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mailing list archive - Friedrich Georg Jünger: Briefe

Tobias Wimbauer:     Heiterkeit in finsteren Zeiten

Die deutsche Intelligenz nach der Katastrophe von 1945: Friedrich Georg
Jüngers Briefwechsel mit Schlichter, Niekisch und Nebel

Im Hausverlag Ernst Jüngers, bei Klett-Cotta in Stuttgart, ist in diesen
Tagen ein Band erschienen, der drei Briefwechsel seines Bruders
Friedrich Georg (1898–1977) mit Rudolf Schlichter, Ernst Niekisch und
Gerhard Nebel vereint, herausgegeben von den beiden Dresdner Germanisten
Ulrich Fröschle und Volker Haase.

Auf den ersten Blick scheint die Zusammenstellung der Briefpartner recht
zufällig. Wer sich dann etwas hineinliest, stellt zudem schnell fest,
daß sich hier die vielzitierten Schiffe in der Nacht begegnet sind, die
anscheinend nur ein Grußsignal getauscht haben. Denn, so räumen die
Herausgeber ein, richtig warm geworden sei Jünger mit keinem seiner
Korrespondenten, und nach relativ kurzer Zeit hätten weltanschauliche
Gegensätze den Austausch enden lassen. Warum also zusammenführen, was
vielleicht gar nicht zusammengehört?

Eine Antwort darauf ergibt sich für die Herausgeber aus der
Zeitgeschichte, den Übergangsjahren zwischen dem Zusammenbruch des
Dritten Reiches und der westdeutschen Währungsreform: Die Lektüre der
drei Briefwechsel erlaube einen "mikroskopischen Blick" auf Fragen, mit
denen sich ein Teil der deutschen Intelligenz nach der Katastrophe in
"jener Grauzone" zwischen Kapitulation und Neubeginn beschäftigt habe.
Genauso ist es, aber bei der Schärfeneinstellung des Mikroskops – dies
sei rühmend erwähnt – helfen die beiden Herausgeber, deren
biographisch-historische Einleitungen und Anmerkungen gut die Hälfte des
Bandes füllen, kräftig mit.

Der Maler und Schriftsteller Rudolf Schlichter (1890–1955) lernte die
Brüder Jünger in den Zwanzigern in Berlin kennen. Er zählte damals, von
der Linken kommend, zum Umfeld der "Konservativen Revolution".
Schlichters wesentlich umfangreichere Korrespondenz mit Ernst Jünger
liegt, ediert von Dirk Heißerer, seit 1997 vor. Der Umfang des
Schriftwechsel mit dem Bruder nimmt sich dagegen sehr schmal aus: acht
Briefe, lediglich zwei darunter von Friedrich Georg Jünger, die
Todesanzeige des Malers und eine Danksagung der Witwe werden mitgeteilt.
Hier bewähren sich die Editoren erstmals als kundige Wegweiser in der
Ideenlandschaft. Sie dokumentieren Schlichters innige Verbundenheit mit
dem katholischen Milieu um den Hochland-Herausgeber Carl Muth, ein
Umgang, der dem in München lebenden Maler während des Krieges auch
punktuelle Berührungen mit Mitgliedern der "Weißen Rose" gestattet. Von
hier aus entwickeln Fröschle und Haase stringent, daß zwischen dem
christlich-abendländisch, auf "Rekatholisierung" setzenden Schlichter
und dem "Heiden" Friedrich Georg Jünger ein fruchtbares Gespräch sich
kaum entspinnen konnte. Die beiden gemeinsame Antiposition zur
technischen Moderne, ihre Einigkeit darin, eine numinose "Substanz"
gegen den "universalen Zugriff des funktionalen Denkens" bewahren zu
müssen, wirkte hier nicht beflügelnd. Jünger geht auf Schlichter, der
ihm fremd blieb, kaum ein. Im Tagebuch notierte Jünger anläßlich des
Todes von Rudolf Schlichter: "Sein Leben war, von innen her, nicht
leicht. Und er tat etwas dazu, um die Verwirrung zu steigern."

Ernst Niekisch (1889–1967) ist eine der legendären und zugleich
zwiespältigsten Gestalten der "Konservativen Revolution", ein
Grenzgänger zwischen Links und Rechts, der exemplarische
Nationalbolschewist. Bis zu ihrem Verbot im Jahre 1934 gab er die
Zeitschrift Widerstand heraus. Von 1937 bis 1945 durchlitt er eine Haft
im Zuchthaus und wandte sich nach dem Kriege, von der Roten Armee
befreit, nahezu erblindet, der SED zu und wurde Abgeordneter der
Volkskammer. Niekisch knüpfte damit an die Ostorientierung des
Widerstandskreises zu Weimarer Zeiten an.Der Briefwechsel Jüngers mit
Niekisch umfaßt immerhin 28 Dokumente. Ein wohl großer Teil der
Korrespondenz, die Briefe bis zu Niekischs Verhaftung, hat sich nicht
erhalten, wahrscheinlich wurden sie vernichtet, da diese – neben anderen
Schriftstücken – für "zwanzig Schreckensurteile ausreichten", wie Ernst
Jünger in einem Brief an Niekisch schrieb.

Nach dem Kriege waren sich Niekisch und Friedrich G. Jünger zunächst
einig in der Beurteilung des Vergangenen, auch darüber, daß Niekisch mit
seinen frühen Prognosen recht gehabt hatte, was für diesen "mehr ein
Anlaß des Kummers als der Genugtuung" war. Schließlich war die Lage der
besiegten und besetzten Nation desolat: "Politisch sind wir völlig
bankrott, nicht einmal ein völkerrechtliches Subjekt sind wir mehr. Die
Reichsauflösung macht unverkennbare Fortschritte; auf Deutschlands
Rücken werden die Spannungen zwischen den großen Mächten ausgetragen."
(Niekisch) Jünger, unbeirrt bekennend, sich "von diesem Volke einfach
nicht mehr trennen" zu können, antwortete: "Ich bin in bezug auf die
Zukunft insofern skeptisch, als ich gelernt habe, in der Vergangenheit
die Modelle der Zukunft zu suchen – wo anders sollten sie zu finden
sein? Ich beobachte den Fortgang der Methoden, und ich nehme wenig
Unterschiede wahr. Denn auch dort, wo sie sich verändern, bleiben sie
wirksam, sie schneiden nur von einer anderen Seite ein."

An die alten Übereinstimmungen in politicis konnten beide aber nicht
mehr anknüpfen. Vor allem weil Jünger sich noch skeptischer als in den
frühen Dreißigern Niekischs universalistischen "Planstaat"-Utopien
gegenüber zeigte: "In dem Gedanken der One World, die von einem kleinen
brain-trust gelenkt wird, liegt für mich nichts Einladendes." Jünger
glaubte an die Stärke des Einzelnen, indes Niekisch dem
Kollektivgedanken verpflichtet war: "Ich bin nicht mehr romantisch
genug, um zu glauben, im Abseitsstehen und -gehen etwas ausrichten zu
können und habe außerdem auch nicht die Neigung zur Flucht. Was über uns
verhängt ist, dem will ich mich stellen und will darin erfüllen, was
erfüllt werden muß."

Über das wechselseitige Unverständnis bricht die Korrespondenz 1948 ab.
Jünger brachte wesentliche Unterschiede ihrer Auffassungen in einem
Brief an seinen Verleger Vittorio Klostermann zum Ausdruck: Niekisch
"verschweigt vieles, so den klaren Verhalt, daß es ohne Marxismus keinen
Nationalsozialismus gibt. Daß der Nationalsozialismus großbürgerlich
ist, ein Werkzeug des Großbürgertums, davon habe ich nie etwas bemerkt.
Es sind doch die kleinen Leute, die ihn erfunden haben, und jeder weiß,
daß kleine Leute großen Sachen nicht gewachsen. Ja, die Soziologie! Wer
sich auf deren Determinanten einläßt, der sitzt schon in einer Maschine
und beginnt mechanisch zu denken."

Der Schriftsteller und promovierte Philosoph Gerhard Nebel (1903–1974)
lernte Ernst Jünger im Stabe Stülpnagels in Paris kennen. Als er seine
Meinung zu laut äußerte, wurde er als outcast of the islands (so sein
Spitzname in Paris) auf die Kanal-Insel Guernsey (straf-)versetzt. Über
diese Zeit geben seine kurz nach dem Kriege publizierten Tagebücher
Aufschluß. Nebel, ein aufbrausendes Naturell, schaffte es oftmals, sich
mit vielen Freunden zu verkrachen und – sofern diese nicht allzu
nachtragend waren – rasch wieder zu versöhnen. So war es mit Carl
Schmitt, den Brüdern Jünger, Erhart Kästner, Armin Mohler und mit vielen
anderen.

Der Briefwechsel Friedrich G. Jüngers mit Nebel ist nicht sehr
umfangreich. Hier sind es, neben der Todesanzeige Nebels, 28 Briefe, die
wiedergegeben werden. Nebel wandte sich im April 1947 an F. G. Jünger
mit der Frage, ob dieser in Wuppertal lesen wolle, um "etwas
Heidnisch-Kräftiges in diese nach christlichen Nachttöpfen und
sozialistischen Unterröcken müffelnden Atmosphäre" zu bringen. Jünger
schrieb, mit Blick auf die durch Trümmerlandschaften des "totalen
Krieges" führenden Schienenstränge und überfüllten Züge: "Ich liebe es,
als Mensch zu reisen, nicht aber als Vieh verfrachtet zu werden."

Zur geistigen Lage im Nachkriegsdeutschland schreibt Nebel nach einem
Treffen mit dem Germanisten Ernst Bertram, der in die "Aschenkiste"
geraten sei, über die Begründung des Besatzungsoffiziers: "Er sei mit
George befreundet gewesen, und George sei ja bekanntlich ein Vorläufer
des Dritten Reiches gewesen. Er habe ein Buch über Nietzsche
geschrieben, und Nietzsche sei ja bekanntlich usw. Und schließlich
vertrete er ... das Elite-Prinzip. An solchen Beispielen wird einem
wieder einmal das Maß des geistigen Terrors klar, das heute waltet, und
man kann sagen, daß wir vom Regen in die Traufe geraten sind." Jünger
antwortete: "Die Demokratie befriedigt nur noch ideologische
Bedürfnisse, denn wir leben in dem perfekt gewordenen Polizeistaat, der
bis ins Kleinste das regelt, was nicht vorhanden ist. Sein Kodex ... ist
nur von dem zu erfüllen, der sich zum Sterben legen will."

Der prinzipielle Dissens zwischen beiden resultiert aus dem Verständnis
von Antike und Christentum. Interessierte den christlich geprägten
Altphilologen Nebel die Antike eher kulturgeschichtlich, war sie Zentrum
des Jüngerschen Geschichtsdenkens. So kommt es in der Korrespondenz zur
angeregten Debatte über das Kyklische, die heidnische Wiederkehr der
Zeit, die der protestantisch-eschatologische fixierte Nebel anders als
Jünger nur als Signum "tragischer Sinnlogkeit des Seins" begreifen
wollte.

Kürzlich war in dieser Zeitung (JF 13/01) zu vermelden, daß man
Friedrich Georg Jünger wissenschaftlich endlich zu entdecken beginne.
Ulrich Fröschle ist seit einigen Jahren als Friedrich Georg
Jünger-Kenner bekannt. Fröschle und Haase springen also mit ihrer
Edition nicht auf einen möglicherweise nun anrollenden Zug auf; nein,
Fröschle hat diesen Zug auf die Gleise gestellt, mit seiner
Bibliographie den Fahrplan erstellt und die Wegweiser auf der
jüngerianischen Landkarte eingezeichnet. Und die in Arbeit befindliche
Friedrich Georg Jünger-Biographie von Fröschle kann mit Spannung
erwartet werden.

Ulrich Fröschle/ Volker Haase (Hg.): "Inmitten dieser Welt der
Zerstörung". Briefwechsel Friedrich Georg Jüngers mit Rudolf Schlichter,
Ernst Niekisch und Gerhard Nebel. Klett-Cotta, Stuttgart 2001, 229
Seiten, 39,50 Mark

(Rezension erscheint am 27. April 2001 in der Berliner Wochenzeitung
Junge Freiheit)



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