Die WELT ,Samstag, 16. M=E4rz 2002 Berlin, =20 Freund Hein, komm, wann du willst=20 Wenn ein Mensch erst einmal ins Uralter eingetreten ist, kann ihm nichts m= ehr etwas anhaben =20 Von Eckhard Fuhr Ernst J=FCnger nannte es ein "vorletztes Abenteuer": das Uralter. Mit 97 sch= ickte er sich an, sich noch einmal neu zu erfinden und neu zu erproben. "I= ch habe noch nicht seinen Stil gefunden, den =82esprit de mon age' noch nich= t erfasst", schrieb er. Aber es sei eben ein "Abenteuer, wenn die Toten n=E4= her kommen - nicht nur in den Tr=E4umen, sondern lebendiger denn je".=20 Als J=FCnger f=FCnfeinhalb Jahre sp=E4ter, wenige Wochen vor seinem 103. Geburts= tag starb, stand die Welt "staunend vor dem ungeheuren Jahrhundert", wie d= ie "Frankfurter Allgemeine" ihren Nachruf =FCberschrieb - staunend vor der s= chieren Dauer und ungeheuren F=FClle dieses Lebens, staunend vor den Abgr=FCnd= en des Jahrhunderts, die J=FCngers Biografie =FCberspannte, staunend vor dem A= benteurertum, das sich erfahrungss=FCchtig auf den milit=E4rischen und geistig= en Schlachtfeldern herumtrieb in tr=E4umerischer Unverwundbarkeit.=20 Das Abenteuer des Uralters hat nun auch Hans-Georg Gadamer hinter sich geb= racht. Sein Tod bringt die gleiche Motivik zum Klingen, ja, es scheint so,= als habe die Faszination durch das Uralter noch zugenommen, weil der Mill= ennium-Wechsel inzwischen hinter uns liegt und allm=E4hlich ins Bewusstsein = dringt, dass das 20. Jahrhundert Geschichte geworden ist. Es zeigt sich im= Falle Gadamers noch eindringlicher als bei J=FCnger, dass ein Leben zu Ende= gegangen ist, das das irdische Lebensma=DF sprengte.=20 Als Uralte haben J=FCnger und Gadamer den Tod =FCberwunden, weil ihnen das Ste= rben, das letzte Abenteuer, nicht mehr misslingen konnte. Das gilt in eine= m ganz banalen Sinn, denn ein Hundertj=E4hriger hat ein langes, qu=E4lendes Si= echtum nicht mehr zu gew=E4rtigen. Aber es hat auch eine philosophisch-relig= i=F6se Dimension: Hundertj=E4hrige haben lange Zeit mit dem Tod und mit dem Ge= danken an ihn gelebt. Ihre Weggef=E4hrten haben sie einen nach dem anderen v= erloren. Sie haben das Altern der ihnen folgenden Generation verfolgt. Sie= stehen mit dem Tod auf vertrautem Fu=DF.=20 In der Kindheit tritt der Tod ins Bewusstsein und wird durch Magie in M=E4rc= hen und Spiel geb=E4ndigt. Das Erwachsenenalter verdr=E4ngt den Tod, das Alter= trotzt ihm Lebenszeit ab. Das Uralter aber zwinkert ihm zu: Du kannst kom= men, wann du willst. Anhaben kannst du mir nichts mehr. Jedenfalls k=F6nnen = diejenigen solch lebensmutige Selbstgewissheit gewinnen, die als Uralte ni= cht pflegetechnischen Anstalten =FCberantwortet sind, sondern kommunizierend= en, menschlichen Gemeinschaften angeh=F6ren. Dann wird es beim Verd=E4mmern ei= nes Lebens nicht dunkel, sondern heller, weil der Tod Gemeinschaft und Tra= dition stiftet. Das Reden geht weiter, das Leben wird Sprache. In einer Be= trachtung =FCber Verg=E4nglichkeit (siehe unten) fragt Gadamer, was Sprache de= nn anderes sei "als das Stiften von Ged=E4chtnis und das Vorstellig- und Sic= h-gegenw=E4rtig-Machen von Nichtseiendem".=20 Das Uralter ist ein seltenes Geschenk. Beschenkt werden mit ihm vor allem = die Mit- und =DCberlebenden. Es ist das Reservat uralter, magischer Formen d= er Gemeinschaftsstiftung, ein vormoderner Kraftquell im Zeitalter der Tech= nik und des Rationalismus. Wenn vor den Nachgeborenen jemand steht, dessen= K=F6rper die Stahlgewitter des Ersten Weltkrieges erlebt hat, oder jemand, = der aus dem verwunschenen Bildungsland der alten deutschen Universit=E4t kom= mt, dann wird Tradition wieder zu etwas, das durch Ber=FChren, Besprechen un= d das Erlebnis einer Aura gestiftet wird.=20 Es ist =FCbrigens aussichtslos, die Leichtigkeit des Seins, derer sich der U= ralte erfreuen kann, vor der Zeit erreichen zu wollen. Wir kennen das: Die= massenhaften Fluchten auf tropische Inseln oder in fern=F6stliche Geistes- = und K=F6rperkulte f=FChren nicht wirklich zum Gl=FCck, was immer das sei. Man ka= nn nur warten und =E4lter werden. Und wenn man uralt geworden ist, macht man= es wie J=FCnger: "Bei guter Sonne lasse ich Seifenblasen =FCber den Garten un= d seine Blumen schweben; sie sind das Sinnbild des Verg=E4nglichen. Und sie = sind sch=F6n." =5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F=5F= =5F=5F=5F=5F Ohne Risiko spielend zum B=F6rsenguru werden. Haben Sie schon eine Strategie=3F Spekulieren und tolle Preis gewinnen http://boersenspiel.web.de=
Markup © John King, July 2001.