ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - Marmorklippen-Oper / Besprechung d. FAZ

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.03.2002, Nr. 59 / Seite 45
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    Dokument des "Widerstands" oder nicht=3F
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"Auf den Marmorklippen": Die Urauff=FChrung von Giorgio Battistellis J=FCnger-=
Oper mit La Fura dels Baus ger=E4t in Mannheim zur Allegorie des Video-Zeita=
lters


Ernst J=FCnger und kein Ende. Als der Schriftsteller 1998 mit fast einhunder=
tdreiJahren starb, da zitterten manch alte Konflikte noch nach, aber der R=
espekt vor der "Jahrhundertfigur" im wahrsten Wortsinne =FCberwog. Doch kurz=
 zuvor, bei der Verleihung des Frankfurter Goethe-Preises, hatte es noch A=
ufruhr, harsche linke Kritik gegeben: am Militaristen, Kriegs- und Gewalt-=
Verherrlicher, dem Protagonisten eines elit=E4r-antidemokratischen Herrenmen=
schentums. Und trotzig hatten die Wortf=FChrer der "Neuen Rechten" und ihres=
 Organs "Junge Freiheit", Heimo Schwilk vor allem, J=FCnger erneut auf den S=
child gehoben, w=E4hrend franz=F6sische Intellektuelle sich abermals von J=FCnge=
rs N=E4he zur "Schwarzen Romantik", zu Poe und Baudelaire, Surrealismus und =
Anarchismus fasziniert zeigten. "Das abenteuerliche Herz" verwies auf dies=
en "anderen" J=FCnger, indes das Weltkrieg-I-Tagebuch "In Stahlgewittern" un=
d "Der Arbeiter" (1932) die N=E4he zum "V=F6lkischen" und zur nationalsozialis=
tischen Bewegung dokumentierte. Daneben gab es den schier naturmystisch-ak=
ribischen Blumen- und K=E4fer-Kult. J=FCnger: eine schillernde Gestalt.

Da=DF bislang die Komponisten um J=FCnger einen Bogen gemacht haben, ist kein =
Zufall. In Deutschland zumindest w=E4re der Ruch des "Rechten" suspekt genug=
. In Italien sieht das anders aus, ist man wom=F6glich unbefangener. So stam=
men die beiden bislang wohl einzigen J=FCnger-Vertonungen von Giorgio Battis=
telli, 1953 bei Rom geboren: "Anarca. Hommage =E0 Ernst J=FCnger", 1989 in Niz=
za uraufgef=FChrt, und nun das Musiktheater "Auf den Marmorklippen" am Mannh=
eimer Nationaltheater. Nimmt man die Textvorlagen Battistellis, so kann ma=
n ihn schwerlich den Rechten oder gar Deutschnationalen zuordnen. Begonnen=
 hatte er 1981 mit "Experimentum Mundi", bei dem die in ihrem Metier akust=
isch arbeitenden Handwerker seines Heitmatdorfes die Hauptrolle spielten. =
Jules Verne, Pasolinis "Teorema", Fellinis "Orchesterprobe", Artaud, der S=
urrealist Raymond Roussel, Brecht und Sten Nadolnys "Die Entdeckung der La=
ngsamkeit" (Bremen 1997) belegen weite literarische Vorlieben.

J=FCnger freilich hat es Battistelli angetan: Ein Foto von 1988 zeigt Autor =
und Komponist, der seit 1986 an den "Marmorklippen" arbeitet, fast in Vate=
r-Sohn-Konstellation. Nun gibt es wenige Romane, die mit soviel Mystifikat=
ion behaftet sind, so polare Deutungen erfahren haben wie "Auf den Marmork=
lippen". Als es 1939 erschien, wurde das Buch von vielen, in wie au=DFerhalb=
 Deutschlands, als allegorische Parabel auf die NS-Herrschaft gelesen: als=
 politischer Schl=FCsselroman. Da liegt an einem paradiesischen Gestade ein =
hehrer Garten, in dessen "Rautenklause" zwei botanisierende Br=FCder wirken =
- eine heile, archaische Welt, dennoch bedroht vom "Oberf=F6rster", der mit =
seinen marodierenden Horden die finsteren W=E4lder beherrscht, alle unterjoc=
ht und auch die "Marina" bedroht. Die Br=FCder entdecken "K=F6ppelsbleek", Mor=
d-, Folter- und Schinderst=E4tte der Unholde, die vollends nach 1945 als KZ-=
Anspielung gesehen wurde. Es kommt zur Entscheidungsschlacht zwischen den =
Bewohnern der Marina, verst=E4rkt durch die Mannen und vor allem Hunde des a=
tavistischen Hirten Belovar, und den Rotten des Oberf=F6rsters, die siegen. =
Der Garten Eden geht in Flammen auf, die =DCberlebenden schiffen sich nach A=
lta Plana ein, Chiffre der Schweiz=3F Im Oberf=F6rster glaubte man Hitler erke=
nnen zu k=F6nnen, vielleicht auch den jovialen "Reichsj=E4germeister" G=F6ring, =
analog im edel-adligen Schw=E4chling Sunymara Verschw=F6rer des 20. Juli.

Der Roman mit Z=FCgen eines manieristischen "Concetto" mischt Zeiten und Ebe=
nen: Mythos, Renaissance und Gegenwart r=FCckt J=FCnger in die N=E4he des zeitpo=
litisch intendierten "historischen" Romans der drei=DFiger Jahre. 1972 hat J=
=FCnger den antinazistischen Interpretationen widersprochen, sich trotzig ge=
gen den Zeitgeist vom "Widerstand" distanziert, auf dem Artefakt beharrt, =
sp=E4ter freilich die Relevanz der Motive einger=E4umt. Die neuerliche Lekt=FCre=
 allerdings ern=FCchtert. Die florale Jugendstilornamentik, die manich=E4ische=
 Polarit=E4t von asketisch-frauenlosen Edelmenschen und grusligen Untermensc=
hen, die unverhohlene Lust an der Schilderung zentralen Gemetzels erinnern=
 an den "Herrn der Ringe", die Sprache =E4chzt unterm eigenen Faltenwurf. We=
r J=FCnger gro=DFer Literatur zuschlagen will, m=F6ge die Ma=DFst=E4be pr=FCfen.

Battistelli und Giorgio van Straten haben den dialoglosen Roman auf neun S=
zenen reduziert, "musikalischen Visionen" dienstbar gemacht, das Narrative=
 verschm=E4ht und doch an der Stationenfolge festgehalten. Battistelli gelin=
gt es wieder, diesen quasiautonome, eher sinfonisch-oratorische Konstellat=
ionen zuzuordnen. Mit insgesamt herk=F6mmlichen instrumental-vokalen Mitteln=
 evoziert er die Reiche von Licht und Finsternis, l=E4=DFt heile Natur dunkel =
vibrieren und utopisch glei=DFen, Festglanz mediterran pulsieren und die B=F6s=
en in Schlagzeug-Ostinati und Ba=DF-Dr=F6hnen dr=E4uen, bietet f=FCr den Endkampf =
gewaltige tutti-Exzesse auf. Wobei den Ch=F6ren enorme Klangsymbolik aufgeb=FC=
rdet wird. Aber immer wieder gibt es auch Passagen seraphischer Friedensvi=
sionen, Madrigale der Weltentr=FCcktheit, lyrisch beseligende Inseln inmitte=
n gr=E4=DFlichsten Horrors. Die beiden Erz=E4hler-Br=FCder sind Baritone, der F=FCrs=
t ist Tenor, der Oberf=F6rster wird durch vier B=E4sse zum Horror. Frauen(stim=
men) haben bei Ernst J=FCnger nichts zu suchen.

Battistellis Partitur hat durchaus imaginative Qualit=E4ten, suggeriert gro=DF=
e charakteristisch t=F6nende Einheiten, verzettelt sich nicht im Episodische=
n oder Deskriptiven, vermag darin immerhin m=E4chtig die J=FCngerschen Mythen-=
Hohlr=E4ume zu f=FCllen. Deren dekorative Sprach-Leere freilich schl=E4gt auf di=
e Musik zur=FCck: Das Grauen dr=F6hnt nicht selten plakativ, das Heil ist bisw=
eilen durch schier nazarenische Klangseligkeit gef=E4hrdet. Da wird Battiste=
llis an sich sympathische Stilfreiz=FCgigkeit zur Grenze, das Hineingreifen =
in die Kiste historischer Ton-Ikonographien heikel. So leicht ist unmittel=
bar wirkender Musik-Sprach-Ausdruck nun auch wieder nicht abrufbar.

Doch nicht nur Komposition und Sujet der Mannheimer Urauff=FChrung waren spe=
ktakul=E4r: Die furiose katalanische Theatertruppe "La fura dels baus" hatte=
 die Inszenierung =FCbernommen und blieb ihrem Ruf wenig schuldig. Seit bald=
 zwanzig Jahren frappieren die "Kanalratten" mit ihrer einmaligen Mischung=
 aus enthemmtem, choreographisch angespitztem Grotowski-K=F6rpertheater und =
wuchernder Video-=C4sthetik. Ob mit Debussys "Sebastian" in Valencia oder Be=
rlioz' "Faust" in Salzburg: "La fura" attackiert die Sinne. Die "Marmorkli=
ppen" bed=FCrfen solcher Schubkraft, und die Theatralisierung schafft es auc=
h, die J=FCnger-Gegenwelten durcheinander zu wirbeln. Denn "heil" ist hier k=
eine Sph=E4re. Selbst die Blumen-Esoteriker arbeiten in der Techno-Klause am=
 Bildschirm, formieren sich kreisf=F6rmig zum Computer-Ornament der Masse.

Gewi=DF, die "Guten" sind wei=DF, die F=F6rsterlinge =E0 la "Yellow Submarine" bla=
u. Aber Cyber-Lemuren sind sie letztlich alle. Doch den "Endkampf" tragen =
sie mit ihren Hunden aus. Daf=FCr bedienen sich die Technoiden der Humanoide=
n am Halsband - wie in Pasolinis "Sal=F3". Personen-Aktion und Video-Animati=
on sind gewohnt virtuos verzahnt. Da sieht man unendlich sch=F6ne Mittelmeer=
-Marmorklippen vorbeikreisen, J=FCnger-S=E4tze aufscheinen, und raffiniert rel=
ativierend werden aus Blumen Motoren, Turbinen, schlie=DFlich Waffen: Natur =
und Technik im Bann des gleichen Verderbens. Die Gefolterten h=E4ngen leibha=
ftig verkr=FCmmt von der Decke, auf den schr=E4g sich erhebenden Podien agiere=
n die Lemuren. Kalt ist diese Welt, durchaus analog zu der J=FCngers, bis in=
 die "G=F6tterd=E4mmerungs"-Video-Feuersbrunst: darin freilich auch letztlich =
kaleidoskopisch wertfrei in sich selbst befangen. Protagonisten, Chor und =
Orchester unter Adam Fischer sorgten f=FCr musikalische Suggestion. Trotzdem=
 blieben diese "Marmorklippen" fern. So fern wie J=FCnger.

GERHARD R. KOCH


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Keine verlorenen Lotto-Quittungen, keine vergessenen Gewinne mehr!=20
Beim WEB.DE Lottoservice: http://tippen2.web.de/=3Fx=3D13




Markup © John King, July 2001.