ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - Die Schere #3

Ernst Jünger wrote:

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Es trifft sich, daß ich heut morgen, am 3. September 1987, in der
Zeitung eine Maxime las, die mich nachdenken ließ. Dazu nebenbei: Im
Maß, in dem ein Thema uns beschäftigt, nimmt das Bezügliche zu, als
hätten wir an eine Tür geklopft, die in ein Ideen-Panorama führt.
Diese Maxime wird einem Zeitgenossen zugeschrieben, der als unser
bedeutendster Galerist bezeichnet wird und dessen achtzigsten Geburtstag
man gestern feierte. Sie lautet: »Wenn wir glaubten, die Kunst müsse
moralisch sein, so wäre dies das Ende der Kunst.«
Darüber kann man, wie gesagt, nachdenken. Was mit dem Satz gemeint ist,
leuchtet ein; dem läßt sich zustimmen. Er nimmt Stellung in dem nie
endenden Streit, bei dem Kunst als Geschmackssache gilt, und in Anspruch
genommen wird, sie müsse überhaupt »etwas« sein. Das unterschätzt ihren
Rang.
Wenn Wilhelm II. bei der Einweihung des neuen Hannoverschen Rathauses
vor einem Hodler-Bilde sagte: »Die ganze Richtung paßt mir nicht«, so
entsprang sein Urteil eher dem Willen als der Anschauung. Sie war
weniger ästhetisch fundiert als politisch, und insofern nicht ohne
Instinkt.
Als Oswald Spengler zehn Jahre später notierte, Hodler stemme mit
Papphanteln, traf er den Kern der Sache näher, und zwar in einer den
Maler, und nicht nur ihn, berührenden Kardinalfrage: wo die Kunst
aufhört und die Karikatur beginnt. Das ist keine bloße Geschmacksfrage.
Sie betrifft den modus in rebus bis in die belebte und die unbelebte
Natur. Wo das Maß leidet, wird das Auge verletzt.
Auch die Natur kann sich keine Giraffe mit beliebig langem Hals leisten.
Nicht erst Darwin hat ihr die Grenzen gesetzt. Wenn einfache Menschen in
zoologischen Gärten

beim Anblick gewisser Tiere zu lachen beginnen, so ist das verständlich:
sie haben den Eindruck, daß Proteus hier ein wenig zu weit ging, daß er
zu balancieren begann.
Das Komische ist eine der Klippen auch im Alltag—bis in die Hut- und
Bartmoden. Das Verhältnis verkehrt sich, wo es selbst, etwa in der Arena
oder im Theater, als Kunst behandelt wird. Es gibt zahllose Spaßvögel,
doch ist nichts seltener als ein genialer Clown.

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Zur Maxime zurück. Sie ließe sich auch umkehren: »Wenn wir glaubten, die
Kunst müsse unmoralisch sein, so wäre dies das Ende der Kunst.«
Ein Streit in den Vorhöfen. Dem Wort »Kunst« lassen sich beliebig viele
Adjektiva voranstellen, ohne daß damit eine bestimmte Aufgabe getroffen
würde — vorausgesetzt, daß überhaupt eine Aufgabe oder selbst eine
Tätigkeit besteht. Ein Maler hat Sicht, doch keine Absichten.
Daß die Kunst spezifisch nicht faßbar ist, beweist ihre Autarkie, sogar
ihre Souveränität—um nicht noch weiter zu gehen. Götter, Titanen,
Heroen, Bettler, Cäsaren, Unholde, Spießbürger sind Motive, durch die
sie hindurchgeht, Großes bewirkend, doch ohne sich selbst zu ändern —
sie gleicht der Welle, die Schiffe hebt und vernichtet, gleichviel ob
sie dem Handel, dem Krieg, dem Raub oder der Lust dienen.



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