ernst jünger in cyberspace

mailing list archive - Die Schere V

Ernst Juenger, Die Schere p.14 to the top of p.15.

13
Wenn ein Wort beunruhigt, ist es eher ein Signal als ein Wegweiser. Ein
Signal breitet sich kreisförmig aus wie der Ring um einen ins Wasser
geworfenen Stein. Wo es Gefahr ankündet, etwa am Kreuzweg als rote Ampel
oder als leichtes Unbehagen in den Organen, wird alles möglich, steht
viel zu erwarten und zu befürchten, letzthin der Tod.
Jedem Wandel gehen Signale voran. Vor dem Sturz der Lawine haben sich
Steine gelöst. Der Wetterfühlige hat das nahende Unheil empfunden, bevor
etwas zu sehen oder zu hören war. Vielleicht war die Klarsicht ein wenig
schärfer und der Ton trug weiter als sonst. Aber das waren nur Beiträge
zur klimatischen Einstimmung oder Folgen von ihr.
Die Voraussage ist noch keine Prophezeiung, da sie sich durch Messung
bestätigen oder widerlegen läßt. Sie bewegt sich innerhalb des Kalenders
und der meßbaren Zeit, während der Prophet sich nicht nach Daten
richtet, sondern Daten setzt. Das geschieht ohne oder gegen seinen
Willen—es geschieht.

14

Jede historische Wandlung wird musikalisch nicht nur instrumentiert,
sondern auch im Kern erfaßt—im Augenblick der Empfängnis, längst vor den
Geburtswehen. Wo die Musik auf den Willen einwirkt, hat sie schon einen
langen Weg zurückgelegt. Dem müssen Signale vorausgegangen sein, die
sich der Metrik entziehen, als prophetischer Teil sogar dem Gehör. Die
Musik als >>reine, vom Dinglichen befreite Bewegung<< hat als solche
kein Ziel.

15

Wir begegnen uns an den Kreuzwegen. Wir trafen uns dort schon oft. Dort
wird jeder Punkt bedeutend—ob er bemerkt wird oder nicht. Gemeinsame
Erinnerungen reichen bis in die unbelebte Welt zurück—ja über sie
hinaus.
Der Schmerz ist ihre Schwelle, der Augenblick des Glükkes ihre Vorstufe.
Sollte es dort einen Text geben, so lasen wir bislang nur die
Löschblätter.


–––––––––––––––––––

Note how Juenger defines the Prophetic and the diagnostic in 13. He
places a great degree of authority in the permission given a prophet by
God. It is becoming more clear how Juenger views the world and it is
certainly not a materialistic world, but the world in an actively
connected with the Divine. As Juenger says in the beginning of
Prognosen: “Einer der (jetzt oder schon wieder) von Gottern redet, macht
sich damit nicht mehr so ganz indiskutabel wie waehrend der ersten
Haelfted unseres Jahrhunderts oder bei den Eliten schon seit Voltaire.”

Juenger has placed himself in this position and he is certainly the
least of the “indiskutabel” elements of this century. (It is easy to see
why men of such little imagination like Satre, Haacke and the others
find Juenger so detestable.)

Greetings,
Abdalbarr




Markup © John King, 2008. Web archive generated Tue, 21st August 2007.