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mailing list archive - Marmorklippen-Oper / Besprechung d. Frankfurter Rundschau

Copyright =A9 Frankfurter Rundschau 2002=20
Erscheinungsdatum 11.03.2002=20

Zwei Wanderer und ihre Schatten=20

Oper und Gewalt: Giorgio Battistelli im Nationaltheater Mannheim, Hans Wer=
ner Henze in der Oper Frankfurt=20

Von Hans-Klaus Jungheinrich=20

Faschismus als Horror-Show und Gro=DF-Event im Nationaltheater Mannheim bei =
Giorgio Battistellis Ernst-J=FCnger-Vertonung Auf den Marmorklippen (Urauff=FC=
hrung). Faschismus als subtil durch=E4dertes Psychogramm bei Hans Werner Hen=
zes eher kammerspielhafter Oper Das verratene Meer in Frankfurt. Der Zufal=
l zweier Wochenendpremieren bescherte die kontrastive N=E4he zweier Musikthe=
aterst=FCcke in Auseinandersetzung mit leidigster Erbschaft des 20. Jahrhund=
erts.

Auch biographisch ber=FChrten sich die Wege beider Komponisten; Battistelli =
(Jahrgang 1953) hatte einen prominenten Operntermin (Teorema nach Pasolini=
s Film) bei Henzes M=FCnchner Biennale 1992, und von 1993 bis 96 war der J=FCn=
gere Leiter des von Henze gegr=FCndeten Cantiere im toscanischen Montepulcia=
no. Das Marmorklippen-Projekt besprach er mit Ernst J=FCnger offenbar bereit=
s 1986, lie=DF sich mit der Realisierung aber viel Zeit. J=FCngers schmaler Ro=
man, 1939 geschrieben und auch ver=F6ffentlicht, wurde wegen seiner Anspielu=
ngen auf den Nationalsozialismus zuweilen sogar als literarische Widerstan=
dstat gew=FCrdigt. J=FCngers Hass auf Hitler (vielleicht eher Hassliebe) resul=
tierte wohl auch aus seiner Bewunderung f=FCr den von den Nazis niederkonkur=
rierten Nationalisten Ernst Niekisch, den er auch in seinen Tageb=FCchern (w=
ohl seiner bedeutendsten schriftstellerischen Lebensleistung) bis zum Ende=
 immer wieder beruft. Hier spukt Hitler, der im Marmorklippentext als "Obe=
rf=F6rster" figuriert, unter dem Decknamen "Kni=E8bolo". Um kauzig-prezi=F6se Na=
mensgebungen war J=FCnger auch in den Marmorklippen nicht verlegen.

Sehr pr=E4zis gab Battistelli seiner Vertonung den Untertitel "szenische Vis=
ionen". Das Sujet enth=E4lt kaum dramatisches Potential, Einzelfiguren trete=
n nur schwach hervor. Es geht um atmosph=E4rische Ver=E4nderungen: Eine Naturi=
dylle wird von den Umtrieben des Oberf=F6rsters und seiner Horden katastroph=
isch gest=F6rt und zersetzt und nach heftigen K=E4mpfen vernichtet. Eine Kerns=
zene ist der Besuch des einsiedlerisch-beobachtenden Br=FCderpaares (!) in K=
=F6ppelsbleek, einer Folter- und Hinrichtungsst=E4tte. Der Wirklichkeit des Ko=
nzentrationslagers und seinen Opfern n=E4hern sich diese Wanderer mit der Ne=
ugier von K=E4fersammlern (dies bekanntlich die andere Profession Ernst J=FCng=
ers).

Das musikdramaturgische Konzept verweist Battistelli auf einen im wesentli=
chen undramatisch-oratorischen, nichtnarrativen Stil. Die scheinbar modern=
e, der Opernkonvention absagende Ann=E4herung wirkt in diesem Falle aber als=
 untauglich, weil sie sich allzu genau mit J=FCngers "atmosph=E4rischer" Gewal=
tfaszination trifft. Der aufs neue zu den Marmorklippen wandernde Komponis=
t wird vom m=E4chtigen Schatten J=FCngers =FCberw=E4ltigt und aufgesogen. In zumei=
st chorisch-orgiastischen oder illuminierend orchestralen Klangtableaus ve=
rdoppelt und verkl=E4rt Battistelli die J=FCnger'schen Imaginationen. Musik, e=
ine Aufquellung; kein Korrektiv. Es bleibt der Eindruck einer gut gemachte=
n, aber geistig und k=FCnstlerisch nichts hinzu setzenden B=FChnenmusik, die a=
uch angesichts des =E4u=DFersten Schreckens (K=F6ppelsbleek) ihre m=FChelose Eloqu=
enz niemals verliert.

Die optische Pr=E4sentation trumpfte mit dem Gleichen nochmals auf und lanci=
erte die Sache endg=FCltig damit ins ebenso naiv wie virtuos Spektakelnde. L=
ange vorbei offenbar die Zeiten, da der Katalane Carlos Padrissa mit seine=
m Stra=DFentheater La Fura dels Baus in Barcelona innovativ Furore machte. D=
iese Phantasieproduktion ist inzwischen so trendy, dass sie fabrikm=E4=DFig he=
rgestellt werden kann - Regisseur und Ausstatter Padrissa brauchte sich se=
lbst bei den Mannheimer Proben nur ein paarmal sehen zu lassen. Das Ergebn=
is war von bet=E4ubender Turbulenz, ansehnlich nur im verbl=FCffenden Sinne ei=
ner theatralischen Materialschlacht. An der musikalischen Arbeit der zahlr=
eichen Gesangssolisten, des Chores, des von Adam Fischer vehement zusammen=
gerafften diversifizierten Klangapparats, gab es nicht das geringste auszu=
setzen.=20

Auch Henze ist ein die Gefahr (und dort das Rettende=3F) suchender Wanderer =
ohne R=FCcksicht auf vorgegebene Linien von political correctness. Seine bis=
her vorletzte Oper mit dem poetisch-hintersinnigen Titel Das verratene Mee=
r (Libretto: Hans-Ulrich Treichel) benutzt eine Long Short Story von Yukio=
 Mishima, der sich den ausdr=FCcklich politisch begr=FCndeten Sepukko- "Helden=
tod" zuf=FCgte. Faschistisch aktualisierte Samurai-Tugenden durchwittern auc=
h das Dreiecksgef=FCge der Opernhandlung, in der ein Halbw=FCchsiger (mit eini=
gen Gleichaltrigen) einen Seeoffizier a.D. liquidiert - nicht so sehr, wei=
l dieser als Liebhaber seiner Mutter eine Symbiose st=F6rt, sondern vor alle=
m als "Verr=E4ter" seiner seem=E4nnischen und milit=E4rischen Ehre, indem er ein=
e banale Landratte und, besonders verwerflich, Kaufmann wird.

Zumindest in der Oper sind die Charaktere so ausbalanciert, dass sie weder=
 zur Identifikation einladen noch als ganz "b=F6se" erscheinen. An einer Ste=
lle (die Jugendbande f=E4ngt und t=F6tet eine Katze) wird Grausamkeit ganz unm=
ittelbar und "unkonsumierbar" auf die B=FChne gebracht, so dass der Rahmen t=
heatralischer Darstellung gesprengt scheint (mit diesem Schock werden die =
Zuschauer in die Pause entlassen, eine =E4hnliche Markierung wie die "Schand=
e"-Schmieraktion im Jungen Lord). Opernhafter ausgef=FChrt dagegen das Schlu=
ssensemble mit den Jungen und ihrem Opfer, so etwas wie ein ritueller Trau=
ergesang, der freilich schroff endet. Henzes Musik lotet in jedem Moment i=
n psychologische Abgr=FCnde, l=E4sst sich in ihrer Spr=F6dheit und Verletzlichke=
it niemals auf einen Pakt mit der Gewalt und ihrer angeblichen Sch=F6nheit e=
in, ist demnach nie in der Gefahr, vom Schatten Mishimas geschluckt zu wer=
den.=20

Auch in Frankfurt gab es unter der Leitung Bernhard Kontarskys eine klar d=
isponierte, zupackende und ausdifferenzierte Orchesterleistung. Nicht weni=
ger =FCberzeugend die S=E4ngerdarsteller: Pia-Marie Nilsson als kaprizi=F6se und=
 in weiten Legatob=F6gen traumwandlerisch intonierende Fusako (ihr gro=DFes ar=
ioses Adagio kurz vor Schluss r=FCckt sie weit von "nuttenhafter" Charakteri=
stik ab), Claudio Otelli als immer mehr ins Weiche und "Zivilisierte" drif=
tender viriler Seemann Ryuji, der jugendliche Tenor Peter Marsh als pubert=
ierender Noburo mit beklemmenden Z=FCgen von Hilflosigkeit und Autorit=E4tsseh=
nsucht, daneben die Gruppe der jugendlichen Phantasten und T=E4ter, scharf i=
ndividualisiert mit Johannes Martin Kr=E4nzle, Bernhard Landauer, Matjaz Rob=
avs und Istv=E1n Kov=E1cs.

Hart und ungem=FCtlich die szenische Sph=E4re der Auff=FChrung mit dem zentralen=
 multifunktionalen Architekturteil Hans Dieter Schaals (Schiffsinneres, Ro=
hbau, =FCberkippende Beton-Riesenwelle) und Guckl=F6chern f=FCr den allgegenw=E4rt=
igen Voyeurismus dieses Beziehungsk=E4figs, der, in Nicolas Briegers gekonnt=
 spannungsvoller, auf Genauigkeit bedachter Personenregie schlie=DFlich (mit=
 gewaltig herabgefahrenen Containern) zur t=F6dlichen Falle wird.

Nationaltheater Mannheim: 10., 16., 22. M=E4rz, 19. April, 2. und 23. Mai. O=
per Frankfurt: 15., 23., 30. M=E4rz, 5., 7., 10. April.

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Keine verlorenen Lotto-Quittungen, keine vergessenen Gewinne mehr!=20
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Markup © John King, July 2001.