>John King's BA-Arbeit hoert sich sehr interessant an. Was war der genaue >Titel des Referats? Sind sie Engländer? Hierzu ein paar kurze biographische Bermerkungen. Sie haben meine Staatsangehörigkeit richtig erkannt. Dort auf der Insel sieht das Universitätssystem etwas anders als in Deutschland aus. Ich habe in Oxford "Modern Languages" (in meinem Fall, Deutsche und Französische Sprache und Literatur) auf B.A. (Bachelor of Arts - liegt irgendwo zwischen Zwischenprüfung und Magister, je nachdem) studiert. (Studiengang dauert 3 Jahre, höchstens 4). Ein Teil der Abschlußklausuren befaßt sich mit den dort sogenannten "Periods of Literature" (grob gesagt wird literaturgeschichtlich zwischen Mittelalter, Rennaissance-Barock und Moderne unterscheidet) und in diesem Zusammenhang habe ich diese französischen Schriftsteller studiert und darüber einen von meinen zahlreichen Essays geschrieben (In Oxford wenigstens schreibt man normalerweise einen pro Woche - das (undergraduate) Studium dort ist genauso intensiv wie oberflächlich!). Den genauen Titel weiß ich nicht mehr - die 6/7 Seiten sind wohl in einem Ordner in London versteckt... (Soviel zu mir! Ich bitte um Entschuldigung, daß ich schon zuviel über akademische Bräuche auf der Insel geschwätzt habe, aber ich fürchte ansonsten hätte ich die Frage nicht beantworten können.) Allerdings ist das Thema Katholizismus von großer Bedeutung, auch im 20. Jahrhundert. Ich habe einige Franzosen genannt. Man denke aber auch an T.S. Eliot oder Hugo Ball (endlich fällt mir ein Deutsche ein! Haben Sie seine Biographie "Flucht aus der Zeit" gelesen?) Obwohl ich kein Theologe bin, ist es klar, daß die Beziehung zwischen Kirche, Glauben und Moderne höchst brizant ist. Bei Ball zum Beispiel kann man einer Entwicklung folgen, die von einer proto-post-modernen (ja, so 'was gibt's ;-) Lust an der Absurdität (vgl. seine Rolle als Dadaist) in den 20er Jahren zu einem leidenschaftlichen und im Grunde genommen sehr irrationalistischen Glauben und Hingabe an der Autorität der Kirche führt. Was bei Ball ablief, war in gewissen Hinsichten eine Reaktion auf die entzauberte Welt der Moderne, wo Nietzsche Gott totsagen konnte - der Glaube im 20. Jahrhundert scheint bei einigen Intelektuellen fast eine dezionistische Sache zu sein. (Ist nicht ein Hauch von Kierkegaard hier zu spüren?) Ich bin davon überzeugt, daß viele Schriftsteller der Moderne ähnliche Wege gegangen sind, d.h. mit einer unerträgliche Absurdität konfrontiert, suchen sie Unterstützung in extremen Weltanschauungen. Unter Franzosen wären u.a. auch Andre Malraux, Drieu La Rochelle, Celine, Maurice Blanchot zu erwähnen. Als Belgier, Paul de Man. Unter den Engländern - D.H. Lawrence, Pound, Wyndham Lewis. Meiner Ansicht nach ist dies auch ein hilfreicher Ansatz für eine Erklärung von Ernst Jüngers Zeit als nationalistischer Aktivist. (N.b. eine Erklärung, nicht mehr). Um zur Jünger Philologie zurückzukehren, möchte ich das Beispiel des "Kampfs als inneres Erlebnis" erwähnen. Wie es Ihnen vielleicht bekannt ist, gibt es zwei Fassungen davon - die von 1922 und die von 1926 (die dann in die "Sämmtliche Werke" übernommen wurde). Die Revision hat den Text zwar nicht wesentlich "verbessert" aber sie hat ihn gestrafft, hat versucht, die Zweifeln am Sinn des Krieges auszumerzen, um das Buch für die nationale Sache zu gewinnen. Anders gesagt, das Engagement (erst ab 1923!) ist bei Jünger ein Versuch, seine Zweifeln, seine Ahnung, daß der Erster Weltkrieg doch ein sinnloses Blutvergießen war, daß seine Freunde und Kameraden umsonst gestorben sind, möglichst zu verdrängen, um ein einheitliches Weltbild (oder Schema für die politische Tätigkeit) entwerfen zu können. In diesem Zusammenhang sehe ich den "Arbeiter" unter anderem als Überspitzung dieses Versuchs - die Gestaltmetaphysik sehe ich als metahistorischer Entwurf, als eine "grande narrative" im Sinne Lyotards. (Es ist natürlich auch viel mehr darin enthalten.) Die Neigung Jüngers zum Katholizismus im besetzten Paris ist sicherlich gleichfalls eine Reaktion auf die Absurdität des Naziterrors. Sie ist zu Recht als "christliches Zwischenspiel" bezeichnet worden. Ich sehe den älteren Jünger aber als nicht mehr in der Lage, sich in ein Glaubenssystem hineinzuzwingen, wie er es mit dem Nationalismus versucht hat. Wir sehen daher Jünger nach 1945 als Prophet sowohl von Europa als auch vom Anarchen. Aber dieser Anarch, dieser Waldgänger braucht keinen Erlöser (trotz der merkwürdigen Geschichte mit den Engeln und dem Regenten in "Heliopolis"!). Wir haben bei dieser Liste auch über Jüngers Sprache von Titanen und Göttern diskutiert. Aber es ist Heidegger, der meint, "nur noch *ein* Gott kann uns retten". (Spiegel-Interview). Jünger dagegen scheint mit einem quasi-neuplatonischen Weltanschauung auskommen zu können. Oder doch nicht? Mit freundlichen Grüßen, John King. (If anyone wants an English version, let me know....) ---------------------------------------------------------------------------- --------- John King Peterstraße 39b D-20355 Hamburg Tel: +49 (040) 35 11 78 ---------------------------------------------------------------------------- ---------
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