ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - Marmorklippen-Oper / Besprechung d.Sindelfinger Zeitung

Sindelfinger Zeitung, 11. M=E4rz 2002=20

  Musikalische Visionen nach einem Roman von Ernst J=FCnger

Im Feuersturm geht nicht nur eine alte Welt unter
Kann Zeit stillstehen=3F K=F6nnen historische Ereignisse auch 63 Jahre sp=E4ter =
noch einmal so aufgenommen werden, als sei nichts geschehen, als g=E4be es k=
eine Erkenntnisse, Erfahrungen, Einsichten=3F
VON DIETER K=D6LMEL

Als Ernst J=FCngers Roman =B8=B8Auf den Marmorklippen'' 1939 erschien, galt er d=
en einen als n=FCchtern-wortgewaltige, =B8=B8die Sch=F6nheit des Untergangs'' verh=
errlichende literarische Parabel auf das furchtbare Experiment, das die Na=
tionalsozialisten unter Hitler eben in Form des Zweiten Weltkriegs begonne=
n hatten und aus dessen reinigenden Stahlgewittern der neue Mensch, die =B8=B8=
Herrenrasse'' hervorgehen sollte. Anderen schien der Text als Schl=FCsselwer=
k des Widerstands, das den wilden, alle zivilisatorischen und kulturellen =
Errungenschaften der Menschheit nach und nach unterwandernden, zerst=F6rende=
n Horden des so genannten Oberf=F6rsters mit den Waffen der =B8=B8reinen Geistes=
macht'' zu trotzen suchte.

J=FCnger hat sich auch sp=E4ter nicht auf die eine oder andere Lesart festlege=
n lassen und durch diese Ambivalenz sein literarisches Werk vor Zuordnung =
und Verdammnis, aber auch vor dem Beifall von der falschen Seite bewahrt.

63 Jahre nach der Erstver=F6ffentlichung des Romans taucht das Werk nun - al=
s =B8=B8musikalische Visionen'' - tituliert, auf einer deutschen Opernb=FChne au=
f. Ist die Zeit stehengeblieben=3F Wir werden mit einer opulenten, sich stet=
s aufs Neue =FCberbietenden Bilderflut voller Leuchtkraft, Farbengl=FChen und =
in Gewaltorgien explodierender Aktionen =FCberzogen, h=F6ren eine mit Raffinem=
ent und handwerklichem Geschick auf das Geschehen reagierende, agierende M=
usik voll sinnlichem Melos und archaisch stampfenden Rhythmen, die die Bil=
der =FCberh=F6ht: Ein multimediales, sirenenhaftes Soundspektakel zwischen Cho=
ral, Cluster und poppigen Klangfindungen auf mehreren Ebenen, dessen Sogkr=
aft man sich schwerlich entziehen kann - suggestiv, =FCberw=E4ltigend.

Nat=FCrlich hat Giorgio Battistelli seinen Versuch der =C4sthetisierung des Gr=
auens nicht aus irgendwelchen ewiggestrigen Beweggr=FCnden unternommen. Zur =
Faszination durch den Stoff und die Bildgewalt einer Sprache, der es ihn d=
r=E4ngte einen Klang zu geben, ist die Verehrung f=FCr den Autor gekommen. Man=
 hat in Italien ein anderes Verh=E4ltnis zum Faschismus, andere Erfahrungen =
als in Deutschland. Nicht minder in Spanien, woher die katalanische Theate=
rtruppe La Fura dels Baus kommt, die nun die Texte zum (B=FChnen-)Leben brin=
gt.

Aber gerade deshalb sind derartige Aneignungen, Umsetzungen eines St=FCcks, =
das nicht von seiner Zeit zu trennen ist, hier zu Lande besonders heikel. =
Unbefangen kann man dem Stoff nicht begegnen. Daraus mag auch der Eindruck=
 und Vorwurf der Geschichtslosigkeit und Verharmlosung entstanden sein, de=
r sich im Verlauf der rund 100 Minuten dauernden Urauff=FChrung einstellt. D=
enn Reflexion und kritische Distanz zu den historischen Ereignissen lassen=
 Regisseur Carlos Padrissa und La Fura dels Baus ebenso vermissen wie Batt=
istellis Musik. Beide haben sie mit ihrer =E4sthetischen Assimilation und Ei=
nvernahme die ideologische Doppeldeutigkeit des St=FCcks nivelliert.

Es werden lediglich Szenen gestellt, Abl=E4ufe geschildert, temporeich, oft =
unter die Haut gehend. Das Aufeinanderprallen zweier gleicherma=DFen faschis=
tischer Machtbl=F6cke: einer alten, in Traditionen erstarrten Zivilisation i=
n Gestalt der beiden Klosterbr=FCder Minor und Otho, die von der H=F6he der Ma=
rmorklippen aus in der tr=FCgerischen Idylle der Rautenklause das allm=E4hlich=
e und unaufhaltsame Vordringen der marodierenden Meuten des Oberf=F6rsters v=
erfolgen, und einer neuen, durch ihre Aggressivit=E4t und Unzivilisiertheit =
nicht minder gef=E4hrlichen. Die alte Welt geht am Ende in einem Feuersturm =
unter. Und gebiert aus der Katastrophe dennoch den neuen Menschen=3F Denn J=FC=
nger rettet im Roman wie in den =B8=B8musikalischen Visionen'' seine beiden Pr=
otagonisten Minor und Otho. Der letzte Satz lautet hier wie da: =B8=B8Da schri=
tten wir durch die weit offenen Tore wie in den Frieden des Vaterhauses ei=
n.''

Unbeschadet davon ist Battistelli und seinem Mit-Librettisten Giorgio Van =
Straten eine =FCberraschend schl=FCssige, b=FChnentaugliche Umsetzung und Raffun=
g des sperrigen, komplexen, Dialoge nicht kennenden Textes gelungen. Den Z=
usammenhang sichert die =B8=B8Stimme der Erinnerung'' - ein =FCber der Szene sch=
webender Baum, auf dessen Blatth=FClle schemenhaft das Gesicht des Erz=E4hlers=
 projiziert wird.

F=FCr seine stimmliche und spielerische Leistung, sein r=FCckhaltloses Engagem=
ent geb=FChrt dem Ensemble des Nationaltheaters - Solisten, Chor und Statist=
erie - h=F6chstes Lob. Virtuos und staunenswert die artistische Pr=E4senz von =
La Fura dels Baus. Adam Fischer und sein Orchester machen Battistellis mus=
ikalische Visionen zum Ereignis.
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Keine verlorenen Lotto-Quittungen, keine vergessenen Gewinne mehr!=20
Beim WEB.DE Lottoservice: http://tippen2.web.de/=3Fx=3D13




Markup © John King, July 2001.