ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - marmorklippen-oper / besprechung d. THÜRINGER ALLGEMEINEN

Th=FCringer Allgemeine, Dienstag, 19.03.2002=20
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Mannheim: Die =C4sthetik des Untergangs

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Das Spannende dieser Urauff=FChrung lag wohl vor allem in ihrer besonderen M=
ixtur: Ein italienischer Komponist und eine junge katalanische Regietruppe=
 haben ein Werk eines der umstrittensten deutschen Autoren auf eine B=FChne =
gebracht.

Giorgio Battistellis Komposition ist kein innovativ fl=FCchtender Aufbruch i=
ns Reich verr=E4tselnder Ger=E4usche; seine Musik bleibt verst=E4ndlich; tr=E4gt m=
itunter dick auf, scheut dabei auch nicht Effekt oder Einschmeichelndes, l=
=E4sst aber auch die Chance zu reflektierender Distanz. Trotz ausgedehnter o=
ratorischer Elemente kam da unter GMD Adam Fischer eine starke Theatermusi=
k zum Klingen.

Interessanter war die Frage, wie man mit einem auf Ernst J=FCnger basierende=
n Text umgeht. Denn das Libretto zu "Auf den Marmorklippen" ist ein Destil=
lat aus seinem gleichnamigen Roman von 1939. Den zu veropern war seit Mitt=
e der achtziger Jahre ein nicht auszuf=FChrender Plan Battistellis. Erst mit=
 dem Nationaltheater Mannheim fand sich eine B=FChne f=FCr dessen Realisierung=
, die J=FCnger selbst nicht f=FCr m=F6glich gehalten hatte.

Es ist m=FC=DFig dar=FCber zu streiten, ob "Auf den Marmorklippen" nun der Schl=FC=
sselroman ist, der als ein eigenwillig subtiles Zeichen inneren Widerstand=
es gemeint war - nicht nur bei J=FCnger ist das Werk mitunter kl=FCger als sei=
n Autor. Die Beschreibung der Schinderh=FCtte in K=F6ppels-bleek, der Welt des=
 Oberf=F6rsters und des gro=DFen Untergangs lassen sich auch als eine Warnung =
vor der Gewalteskalation schlechthin lesen. Und das schleichende Eindringe=
n totalit=E4rer Herrschaft in die Welt der Br=FCder Otho und Minor, die sich h=
eimt=FCckisch als Ordnung tarnt, l=E4sst sich ebenso auf konkrete Geschichte u=
nd Gegenwart beziehen wie die apokalyptischen Zerst=F6rungsvisionen. Wenn de=
r Chor am Ende singt "So flammen ferne Welten zur Lust der Augen in der Sc=
h=F6nheit des Untergangs auf", dann setzt das zwar dem Vorwurf einer =C4stheti=
sierung des Grauens bei J=FCnger wenig entgegen, nimmt aber zugleich die wel=
tweite Ver-Visualisierung des brennenden World Trade Centers als =E4sthetisi=
ertes Symbol einer reklamierten Zeitenwende auf beklemmende Weise vorweg.

Die katalanische Theatertruppe La Fura dels Baus f=FCllt f=FCr die neun Szenen=
 der "musikalischen Visionen" den B=FChnenraum mit artistischen Bildern und =
Projektionen exzessiv aus. Sie setzen auf die Faszination fantasievoller B=
ilder und Symbole. Ein alter Olivenbaum wird da zur raunenden Projektionsf=
l=E4che einer Stimme der Erinnerung. Dieser Baum kann schweben und sich dreh=
en. Ausgerissen leiden seine Wurzeln mit sich windenden Menschen. Die sind=
 auch die Schlangen. Und dann werden sie zur Hundemeute. Die Musik ist nic=
ht nur stark auf den Chor zugeschnitten, er ist der Hauptakteur. In Bilder=
n, die an die Metropolis-Visionen erinnern. Mit Masken, die Individualit=E4t=
 ausl=F6schen. Gebunden an ihre Computertische s=E4umen sie den Rand der gro=DFe=
n Drehb=FChne. Oder sie werden markiert wie in einem gro=DFen R=E4derwerk.

La Fura dels Baus imaginieren eine Albtraumvision des Untergangs, die sich=
 jedoch mit surrealistischen Verfremdungen vom Gruseleffekt cineastischer =
Horrorbilder absetzt. Distanz bleibt in all der optischen =DCberw=E4ltigung m=F6=
glich. Wie der virtuelle Wirbel eines Malstroms sieht man die Marmorklippe=
n jener Marina Landschaft, die bei J=FCnger die Verk=F6rperung der Harmonie sc=
hlechthin war, zu Beginn vom Wasser her.

Am Ende brennen die Klippen. Wie auf einer Arche Noah stehen die Br=FCder, d=
er Knabe Erio und die alte Lampusa vor ihrem kleinen Gew=E4chshaus auf einem=
 hochgefahrenen Podest und behaupten die untergegangene Utopie schweigend =
gegen die Apokalypse. Einhelliger Jubel.

Joachim LANGE.

N=E4chste Vorstellung 22. M=E4rz

19.03.2002     =20

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Keine verlorenen Lotto-Quittungen, keine vergessenen Gewinne mehr!=20
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Markup © John King, July 2001.