Greetings, Since I've been back, I've been waiting to see if anyone picked up where I left off, before Istanbul. Nobody did so here is the next post in the series I've begun. (I see Bertil continued.) E.J. _Die Schere_ 9 Die Kunst hat Horizonte, doch keinen Horizont. Sie gleicht darin dem Universum, ist universal. Die Betrachtung kann zur Andacht führen, zur Fernsicht auf Gebirge; die Formen schmelzen ein. Kaum läßt sich noch sondern, was Himmel und Wolke, was Fels und Gletscher ist. Die Sonne macht Feierabend; sie schenkt uns ein Nachglühen. Das Museum wird geschlossen; das Konzert ist aus. Ein Pergament wurde beschrieben, eine Leinwand bemalt. Die Zeit wird Lettern und Bilder löschen, dennoch ist etwas Unauslöschliches geschehen. Der Einzelne kann vergessen, daß ihn ein großes Gedicht oder die Mona Lisa begeisterte. Verändert hat es ihn trotzdem, auch wenn die Geisteskräfte abnehmen oder wenn schon die Mutter es dem Ungeborenen im Blutstrom übertrug. Vielleicht vergaß er sogar den eigenen Namen—das Altern ist nicht nur ein Ab-, es ist auch ein Aufräumen. 10 Zwischen dem Horizont des Meisters und dem des Kritikers bestehen Entsprechungen. Die höchste ist Kongenialität. Eine schwache Kritik wird selbst dort nicht genügen, wo sie verehrt. Lob kann auch schädigen. Das beste Urteil fällt die Zeit, indem sie die Sterne ihrem Range nach verblassen läßt. Sie treten in die Herrlichkeit zurück. Die Zahl der dunklen Sterne ist unendlich größer als die jener, die verehrt werden. Die Alten hielten die Fixsterne für Nadelstiche im Firmament, das uns von einer blendenden Lichtflut abschirmt—so betrachtet, ist jeder genial. 11 Die Welle teilt Kraft mit, die sie empfangen hat, als ein Sturm oder ein Beben sie aufwarf oder als ein Schiff zum Hafen fuhr. Sie leitet die Bewegung, ohne daß das Wasser sich vom Ort bewegt. Ein Seil behält die gleiche Länge, nachdem ein Schwung hindurchgeglitten ist. Es diente als Medium, ähnlich wie der Kupferdraht, der Impulse über Länder und Meere trägt. Die Kraft gewinnt erst Qualität, wo sie auf einen Empfänger trifft. Die Welle wird Brandung erst am Riff. Der Steuermann hört sie vor dem Schiffbruch in der Nacht. »Qualitätlos« meint einen Zustand, in dem Eigenschaften noch nicht entwickelt worden sind. Die Kraft, wie immer man sie nennen mag, behielt ihre Reserven für sich. Schon die Benennung ist eine Minderung. Das Schweigen ist tiefer als das Wort. 12 Die Kardinalfragen, wie etwa jene nach der Willensfreiheit, zeichnen sich dadurch aus, daß sie nie gelöst werden. Sie werden immer wieder aufgegriffen—mit Pausen, während deren der Zeitgeist sich anderen Problemen zuwendet. Erwogen wird auch immer wieder, ob der Weg wichtiger ist als das Ziel. Gegenwärtig beginnt eine Wendung sich abzuzeichnen, die es bejaht. Einer der Hinweise darauf ist die Tatsache, daß der Fortschritt, also die intelligente Bezwingung des Weges, an Zustimmung verliert. Die »Umwelt« wird wichtiger. Offenbar hat der Fortschritt den Punkt erreicht, an dem der Schuh zu drücken beginnt. Zugleich wird der Weg abschüssig. Dabei stellt sich dies Wort ein, das schwer zu bestimmen ist und als ein Erisapfel neue Konflikte bringt. Die Umwelt ist kein Weg, doch birgt sie viele Wege, die schon begangen, und mehr noch solche, die möglich sind. Ein vieldeutiges Wort, ein Übergangszeichen ——— »ein Ruf von Jägern, im Dickicht des Waldes verirrt« (Baudelaire). Hope you like it... I'll go back to posting once a week. All the best. Abdalbarr
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