=A9 DER STANDARD, 16./17. M=E4rz 2002 T=F6ne ohne Meinung=20 Giorgio Battistellis "Auf den Marmorklippen" in Mannheim und Hans Werner H= enzes "Verratenes Meer" in Frankfurt: Zwei politisch brisante Werke provoz= ieren die Frage, ob das Operngenre dem heiklen weltanschaulichen Gestus de= r vertonten Vorlage tats=E4chlich mit Gleichg=FCltigkeit begegnen darf.=20 Reinhard Kager=20 Mannheim/Frankfurt - Es qualmt aus allen Ritzen der berstenden B=FChne. Stun= tmen fliegen durch die Luft, w=E4hrend auf dem Boden die in Lumpen geh=FCllte = Menge heult und kl=E4fft. Ein machthungriger Oberf=F6rster hat die Meute wiede= r in Tiere verwandelt und die Ruhe der Marina um die bizarren Marmorklippe= n zerst=F6rt, ein sadistischer Waidmann, in dem viele Fans von Ernst J=FCnger = eine Karikatur des gerne jagenden Generalfeldmarschalls Hermann G=F6ring erb= licken. W=E4hrend den einen der Roman als Zeugnis des Widerstands gilt, wird er f=FCr = die anderen zum Beleg f=FCr J=FCngers Affinit=E4t zu rechtsnationalem Gedankengu= t: Auf den Marmorklippen, 1939 entstanden und nun im Auftrag des Mannheime= r Nationaltheaters von Giorgio Battistelli vertont, gilt als eines der ums= trittensten B=FCcher des Dichters. Nicht minder umstritten ist auch Schrifts= teller Yukio Mishima, dessen Roman Der Seemann, der die See verriet als Vo= rlage der vorletzten Oper von Hans Werner Henze diente. Der Zufall wollte es, dass Das verratene Meer einen Tag nach der Urauff=FChr= ung von Battistellis Marmorklippen in der Frankfurter Oper in einer Inszen= ierung von Nicolas Brieger auf die B=FChne gelangte. Und somit die Frage pro= vozierte: Kann Oper der politische Gestus ihrer Vorlagen gleichg=FCltig sein= =3F Es w=E4re verwunderlich, k=F6nnte Henze als Exponent der politischen Linken = diese Frage bejahen. Was Henze an dem Roman Mishimas interessiert hatte, w= ar auch nicht das faschistoide Ideal vom m=E4nnlichen Heros, dem der Seemann= Ryuji entsagt, weshalb er von der Jugendgang Noborus regelrecht hingerich= tet wird. Vielmehr spiegelt sich f=FCr Henze in der Dualit=E4t zwischen dem Meer, als Sy= mbol eines kosmischen Naturelements, und dem Heim, das Ryuji und seine Gel= iebte Fusako, die Mutter Noborus, errichten m=F6chten, die Kluft zwischen Fr= eiheit und Pflicht- erf=FCllung. W=E4hrend Henze in seinem Libretto stark abwe= icht vom zweifellos problematischen Original, =FCbertrugen Battistelli und s= ein Librettist Giorgio van Straten den Roman J=FCngers eins zu eins f=FCr die = neue Oper: Kritische Position=20 Just in der Verdichtung zu neun Szenen wirkt die mythische, direkt aus der= Prosa zu Dialogen geformte Sprache J=FCngers, die wohl nur mit M=FChe eine kr= itische Position gegen=FCber der eskalierenden Gewalt herauslesen l=E4sst, nur= umso problematischer. Und der Geruch des Faschistoiden wird noch erheblic= h penetranter angesichts von S=E4tzen wie: "Er hat den Drachen der Furcht in= seiner Brust erlegt." Zu allem =DCberfluss verst=E4rkt Battistellis Musik, die durch Schlagwerkeinsa= tz immer rhythmischer verdichtet wird, blo=DF den atavistischen Grundzug von= Auf den Marmorklippen. Da nutzt es wenig, dass der 49-J=E4hrige die musikal= ischen Schichten auff=E4chert, um den Chor im Sinne einer "akustisch-visuell= en Dramaturgie" oft aus dem Off singen zu lassen, wenn die (Dirigent: Adam= Fischer) immer brachialer werdende Rhythmik J=FCngers Distanzlosigkeit zur = Gewalt auch noch musikalisch verdoppelt. Dass Musik sehr wohl Stellung beziehen kann gegen=FCber einem politisch frag= w=FCrdigen Stoff demonstriert Henze: W=E4hrend die brutale Gang der Halbw=FCchsi= gen von den Rhythmen der Schlaginstrumente dominiert wird und die Traumwel= t des =F6dipal an seine Mutter geketteten Noboru (Peter Marsh) von einem Pia= nino, werden der Seemann Ryuji (Claudio Otelli) und dessen Sehnsucht nach = Familie von den Holzbl=E4sern charakterisiert, die b=FCrgerliche Welt der Fusa= ko (Pia-Marie Nilsson) wiederum von Streichern. Durch diese instrumentale Differenzierung l=E4sst Henze im Gegensatz zu Batt= istelli nie einen Zweifel offen, wie stark er sich von Gewalt distanziert.= Solche Distanz konnte in Mannheim auch das von fliegenden Leibern und for= schen Feuerschluckern bestimmte Regiekonzept von La Fura dels Baus nicht e= rzeugen. Immerhin zeigten die Szenen, als sich die Hirten rund um die Br=FCd= er Minor (Thomas Berau) und Otho (Thomas Jesatko) zu einer Art Gralsprozes= sion um Computerbildschirme formieren, technikkritische Z=FCge.=20 =5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F= =5F=5F=5F=5F Handeln wie die Profis, ganz ohne Risiko. Steigen Sie ein und erleben=20 Sie Berg- und Talfahrt an den B=F6rsen unter http://boersenspiel.web.de
Markup © John King, July 2001.