ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - Marmorklippen-Oper / Besprechung d. Badischen Zeitung

Badische Zeitung (Freiburg) vom Montag, 11. M=E4rz 2002

Eine Maschinerie der Musik
Ernst J=FCnger vertont: In Mannheim wurde Giorgio Battistellis Musiktheater =
"Auf den Marmorklippen" uraufgef=FChrt

    =20
  Wer sich mit Ernst J=FCnger einl=E4sst, l=E4uft immer Gefahr, sich im Sog von =
dessen Widerspr=FCchlichkeit zu verfangen. Das betrifft den umstrittenen pol=
itisch-metaphysischen Denker gleicherma=DFen wie den Sprachstilisten, der be=
i der Wanderung auf seinen literarischen Marmorklippen manchmal verd=E4chtig=
 nah an die Abgr=FCnde des Kitsches geriet. Wenn nicht alles tr=FCgt, dann ist=
 das Nationaltheater Mannheim genau dort hinein gest=FCrzt mit seiner ehrgei=
zigen Urauff=FChrung von Giorgio Battistellis Musiktheater "Auf den Marmorkl=
ippen".=20

Die Fallh=F6he ist beachtlich. Der italienische Komponist Giorgio Battistell=
i, dem kein Thema, kein Sujet vision=E4r genug sein kann, erarbeitet zusamme=
n mit Giorgio Van Straten einen Extrakt aus J=FCngers Roman "Auf den Marmork=
lippen" und taucht dieses in sattsam bekannte Maschinenmusik-Kl=E4nge. Und d=
ie spanische Theatergruppe La Fura dels Baus - dereinst als junge Wilde ei=
n Ereignis in der europ=E4ischen Theaterlandschaft - setzt, namentlich durch=
 ihr Gr=FCndungsmitglied Carlos Padrissa, die Szenen in Szene. Damit nicht g=
enug: Padrissa entwirft im Mannheimer Programmheft gleich ein Manifest "f=FC=
r die neue Oper des neuen Jahrtausends", f=FCr die er auch ein "neues Publik=
um" fordert. Solch krude Mixtur aus Erneuerungspostulaten "an allen Fronte=
n" hat nicht nur etwas oberfl=E4chlich L=E4cherliches, sie ber=FChrt peinlich.


Die B=FChnentechnik darf zeigen, was sie alles kann=20

Dazu kommt eine visuelle Geschw=E4tzigkeit, innerhalb derer Moderne mit Mode=
 verwechselt wird. Die Mannheimer B=FChnentechnik, sie allein darf in 90 Min=
uten zeigen, wozu sie in der Lage ist. Gleich einem Videoclip bewegt sich =
alles auf der B=FChne um des Bewegens willen, suggeriert die Regie eine viel=
schichtige Emblematik, die unendlich viele Deutungsebenen zul=E4sst. Die hoc=
hzivilisierte, entindividualisierte Kultur-Gesellschaft, symbolisiert durc=
h die Arbeit am Computerbildschirm, gleicht im Erscheinungsbild der Inszen=
ierung den barbarischen Mauretaniern des Oberf=F6rsters - J=FCngers Chiffre f=FC=
r Hitler, die in der Oper gleich als "Vierfaltigkeit" auftaucht -, ums Haa=
r: Ein Teil von jener Kraft, die stets das B=F6se will, und stets das Gute .=
 . . Alles schon bekannt.=20

Wenn dann das B=F6se Flugzeuge auf Hintergrundprojektionen gebiert, die nur =
Tr=FCmmer hinter sich lassen, ist die Grenze zum Kitsch wieder eindeutig =FCbe=
rschritten. Mehr noch: Die =DCberlast an Bildern mit Menschenk=F6rpern ist im =
=FCbrigen einer Glorifizierung der Lust am Untergang verd=E4chtig nah. Der Eff=
ekt ist das Ziel, und darin missverstehen diese "Musikalischen Visionen" J=
=FCngers Roman in all seiner Kritisierbarkeit leider gr=FCndlich.=20

Den Umgang mit Effekten beherrscht auch der Musiker Battistelli. Selbst in=
 den Kl=E4ngen, so scheint es, verwechselt diese Produktion Mode mit Moderne=
. Die (Illustrations-)Musik wirkt wie ein kr=E4ftiger Soundtrack, wie eine g=
igantische Maschinerie - funktionierend nach den durchschaubaren Regeln de=
s Wirkungsprinzips. In deren Mittelpunkt stehen die x-te Wiederentdeckung =
der Chromatik aufw=E4rts und abw=E4rts, ein aus f=FCnf T=F6nen montiertes Erinneru=
ngsmotiv, das in Melodik und Harmonien exakt den "Tatort"-Trailer-Kl=E4ngen =
gleicht, und ganz pr=E4gnanter rhythmischer Drive sowie zahlreiche postmoder=
ne Plattheiten.

Adam Fischer setzt all das mit dem Orchester eindrucksvoll um, wissend um =
die handwerklich solide Beschaffenheit dieser Musik. Der Mannheimer Chor (=
Einstudierung: Wolfgang Balzer) dagegen bedarf am Premierenabend =FCber weit=
e Strecken des Notentextes, obgleich man im zeitgen=F6ssischen Musiktheater =
auch schon komplexere polyphone Strukturen geh=F6rt hat. Thomas Beraus, Thom=
as Jesatkos und Winfried Sakais Solostimmen bewegen sich im soliden Rahmen=
 dessen, was man an einem Theater dieser Gr=F6=DFenordnung erwartet, aber auch=
 nicht mehr. Dass die (Sprech-)Stimme der Erinnerung (J=FCrgen M=FCller) live =
aus Barcelona zugespielt wird, sollte man nat=FCrlich unbedingt erw=E4hnen. Sy=
mptomatisch f=FCr eine Produktion, die dem Trugschluss unterliegt, neue Tech=
nik bedinge automatisch neue Kunst. Der K=E4fersammler Ernst J=FCnger, seines =
Zeichens bester Feind der Moderne, war Battistelli & Co. da ein gewaltiges=
 St=FCck voraus.=20

Alexander Dick



- Weitere Auff=FChrungen am 16. und 22. M=E4rz, 14. und 19. April, sowie 2. un=
d 23. Mai. [TEL] 0621/1680150.=20


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Keine verlorenen Lotto-Quittungen, keine vergessenen Gewinne mehr!=20
Beim WEB.DE Lottoservice: http://tippen2.web.de/=3Fx=3D13




Markup © John King, July 2001.