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mailing list archive - Bericht über dasJünger-Symposion in Heiligkreuztal

Tobias Wimbauer: Ein halber Olymp
Im oberschwäbischen Heiligkreuztal fand das dritte Jünger-Symposion
statt

Der Freundeskreis der Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger
veranstaltete am vorvergangenen Wochenende im oberschwäbischen
Heiligkreuztal, unweit von Ernst Jüngers Wohnort Wilflingen, das dritte
Jünger-Symposion. Es stand unter dem Motto "Verwandtschaften", zu
verstehen als Ausdruck geistiger Nähe.

Das Symposion wurde eröffnet mit der Vorstellung des gelungenen und
empfehlenswerten Bildbandes "Ernst Jünger in Wilflingen" von Barbara
Figal, der nach dem Tode Ernst Jüngers aufgenommene Fotos enthält,
welche die "Stimmung", die "Atmosphäre" des Hauses dokumentieren.

Den Auftakt zu den Vorträgen bildeten die Ausführungen Luca Crescenzis
(Pisa) zu Verwandtschaften im allgemeinen und bei Jünger im besonderen.
Der sich anschließende Beitrag über Jünger und Friedrich Hielscher
konnte die Erwartungen nicht erfüllen. Nach der Einleitung Stefan
Breuers lieferte seine Assistentin, die Diplom-Soziologin Ina Schmidt,
ein schülerhaftes Referat, das nur Kopfschütteln hervorrief: Ohne
erkennbare Struktur oder Ordnung der Gedanken, schnodderig im Tonfall
und überheblich. Zudem war ihr Vortrag, in dem wesentliches ausgespart
blieb, durchsetzt von Fehlern und Unverschämtheiten (Ernst Jünger als
Antisemit beispielsweise). Spekulationen über den "frauenfeindlichen",
da männerbündischen Charakter des Hielscher-Kreises fehlten ebensowenig
wie die ex-post-Mutation Jüngers zum Hielscher-Jünger. In Gegenwart des
Ehepaars Mohler versuchte Ina Schmidt krampfhaft, den Begriff
"Konservative Revolution" zu vermeiden. Frau Schmidt hatte keinen guten
Tag; es blieb jedoch bei diesem einen Fehltritt.

Michael Großheim (Hamburg) war für den erkrankten Paul Noack, der über
Jünger und Schmitt vortragen wollte, eingesprungen und sprach über die
"Kultur als Last", den geistesverwandten Weg von Nietzsche über Simmel
zu Walter Benjamin und Jünger. Großheim überzeugte mit seiner
Darstellung. Die museal-bürgerliche Welt in der ersten Jahrhunderthälfte
lebte aus dem Zusammenspiel von Bewahren und Erneuern: "Halb ist die
Welt im Aufbau begriffen, halb im Verfall", wie Jünger in einem
unveröffentlichten Brief an Alfred Kubin schrieb. Dagegen stand die
Werkstattlandschaft des Arbeiters, die durch eine "Schrumpfung"
(Curtius) gekennzeichnet ist, die Jüngersche "Gepäckerleichterung", die
zugleich eine Minderung darstellt. Dem Eigentlichen aber wohne der Wille
zur Dauer inne, es könne nicht zerstört werden. So wandelte sich,
"inmitten dieser Welt der Zerstörung" (Friedrich Georg Jünger), Ernst
Jüngers Bewertung des musealen Betriebes: das Bewahren wurde notwendig.

Bernhard Gajek führte die Hörer vorzüglich und fesselnd in die Welt des
Philosophen Johann Georg Hamann, eines der geistigen Väter Jüngers, "als
Magier". Hamanns Umschreibung der so-verstandenen Welt prägte Jüngers
Denken: die Wechselwirkung von Urbild und Abbild, der unterirdische
Zusammenhang und die Unmittelbarkeit des Einzelnen als unverwechselbares
Geschöpf, dessen Verbindung die Sprache ist, ein Geschenk Gottes.

Der vormalige Landrat Wilfried Steuer erzählte erfrischend lebhaft von
seinen Begegnungen mit Jünger. Ein geist- und pointenreicher Beitrag,
bei dem viel gelacht wurde. Der Beifall war rekordverdächtig und für
Steuer, dessen Freundschaft mit Jünger spürbar herzlich war, gab’s ein
Küßchen von Liselotte Jünger. Eine exzellente Rezitation, begleitet von
befremdenden Percussionklängen, beschloß den Abend.

Am Palmsonntag (katholisch) sprach Pfarrer Martin Haas (evangelisch)
über "Jünger und die Theologie". Haas ist ein Schriftgelehrter in
doppelter Weise; die Bibel hat er gelesen, Jünger auch, Wesentliches
blieb jedoch unerwähnt: Jüngers Glaubensweg, Abkehr, Hader und Hoffnung
bis hin zur Konversion 1996. Oder Jüngers Ausführungen zur Heilslehre:
"Das Wesen der Seligkeit besteht nach der christlichen Glaubenslehre in
der unmittelbaren und ewigen Anschauung Gottes; dem läßt sich zustimmen,
nicht aber der Einschränkung, daß es Grade der Seligkeit gebe, die von
den auf Erden erworbenen Verdiensten abhängen. Auf Zensuren post festum
sollte man sich nicht einlassen. Der Kursus hat genügt, über die
Absolution läßt sich reden – das bleibt entre nous."
So war der Vortrag eine blutarme Pastoralpredigt. Knochen und Sehnen,
kein Fleisch; eine Ansammlung von Brosamen.

Ein unschätzbarer Gewinn war dagegen der abschließende Beitrag von
Julien Hervier, Professor an der Universität Poitiers, über Vaterschaft
und Adoption bei Jünger. Ernst Jüngers Werk durchziehe die Ersetzung des
"legalen" Vaters in einer Parallelwelt der Vorstellung. Jüngers
erzählerisches Werk ist eine Infragestellung der Familie; Liebe, Ehe,
Trennung werden Muster der aufgelösten, bürgerlichen Welt des
Geschlechts. Die Rolle der Frau ist die der Mutter schlechthin, als
haltgebende Fürsorgerin. Die apollinische Welt des Vaters der
dionysischen der Mutter entgegengesetzt, wird die zerronnene Bindung
letztlich zum Zusammenspiel; es bleibt das Mißtrauen gegen die physische
Verwandtschaft (man denke etwa an die imaginierte Herkunft der
Prinzessin Tarakanowa, JF 13/01). Herviers Vortrag bot Überraschendes
und Neues, er war schlüssig und überzeugend durchdacht und in glänzendem
Deutsch vorgetragen.

Daß Leben und Werk des Dichterbruders Friedrich Georg Jünger, des
"geistigen Zwillingsbruders", abgesehen von Teilen der Rezitation,
dieses Mal keine Rolle spielte, ist angesichts des ausdrücklichen Themas
"Verwandtschaften" um so bedauerlicher. Ernst Jünger antwortete einem
Kritiker einmal auf den Vorwurf, er bilde einen "unvollständigen Olymp":
"Ja, aber zusammen mit dem meines Bruders ist er vollständig." In diesem
Sinne war bei diesem Symposion ein halber Olymp zu bestaunen.

Für Leser, Freunde und Liebhaber der Werke der Brüder Jünger ist das
alljährliche Heiligkreuztaler Symposion zu einer festen Institution
geworden. Es sind die hochkarätigen Vorträge, die anlocken, und
natürlich die vielen fruchtbaren Gespräche unter Gleichgesinnten,
"Verwandten".

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Junge Freiheit, Berlin, 16. Jg., Nr. 17 vom 27. April 2001



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