DIE ZEIT, Hamburg, Feuilleton 12/2002, 14. M=E4rz 2002 Thesentraumnebel Giorgio Battistellis neue Oper "Auf den Marmorklippen" nach dem Ernst-J=FCng= er-Roman in Mannheim von Wolfram Goertz Das Luzerner Tagblatt sah in dem Buch eine "Allegorie der Vorg=E4nge im heut= igen Europa", Thomas Mann in dem Autor einen "eiskalten Gen=FCssling des Bar= barismus", und Bertolt Brecht wollte ihn gar nicht Schriftsteller nennen, = man solle vielmehr sagen: "Er wurde beim Schreiben gesehen." In den f=FCnfzi= ger Jahren geriet das Werk auf die Leseliste deutscher Schulen, dieweil di= e Kardinalfrage offen blieb: War Ernst J=FCngers Roman Auf den Marmor-Klippe= n, 1939 in letzten Vorkriegstagen geschrieben, eine symbolisch getarnte, v= ision=E4re Aufkl=E4rungschrift =FCber Nazideutschland oder ein Versuch, Blutst=FCr= zen, Todeslagern und Unterg=E4ngen etwas Sch=F6nes abzugewinnen=3F Irgendwann wurde es um J=FCnger ruhig, die Debatte z=FCngelte, gleichsam erinn= erungsnotorisch, nur noch zu Geburts- und Todestag. Doch jetzt sind die Ma= rmor-Klippen auf der Opernb=FChne angekommen - als Vorlage einer Komposition= des Italieners Giorgio Battistelli. Der hat mit seinem Librettisten Giorg= io van Straten die Parabel von der Ausl=F6schung der "sch=F6nen St=E4dte am Rand= e der Marina" durch die Mordlust des jovialen "Oberf=F6rsters" mit Ehrfurcht= vor vollst=E4ndigen S=E4tzen ausged=FCnnt und zu einem "Theater des Ged=E4chtniss= es" pr=E4pariert. Eine "Stimme der Erinnerung" orakelt Sentenzen aus dem Off= , Ch=F6re raunen Formelhaftes, der Oberf=F6rster dr=F6hnt als vokales Terrorzent= rum aus vier B=E4ssen. Die Handlung h=FCpft schier von Klippe zu Klippe, nimmt= J=FCngers Werk dabei den letzten Rest erz=E4hlerischer Ausf=FChrlichkeit und en= tl=E4sst es in die Thesentraumnebelwelt. J=FCnger, der seine Marmor-Klippen ni= e einzig auf die gr=E4sslichen Abirrungen des "Dritten Reichs" bezogen wisse= n wollte, h=E4tte sich in Mannheim vermutlich behaglich gef=FChlt. Der kalte M= anierismus seiner Sprache prangt dort ungehindert. Bisweilen verschickt Battistelli aus schwerem Blech ein paar musikhistoris= ch verwitterte Terzen; zwischen letzter Heimeligkeit in der Klause der ask= etischen Br=FCder Minor und Otho und ihrer Expedition in den Horror von "K=F6p= pelsbleek" s=E4uselt ein unbegleitetes Oboensolo. Battistelli zieht Musikges= chichte zu einer expressiven Klanglichkeit zusammen, die an den entscheide= nden Webstellen doch bieder und konventionell wirkt. Nicht grundlos schenk= t er dem Schluss einen altmeisterlich vierstimmigen Chorsatz. Imponierend = sicher behaupten sich freilich die Mannheimer Ensembles unter der anfeuern= den Leitung ihres Chefdirigenten Adam Fischer. Simultane Doppelch=F6rigkeit = und glei=DFende Tenorh=F6hen werden pr=E4chtig realisiert. Seltsam aber, wie sehr der Abend zumal durch die Inszenierung der katalani= schen Truppe La Fura dels Baus von g=E4nzlich unkritischer romanischer J=FCnge= rschaft k=FCndet. Die politische Dimension der Prosavorlage verbergen Regie = und Ausstattung geschickt im Totaltheater. Aus der Bek=E4mpfung friedfertige= r Eremiten durch bleckende Grausamkeit wird ein technoides Spektakel, in d= em der gleichgeschaltete Mensch vom Medienwahnsinn tyrannisiert wird. J=FCng= ers zahme Botaniker Minor und Otho gehen unterschiedslos in einer Wagenbur= g aus lebendig mumifizierten Computerleichen auf, wei=DFen hypnotisierten Le= muren vor rollenden Bildschirmen, welche ab und zu gegen einen in der Luft= baumelnden verpuppten Baum und eine Botanisiertrommel eingetauscht werden= . J=FCngers hilfreiche Lanzenottern flattern wie wilde Mobiles von Stangen, =FCb= er eine riesige Leinwand wandern K=E4fer, enthauptete Strichm=E4nnchen und der= Originaltext, der B=FChnenboden schaukelt orgiastisch, verdorrte Zweige ras= cheln, der junge F=FCrst von Sunmyra, wom=F6glich J=FCngers Prototyp des aristok= ratischen, klassisch erfolglosen Attent=E4ters, muss =FCber schmale Stege bala= ncieren. Und der Oberf=F6rster f=E4hrt, vier gesichtslose K=F6pfe hoch, in einer= Aufseherplattform nieder und bemalt alle Lemuren mit blauer Farbe. Es k=F6n= nte so einfach sein, den ber=FChmten J=E4germeister Hermann G=F6ring auf die B=FCh= ne zu kopieren. Hier w=E4re er nicht unwillkommen gewesen. =5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F= =5F=5F=5F=5F Die Nummer, die sich jeder merkt: Ihre 01212 Wunschrufnummer von WEB.DE!=20 Jetzt sichern: http://freemail.web.de/=3Fmc=3D990001
Markup © John King, July 2001.