Die WELT, 13. M=E4rz 2002, Berlin
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Wie man aus nichts eine Oper macht
In Mannheim wurden Ernst J=FCngers Marmorklippen erfolgreich unter Musik ges=
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Von Stephan Hoffmann
Es ist das am wenigsten dramatische St=FCck, das man sich vorstellen kann. I=
n Ernst J=FCngers Roman =84Auf den Marmorklippen=93, der 1939 kurz vor Ausbruch =
des Krieges entstand, gibt es nicht eine einzige w=F6rtliche Rede, daf=FCr abe=
r lange atmosph=E4rische Beschreibungen, h=E4ufig Beschreibungen gnadenloser G=
rausamkeiten; nicht selten sind sie schw=FClstig und manieriert. All diese M=
erkmale empfehlen den Roman nicht gerade zur Musikalisierung. Doch der ita=
lienische Komponist Giorgio Battistelli verehrt Ernst J=FCnger schon lange, =
mit den =84Marmorklippen=93 besch=E4ftigt er sich seit den 80er Jahren, und er w=
ollte wissen, ob es trotzdem geht. =84Oper=93 mochte er das Resultat nicht nen=
nen =96 und eine Oper im traditionellen Sinn ist es auch nicht.
Es geht um den uralten Kampf des Guten gegen das B=F6se: Die friedlichen Bew=
ohner des Phantasielandes Marina m=FCssen sich der barbarischen Horden des O=
berf=F6rsters erwehren. Doch das gelingt ihnen nicht, am Ende steht das ganz=
e Land in Flammen. Eine Hauptperson gibt es nicht. Am ehesten spielte Thom=
as Berau, so etwas wie eine Hauptrolle; er lieh J=FCngers Ich-Erz=E4hler, dem =
Bruder Minor, seine =FCberzeugende Stimme. Im =FCbrigen hat Battistelli aus di=
esem St=FCck eine Art Choroper gemacht, wobei der Chor als zus=E4tzliches Inst=
rument eingesetzt ist; er singt Kl=E4nge und Silben, keine Texte.=20
Im Orchester kultiviert Battistelli ein symphonisches Klangbild, das sich =
am musikalischen Vokabular des 19. Jahrhunderts orientiert, erweitert um e=
inige Klangeffekte, wie man sie aus der Filmmusik kennt: Beim bedrohlichen=
Orchestergrummeln ahnt man, dass die B=F6sen im Anmarsch sind. Damit macht =
Battistelli es seinen H=F6rern leicht. Battistellis Musik, vom Mannheimer Or=
chester unter Adam Fischer hochkompetent und klangsinnlich realisiert, wil=
l nie ein Kontrapunkt zum B=FChnengeschehen sein: Sie verdoppelt und hat den=
selben Hang zum Schw=FClstigen wie J=FCngers Sprache.
Nicht auszudenken, was herausk=E4me, wenn dieses St=FCck vom Oberspielleiter i=
rgendeines Stadttheaters inszeniert w=FCrde. Aber bei der Mannheimer Urauff=FC=
hrung f=FChrte Carlos Padrissa Regie, der zur spanischen Theaterkompanie =84La=
Fura dels Baus=93 geh=F6rt. Unglaublich, was diese Inszenierung an phantastis=
cher Bildkraft (und damit an Bedeutung) aus dem St=FCck herausholte; das Wor=
t =84herausholen=93 greift eigentlich zu kurz, denn er setzt ja voraus, dass d=
as Herausgeholte im St=FCck angelegt ist. In Wahrheit f=FCgte die Inszenierung=
dem St=FCck ganz neue Sinnebenen hinzu und liefert so das, was der Untertit=
el verspricht: =84Musikalische Visionen=93.=20
Ein Beispiel: Im achten der neun Bilder geht es um den offenen Kampf der B=
ewohner von Marina gegen die Horden des Oberf=F6rsters. Mit Hilfe von Gaukle=
rn und Feuerschluckern, durch pr=E4zise Beleuchtung, mit Zwischenvorh=E4ngen u=
nd Projektionen, durch Video-Einblendungen und Luftakrobaten wurde hier et=
was ins Bild gesetzt, was =FCber das szenische Angebot einer =FCblichen Musikt=
heater-Regie weit hinausgeht. Eigentlich sprengt es auch die b=FChnentechnis=
chen M=F6glichkeiten des Mannheimer Theaters. Dass dieses Feuerwerk an Pr=E4zi=
sion, bei dem alle R=E4dchen der Theatermaschinerie ineinander greifen m=FCsse=
n, derart perfekt funktionierte =96 und das =FCber 90 pausenlose Minuten hinwe=
g =96: Da kann man wirklich nur staunen. Diese Produktion ist ein Musterbeis=
piel f=FCr die Leistungsf=E4higkeit eines st=E4dtischen Theaters und f=FCr die Pha=
ntasie einer gelungenen Inszenierung. Das St=FCck selbst.
=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F
Keine verlorenen Lotto-Quittungen, keine vergessenen Gewinne mehr!=20
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Markup © John King, July 2001.