ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - Re: Juenger & Catholicism

At 01:01 11/04/97 +0200, you wrote:
>>John King's BA-Arbeit hoert sich sehr interessant an. Was war der genaue 
>>Titel des Referats? Sind sie Engländer?
>
>Hierzu ein paar kurze biographische Bermerkungen. Sie haben meine
>Staatsangehörigkeit richtig erkannt. Dort auf der Insel sieht das
>Universitätssystem etwas anders als in Deutschland aus. Ich habe in Oxford
>"Modern Languages" (in meinem Fall, Deutsche und Französische Sprache und
>Literatur) auf B.A. (Bachelor of Arts - liegt irgendwo zwischen
>Zwischenprüfung und Magister, je nachdem) studiert. (Studiengang dauert 3
>Jahre, höchstens 4). Ein Teil der Abschlußklausuren befaßt sich mit den dort
>sogenannten "Periods of Literature" (grob gesagt wird literaturgeschichtlich
>zwischen Mittelalter, Rennaissance-Barock und Moderne unterscheidet) und in
>diesem Zusammenhang habe ich diese französischen Schriftsteller studiert und
>darüber einen von meinen zahlreichen Essays geschrieben (In Oxford
>wenigstens schreibt man normalerweise einen pro Woche - das (undergraduate)
>Studium dort ist genauso intensiv wie oberflächlich!). Den genauen Titel
>weiß ich nicht mehr - die 6/7 Seiten sind wohl in einem Ordner in London
>versteckt...
>
>(Soviel zu mir! Ich bitte um Entschuldigung, daß ich schon zuviel über
>akademische Bräuche auf der Insel geschwätzt habe, aber ich fürchte
>ansonsten hätte ich die Frage nicht beantworten können.)  
>
>Allerdings ist das Thema Katholizismus von großer Bedeutung, auch im 20.
>Jahrhundert. Ich habe einige Franzosen genannt. Man denke aber auch an T.S.
>Eliot oder Hugo Ball (endlich fällt mir ein Deutsche ein! Haben Sie seine
>Biographie "Flucht aus der Zeit" gelesen?) Obwohl ich kein Theologe bin, ist
>es klar, daß die Beziehung zwischen Kirche, Glauben und Moderne höchst
>brizant ist. 
>Bei Ball zum Beispiel kann man einer Entwicklung folgen, die von einer
>proto-post-modernen (ja, so 'was gibt's ;-) Lust an der Absurdität (vgl.
>seine Rolle als Dadaist) in den 20er Jahren zu einem leidenschaftlichen und
>im Grunde genommen sehr irrationalistischen Glauben und Hingabe an der
>Autorität der Kirche führt. Was bei Ball ablief, war in gewissen Hinsichten
>eine Reaktion auf die entzauberte Welt der Moderne, wo Nietzsche Gott
>totsagen konnte - der Glaube im 20. Jahrhundert scheint bei einigen
>Intelektuellen fast eine dezionistische Sache zu sein. (Ist nicht ein Hauch
>von Kierkegaard hier zu spüren?)
>
>Ich bin davon überzeugt, daß viele Schriftsteller der Moderne ähnliche Wege
>gegangen sind, d.h. mit einer unerträgliche Absurdität konfrontiert, suchen
>sie Unterstützung in extremen Weltanschauungen. Unter Franzosen wären u.a.
>auch Andre Malraux, Drieu La Rochelle, Celine, Maurice Blanchot zu erwähnen.
>Als Belgier, Paul de Man. Unter den Engländern - D.H. Lawrence, Pound,
>Wyndham Lewis. Meiner Ansicht nach ist dies auch ein hilfreicher Ansatz für
>eine Erklärung von Ernst Jüngers Zeit als nationalistischer Aktivist. (N.b.
>eine Erklärung, nicht mehr). 
>
>Um zur Jünger Philologie zurückzukehren, möchte ich das Beispiel des "Kampfs
>als inneres Erlebnis" erwähnen. Wie es Ihnen vielleicht bekannt ist, gibt es
>zwei Fassungen davon - die von 1922 und die von 1926 (die dann in die
>"Sämmtliche Werke" übernommen wurde). Die Revision hat den Text zwar nicht
>wesentlich "verbessert" aber sie hat ihn gestrafft, hat versucht, die
>Zweifeln am Sinn des Krieges auszumerzen, um das Buch für die nationale
>Sache zu gewinnen. Anders gesagt, das Engagement (erst ab 1923!) ist bei
>Jünger ein Versuch, seine Zweifeln, seine Ahnung, daß der Erster Weltkrieg
>doch ein sinnloses Blutvergießen war, daß seine Freunde und Kameraden
>umsonst gestorben sind, möglichst zu verdrängen, um ein einheitliches
>Weltbild (oder Schema für die politische Tätigkeit) entwerfen zu können. In
>diesem Zusammenhang sehe ich den "Arbeiter" unter anderem als Überspitzung
>dieses Versuchs - die Gestaltmetaphysik sehe ich als metahistorischer
>Entwurf, als eine "grande narrative" im Sinne Lyotards. (Es ist natürlich
>auch viel mehr darin enthalten.) 
>
>Die Neigung Jüngers zum Katholizismus im besetzten Paris ist sicherlich
>gleichfalls eine Reaktion auf die Absurdität des Naziterrors. Sie ist zu
>Recht als "christliches Zwischenspiel" bezeichnet worden. Ich sehe den
>älteren Jünger aber als nicht mehr in der Lage, sich in ein Glaubenssystem
>hineinzuzwingen, wie er es mit dem Nationalismus versucht hat. Wir sehen
>daher Jünger nach 1945 als Prophet sowohl von Europa als auch vom Anarchen.
>Aber dieser Anarch, dieser Waldgänger braucht keinen Erlöser (trotz der
>merkwürdigen Geschichte mit den Engeln und dem Regenten in "Heliopolis"!).
>Wir haben bei dieser Liste auch über Jüngers Sprache von Titanen und Göttern
>diskutiert. Aber es ist Heidegger, der meint, "nur noch *ein* Gott kann uns
>retten". (Spiegel-Interview). Jünger dagegen scheint mit einem
>quasi-neuplatonischen Weltanschauung auskommen zu können. Oder doch nicht?
>
>Mit freundlichen Grüßen,
>
>John King.
>
>(If anyone wants an English version, let me know....)
>----------------------------------------------------------------------------
>---------
>John King
>Peterstraße 39b
>D-20355 Hamburg
>Tel: +49 (040) 35 11 78
>----------------------------------------------------------------------------
>---------
>
>Concerning the above I do like to have an English version yes. Thank you in
advance.
Concerning EJ and Catholicism. He suggest himself a strong influence from
two French "Pamphletaire"  Bloy and Hello who were much more anti Bourgeois
than Barrés or Montherlant. They can stand as model for the young rebels.
 
>


Markup © John King, 2008. Web archive generated Tue, 21st August 2007.