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mailing list archive - "Drei Liter!" - Excerpts from Juenger's diaries 1995

-- [ From: Richard Brem * EMC.Ver #2.5.02 ] --

These are excerpts from Juenger's as yet unpublished diaries "Siebzig
verweht Vol. 5". The "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) has published
excerpts from these forthcoming diaries last Saturday
(9th August) in its supplement "Bilder und Zeiten" (p. 2). "Siebzig verweht
Vol. 5" will be published by Klett-Cotta in September.

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Wilflingen, 3. September 1995

Wiedergelesen und beendet: "Les Miserables" von Victor Hugo, erster Band.
Das Werk ist einer unserer grossen europaeischen Romane, die uns seit Dante
geschenkt worden sind - ein Brocken Granit, mit Maximen gespickt wie mit
Splittern von Bleikristall.
Merkwuerdig sind die Einschuebe. Wenn eine seiner Personen 
durch das Gelaende von Waterloo wandert, schildert Hugo ausfuehrlich den
Verlauf der Schlacht. Er ist in einem Masse Historiker, dass er sich als
Romancier nicht zu zuegeln vermag. Mich stoert das nicht; ich lese diese
Passagen wie ein Mitkaempfer, bin mit Hugo dabei.
Gut und Boese sind wie bei Dante konfrontiert und vereint: Der Bischof
Bienvenu verstauchte sich, weil er eine Ameise nicht zertreten wollte, eines
Tages den Fuss. Seine Schwester hoerte, 
wie er beim Anblick einer graesslichen Spinne sagte: "Armes Tier! Es ist
nicht seine Schuld."
Askese ist um so verdienstlicher bei dem, der die Wollust kennt, 
und sei es, dass er sie nur ein Mal erfahren hat.
"Die Geschichte vernachlaessigt fast stets die einzelnen Umstaende. Sie kann
nicht anders, denn sonst wuerde sie ins Unendliche ausufern. Dennoch sind
diese Einzelheiten nuetzlich, und sie werden zu Unrecht unwichtig genannt.
Es gibt fuer die Menschheit keine unwichtigen Vorfaelle, wie es in der
Pflanzenwelt keine unwichtigen Blaetter gibt." 
Sie eben bilden den Humus der Geschichte - in Tagebuechern, Briefwechseln,
Gespraechen, die wie das ueber die Urpflanzen notiert werden. Wir werden von
der Geschichte mit den Fingerspitzen beruehrt.


Wilflingen, 24. September 1995

Ende der Sommerzeit. Unruhige Nacht. Anfaenge von Gedichten wiederholten
sich wie von einer Schallplatte, die stereophon gewor- den ist. So Schwabs
"Urahn, Grossmutter, Mutter und Kind ..."
Beim Fruehstuck Gespraech ueber "kraeuseln", das sowohl transitiv wie
intransitiv verwandt werden kann.
Im Garten. Schoen ist es, wenn man in einer Blume fortlebt, wie Linnes
Schueler Dahl in der Dahlie. Dieser exotische Gast hat gleich zwei Taufpaten
gehabt; er ist als Georgine auch nach dem Petersburger Professor Georgi
benannt. Aehnlich wie der Tulpe die schwarze, fehlt der Dahlie eine reine
blaue Variante, obwohl laut 
Hegi in England dem gluecklichen Zuechter ein Preis von mehreren hundert
Pfund Sterling gewinkt haben soll. Sich an Blumen zu ruinieren ist die
nobelste Art des Ruins. Wenn auch der Taubenschwanz, der Kolibri unserer
Gaerten, immer seltener wird, erfreute er mich doch soeben, als ein Paerchen
sich ueber dem Loewenmaul tummelte. 
                                              *
Lakonische Begruessung:
"Wie geht's?"
"Muss!"
                                              *
Wenn ich als Anarch auf mein Verhalten im Dritten Reich zurueckblicke,
faellt mir ein, dass ich nie mit "Heil Hitler" gegruesst habe.
Das war ein Fehler, der mir nur Scherereien einbrachte. Einmal, 
als wir im Harz die Waldluft genossen, kam ein Wanderer vorbei, dessen
kraeftigen Heilgruss ich mit einem freundlichen "Guten Morgen" erwiderte.
Vor dem Bahnhof sahen wir uns wieder - er deutete mit dem Finger auf mich
und rief: "Habt Ihr schon mal 
einen gesehen, der dem Fuehrer die Ehre verweigert hat?"
Ein anderes Mal kam in Kirchhorst der Gendarm ins Haus und beschwerte sich
darueber, dass Ernstel [Juenger's son, RB] ihn
unvorschriftsmaessig gegruesst habe. Die Leipziger Arbeiter waren
klueger - sie sprachen sowieso undeutlich und antworteten mit 
einem "Drei Liter", dass die Wand wackelte. Heut gilt es fuer loeblich,
gegen den Strom zu schwimmen, aber das sind nur Pissrinnen.


Wilflingen, 9. Oktober 1995

Monika [Miller, RB] legt gern naechtliche Lesefruechte, die ihr gefallen
haben, auf den Fruehstueckstisch. So heute: "Als sich der alternde Andrew
Carnegie aus dem Geschaeftsleben zurueckzog, wurde er gefragt, was er nun
tun wuerde: 'Ich fruehstuecke im Bett', erklaerte er, 'dann lese ich die
Todesanzeigen in der 'New York Times', und wenn ich dort nicht erwaehnt
werde, dann stehe ich auf." Schon halb transzendent.

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Note: the FAZ published 3 more entries from Juenger's diaries (1st, 2nd and
30th September), but I simply lack the time to type them all in. However,
the excerpts above should give you a good impression of what to expect from
EJ's new diaries. 


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