ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - Die Schere IV

Greetings,
Since I've been back, I've been waiting to see if anyone picked up where
I left off, before Istanbul. Nobody did so here is the next post in the
series I've begun. (I see Bertil continued.)

E.J. _Die Schere_

9

Die Kunst hat Horizonte, doch keinen Horizont. Sie gleicht darin dem
Universum, ist universal. Die Betrachtung kann zur Andacht führen, zur
Fernsicht auf Gebirge; die Formen schmelzen ein. Kaum läßt sich noch
sondern, was Himmel und Wolke, was Fels und Gletscher ist. Die
Sonne macht Feierabend; sie schenkt uns ein Nachglühen. Das Museum wird
geschlossen; das Konzert ist aus.
Ein Pergament wurde beschrieben, eine Leinwand bemalt. Die Zeit wird
Lettern und Bilder löschen, dennoch ist etwas Unauslöschliches
geschehen. Der Einzelne kann vergessen, daß ihn ein großes Gedicht oder
die Mona Lisa begeisterte. Verändert hat es ihn trotzdem, auch wenn die
Geisteskräfte abnehmen oder wenn schon die Mutter es dem Ungeborenen im
Blutstrom übertrug.
Vielleicht vergaß er sogar den eigenen Namen—das Altern ist nicht nur
ein Ab-, es ist auch ein Aufräumen.

10

Zwischen dem Horizont des Meisters und dem des Kritikers bestehen
Entsprechungen. Die höchste ist Kongenialität. Eine schwache Kritik wird
selbst dort nicht genügen, wo sie verehrt. Lob kann auch schädigen. Das
beste Urteil fällt die Zeit, indem sie die Sterne ihrem Range nach
verblassen läßt. Sie treten in die Herrlichkeit zurück.
Die Zahl der dunklen Sterne ist unendlich größer als die jener, die
verehrt werden. Die Alten hielten die Fixsterne für Nadelstiche im
Firmament, das uns von einer blendenden Lichtflut abschirmt—so
betrachtet, ist jeder genial.

11

Die Welle teilt Kraft mit, die sie empfangen hat, als ein Sturm oder ein
Beben sie aufwarf oder als ein Schiff zum Hafen fuhr. Sie leitet die
Bewegung, ohne daß das Wasser sich vom Ort bewegt. Ein Seil behält die
gleiche Länge, nachdem ein Schwung hindurchgeglitten ist. Es diente als
Medium, ähnlich wie der Kupferdraht, der Impulse über Länder und Meere
trägt.

Die Kraft gewinnt erst Qualität, wo sie auf einen Empfänger trifft. Die
Welle wird Brandung erst am Riff. Der Steuermann hört sie vor dem
Schiffbruch in der Nacht.
»Qualitätlos« meint einen Zustand, in dem Eigenschaften noch nicht
entwickelt worden sind. Die Kraft, wie immer man sie nennen mag, behielt
ihre Reserven für sich. Schon die Benennung ist eine Minderung. Das
Schweigen ist tiefer als das Wort.

12

Die Kardinalfragen, wie etwa jene nach der Willensfreiheit, zeichnen
sich dadurch aus, daß sie nie gelöst werden. Sie werden immer wieder
aufgegriffen—mit Pausen, während deren der Zeitgeist sich anderen
Problemen zuwendet.
Erwogen wird auch immer wieder, ob der Weg wichtiger ist als das Ziel.
Gegenwärtig beginnt eine Wendung sich abzuzeichnen, die es bejaht. Einer
der Hinweise darauf ist die Tatsache, daß der Fortschritt, also die
intelligente Bezwingung des Weges, an Zustimmung verliert. Die »Umwelt«
wird wichtiger.
Offenbar hat der Fortschritt den Punkt erreicht, an dem der Schuh zu
drücken beginnt. Zugleich wird der Weg abschüssig. Dabei stellt sich
dies Wort ein, das schwer zu bestimmen ist und als ein Erisapfel neue
Konflikte bringt. Die Umwelt ist kein Weg, doch birgt sie viele Wege,
die schon begangen, und mehr noch solche, die möglich sind.
Ein vieldeutiges Wort, ein Übergangszeichen ——— »ein Ruf von Jägern, im
Dickicht des Waldes verirrt« (Baudelaire).

Hope you like it... I'll go back to posting once a week.
All the best.
Abdalbarr




Follow Ups to this Message

Markup © John King, 2012. Web archive generated Thu, 20th May 2010.