kranze umringen und auf denen dem K=F6rper eine Sorgf= alt gewidmet wird, die an die Pf lege von Maschinen erinnert, wer endlich = in den Vergn=FCgungskasernen =FCber die seltsam automatische Haltung der Besuc= her erstaunt, die unter dem Banne einer ununterbrochenen dynamischen Musik= in einen r=E4tselhaften Kult versunken scheinen, der merkt gar bald, da=DF au= ch die Erholung nur zu einer anderen Art von Arbeit geworden ist, zu einem= spielerischen Gegengewicht der Mechanik, das sich mit Notwendigkeit ausl=F6= sen mu=DF". Hinter diesen Anzeichen eines Epochenwechsels aber, so J=FCnger, v= erbirgt sich erst das Wesentliche. Was das ist, sagt er uns leider nicht. Wenn J=FCnger schlie=DFlich seine Gedanken bis zur "Totalen Mobilmachung", ein= em Essay von 1930, weitertreibt, dann wird das Obsessive seiner Gegenwarts= lekt=FCre offenbar. Hinter dem vermeintlichen "Fortschritt" erkennt er nur n= och einen Motor: den Krieg. Alphabetisierung, Demokratisierung, die Einf=FCh= rung der Verkehrsordnung, Kapitalismus, Sozialismus, Pazifismus, Nationali= smus - alles arbeitet dem Vater aller Dinge in die H=E4nde. Es geschehe "kei= ne Bewegung, und sei es die einer Heimarbeiterin an ihrer N=E4hmaschine, meh= r, der nicht eine zum mindesten indirekte kriegerische Leistung innewohnt"= . J=FCnger nimmt dem Fortschritt die Maske des Humanismus ab, und beobachtet= , wie die kulturellen Unterschiede zu einer gemeinsamen Welt verschliffen = werden. Hinter allen Ph=E4nomenen verrichtet die "totale Mobilmachung" ihre = stille und zwingende T=E4tigkeit, durch die "das weit verzweigte und vielfac= h differenzierte Stromnetz des modernen Lebens durch einen einzigen Griff = am Schaltbrett dem gro=DFen Strome der kriegerischen Energie zugeleitet wird= " - gro=DFe Worte, wenig Sinn=3F Es geht um "Schwung" und "Energie" einer Angr= iffslust, die mit dem pathoslosen Pathos des k=FChlen Blicks und einem =FCberl= egenen L=E4cheln auf dem Gesicht die Apokalypse betrachtet. J=FCnger ist weder= politisch noch moralisch zu retten, als Provokateur beh=E4lt er seinen Fasz= inationswert. Ernst J=FCnger: Politische Publizistik 1919 bis 1933. Herausgegeben von Sven= Olaf Bergg=F6tz. Klett-Cotta, Stuttgart 2001, 898 S. , 50 Euro. =5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F Keine verlorenen Lotto-Quittungen, keine vergessenen Gewinne mehr!=20 Beim WEB.DE Lottoservice: http://tippen2.web.de/=3Fx=3D13
Markup © John King, July 2001.