ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - marmorklippen-oper / besprechung d. süddeutschen zeitung

erscheint morgen in der S=DCDDEUTSCHEN ZEITUNG:


S=FCddeutsche Zeitung vom 12. M=E4rz 2002
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In der Feuerwalze=20

=84Auf den Marmorklippen=93 =96 J=FCnger, Battistelli und die Wiederentdeckung des=
 musikalischen Furors=20



Nach eineinhalb Stunden in Klang-, Bild- und Lichtgewittern, die nichts an=
deres sind als ein kollektiver Angriff auf das vegetative Nervensystem, da=
 sie das kritische Denken durch das totale Kunstwerk fast v=F6llig ausschalt=
en, nach diesen eineinhalb Stunden einer alle Sinne best=FCrmenden, =FCberw=E4lt=
igenden und oft vergewaltigenden Musiktheatertat jubelt das Publikum im Ma=
nnheimer Nationaltheater allen und jedem zu: dem von Thomas Berau, Thomas =
Jesatko und Winfried Sakai mit Verve und Wucht angef=FChrten Ensemble, dem f=
uriosen Dirigenten Adam Fischer, dem haptisch gesteuerten Regisseur Carlos=
 Padrissa vom Theaterkollektiv La Fura dels Baus, dem mephistophelischen K=
omponisten Giorgio Battistelli ... Und das Publikum jubelt wohl auch noch =
Ernst J=FCnger zu, der mit seiner surrealistisch mythologischen Untergangser=
z=E4hlung =84Auf den Marmorklippen=93 von 1939 den Ansto=DF zu diesem rasanten The=
ateralbdruck lieferte.=20

Jeder scheint gl=FCcklich, dass die Urauff=FChrung einer neuen Oper einmal gan=
z anders daherkommt. Nicht als sp=E4tromantisch verbr=E4mtes Psychotheater, ni=
cht als intellektuell k=FChl distanzierte Kunstanstrengung, nicht als harmlo=
se Anbiederung ans Publikum. Sondern als eine knallbunte Feuerwalze der T=F6=
ne und B=FChnentricks, die keine Tabus kennt, keinerlei Geschmacksgrenzen an=
erkennt, keine Dramaturgenregeln achtet. Daf=FCr aber alle Dogmen der neuen =
Musik missachtet und letztlich ratlos l=E4sst, weil hier keinerlei rational =
fassbare Erkl=E4rungen oder Interpretationen angeboten werden, sondern jener=
 beunruhigend archetypische Urstrom nachgebildet wird, der J=FCngers Erz=E4hlu=
ng jenseits seiner etwas ungelenken und zu Mystifizierungen neigenden Spra=
che die Faszinationskraft verleiht.=20

Giorgio Battistelli, 1953 in den Albaner Bergen geboren, ist immer wieder =
durch ungew=F6hnliche Theaterprojekte aufgefallen, die die dunklen Grundlage=
n menschlicher Existenz ausleuchten. Spielerisch, zutiefst unpsychologisch=
, immer im Klang begr=FCndend, stets l=E4chelnd diabolisch. So stellt Battiste=
lli 1981 Handwerker seines Heimatst=E4dtchens Albano Laziale auf die B=FChne u=
nd l=E4sst sie dort b=E4ckern, mauern, k=FCfern, schustern, Pasta machen =96 all d=
ies rhythmisch notiert in =84Experimentum mundi=93. Ein solcher Beweis, eine s=
olche Erfahrung von Welt pr=E4gt dann, wenn auch musikalisch nie wieder so r=
adikal, =84Keplers Traum=93, =84Die Entdeckung der Langsamkeit=93, das ohne S=E4nger=
 auskommende, auf Pasolinis Film basierende =84Teorema=93 oder die Fellini-Ada=
ption =84Prova d=92orchestra=93.=20

Das =DCberleben der Eliten=20

=84Auf den Marmorklippen=93 ist direkt nach dem =84Experimentum=93 konzipiert word=
en, doch lange Zeit wagte sich keine deutsche B=FChne an diese Veroperung ei=
nes Sujets des rechten Soldaten-Poeten J=FCnger. Zwar wurden der =84Marmorklip=
pen=93-Roman w=E4hrend und nach der Nazityrannei meist als Widerstandsbuch gel=
esen. Doch J=FCnger lehnte diese Deutung ab, und auch die Regie von Carlos P=
adrissa meidet konsequent jeden Bezug zum Hitlerregime. Denn dadurch w=FCrde=
 diese Parabel verk=FCrzt um ihren zeitlosen Anspruch =96 die M=F6glichkeit eine=
r Existenz von Eliten, von K=FCnstlern, Wissenschaftlern, Priestern, Milit=E4r=
s in einer ihnen feindlichen Welt zu untersuchen. Doch J=FCngers Antworten s=
ind widerspr=FCchlich, sie changieren zwischen Kontemplation, Ironie, aktive=
m Eingreifen ins Geschehen, Beschw=F6rung des magischen Potentials im Kosmos=
. Immer aber geht er, der Prophet der Eliten, auf Distanz zu den anderen.=20

Kein Wunder, dass dieses Buch auf K=FCnstler wie eine Droge wirkt. Battistel=
li hat zusammen mit Giorgio Van Straten neun Bilder aus dem Roman genommen=
, hat das Personal auf die beiden Br=FCder, einen Wald-Anarchisten, den F=FCrs=
ten, die M=F6rder-Gang, die alte Zauberk=F6chin und ihr nicht weniger wundersa=
mes Enkelkind reduziert. Einzelne S=E4tze des Romans, kaum ver=E4ndert, skizzi=
eren den Ablauf, zeichnen die Atmosph=E4re. Dazu schreibt Battistelli eine w=
ild bewegte Musik, die sich in Klangorgasmen zusammendr=E4ngt, wie ein Torna=
do dahinjagt, immer Kraft ist und Gl=FChen, die Sinne bet=E4ubend, Urgewalt. D=
as bieten Adam Fischer und seine Musiker als gro=DFe stimmige Aktion, als fu=
lminantes Orchestertableau. Dazwischen einige Chors=E4tze voller Ruhe und Me=
ditation, dann das Tenorsolo des F=FCrsten, von Yuriy Svatenko mit der gr=F6=DFt=
en Verzweiflung gesungen. Er wei=DF, dass sein Rettungsversuch der bedrohten=
 Marina zum Scheitern verurteilt ist, aber er muss in den Tod gehen wie Ch=
ristus, um das Ideal der Aristokratie noch einmal zum Strahlen zu bringen.=
=20

Versucht schon Battistelli sein Publikum im Sturm zu nehmen, so setzt Padr=
issa noch eins drauf. Wie J=FCnger und sein Komponist will auch er den total=
en Rausch. Eine Lichtorgie wird entfacht, Akrobaten winden sich an Seilen =
in der Luft, die Drehb=FChne ist fast st=E4ndig in Bewegung, f=E4hrt nach oben, =
sinkt ein, Videos zeigen eine an Dal=ED erinnernde Landschaft, Feuer lodert =
auf, Sprechtexte werden eingeblendet. Pl=F6tzlich sitzen wei=DF vermummte Comp=
uterarbeiter wie in Artus=92 Tafelrunde da, senken sich die Prospekte bedroh=
lich herab, zeichnen ihre Schatten Linien des Unheils.=20

Alles ist stets in Bewegung, und immer wird gezeigt, wie die Dinge gemacht=
 werden. Daraus resultiert eine Art technokratische Magie. Padrissas Fura-=
 =C4sthetik verweigert sich der vern=FCnftelnden Analyse. Der Regisseur scheut=
 weder die Verdoppelung noch die v=F6llige =DCberforderung. Deshalb gelingt de=
r Abend ganz ma=DFlos. Er stellt, v=F6llig im Sinne Antonin Artauds, die urspr=
=FCngliche Gewalt und Grausamkeit von Theater wieder her, er schafft, endlic=
h, die b=FCrgerliche Schaub=FChne als moralische Anstalt ab und ersetzt sie du=
rch die moralfreie Szeneneruption. Die perfekte Theaterverst=F6rung.

REINHARD J.BREMBECK

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Keine verlorenen Lotto-Quittungen, keine vergessenen Gewinne mehr!=20
Beim WEB.DE Lottoservice: http://tippen2.web.de/=3Fx=3D13




Markup © John King, July 2001.