Da ich in meinen Notizen zur Festschrift etwas 'rumgeguckt habe, dachte ich, ich könnte meine abgeschriebene Version von EJs Beitrag zur selben von Word in Eudora hereinkopieren. Hier bemüht er sich, einen etwas anderen, "humorvollen" Eindruck vom Ersten Weltkrieg zu geben. Auch von Interesse ist die Tatsache, daß die Fotos von der Erstausgabe der "Stahlgewitter", ausgemerzt seit 1922, hier wieder auftauchen. Sie werden übrigens auch von den Verfassern von Regimentsgeschichten gern verwendet, wo die Fotos eine allgemeinere Darstellungsrolle als bei J selbst spielen. JK ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Then, pp. 78 - 81. “Erinnerungen an die ersten Monate des Jahres 1917” von Leutn. a. D. Ernst Jünger, ehem. Komp.-Führe im Füs.-Regt. 73 Das Ende des Jahres 1916 erlebte das Regiment in seinem Ruhequartier Fresnoy-Le-Grand. Diese Erholung war für die Truppe, die erst spät, dafür aber um so heftiger in der Sommeschlacht zum Einsatz gekommen war, unbedingt notwendig. Die schweren englischen Angriffe bei Combles und Guillemont, dem Zentrum der Sommeschlacht, hatten Verluste gekostet, wie sie in solchem Ausmaße bisher unvorstellbar gewesen waren; hier erlebte das Regiment zum ersten Male, daß ein ganzes Bataillon spurlos unter den Feuervorhängen der Materialschlacht verschwand. Ein kurzer Aufenthalt in ruhigen stellungen Lothringens hatter vor dem Sturm auf den St. Pierre-Vaast-Wald zum Atemholen gedient, und auf diesen Sturm, der dem Regiment an der Westfront einen großen Namen gemacht hatte, waren Stellungskämpfe auf dem sich wie in jedem Winter in eine schlammige Wüste verwandelnden Boden Nordfrankreichs gefolgt. Daher wurde die Ruhezeit in Fresnoy, die erste längere Pause, die [79] dem Regiment zuteil wurde, mit doppeltem Genusse wahrgenommen. Weihnachten und Neujahr wurden hier gefeiert, und der Becher wurde nach Gebühr in Bewegung gesetzt. Im Januar 1917 wurde ich zu einem Ausbildungskursus nach dem Übungsplatz Sissonne abkommandiert und kam erst Anfang März zum Regiment zurück, das bei Villers-Carbonell in Stellung lag. Dort erwarteten wir für das Frühjahr den Wiederbeginn der Sommeschlacht, von der man als von der sagenhaften “Übermaterialschlacht” allerlei Gruseliges munkelte. Ich übernahm hier für kurze Zeit die Führung der 8. Kompanie, die in Devise ihren Ruheort hatte. Zur Ablösung überschritten wir jedesmal die Somme, deren Ufer von ausgebrannten Ruinen und wüsten Trichterfeldern gesäumt waren. Vorn war das Stollensystem gut ausgebaut; auch die furchtbaren Schlammassen des Winters wurden in diesen Tagen der zunehmenden Trockenheit durch intensive Arbeit bewältigt. Kompanieoffiziere waren Hambrock und Eisen, die beide kurz darauf fallen sollten, und mit denen ich während der Abenddämmerungen in meinem Unterstande manche gemütliche Plauderstunde verbrachte. Hambrock war ein winziges Männchen mit außerordentlich vielen Sommersprossen im Gesicht; er hatte deshalb von uns den schönen Beinamen “Marquis Gorgonzola” bekommen. Ich kannte ihn schon vom Winter 1914 her, wo er mir im Offizeraspirantenkursus des X. Korps während einer Bierfeier aufgefallen war. Er hatte damals über “Die Entdeckung der Venus” eine große Bierrede gehalten, denn er hatte in Heidelberg Astronomie studiert, was vortrefflich mit seiner etwas phantastischen Erscheinung im Einklang stand. In Fresnoy hatte er erst kürzlich Heiterkeit dadurch erregt, daß er eines Nachts aus besonderen Gründen vergessen hatte, seine Lampe auszulöschen, so daß er, in letzter Minute aufgestanden, beim Kirchgang mit einem Geischt erschien, das außer den Sommersporssen noch durch unzählige Rußflecken gesprenkelt war. Als Offizier war er sehr tüchtig; er geisterte des Nachts wie ein Gnom im Graben umher und hatte die Gewohnheit, allein auf Patrouille zu gehen. Ich bekam Respekt vor ihm, als ich einmal bei einem nächtlichen Feuerüberfall die Kaltblütigkeit sah, mit der er seinen Zug alarmierte. Ich stand in einer Grabennische, ohne von ihm gesehen zu werden, und es hatte etwas Seltsames, diese kleine Gestalt zu beobachten, die ganz einsam durch den Graben sprang, um in den Stollenhalsen zu verschwinden und wieder aufzutauchen. Eisen war auch klein, aber rundlich und von phlegmatischem Temperament. Er erschien meist sehr merkwürdig angezogen im Graben - so trug er an Stelle des Sturmriemens einen Strick, den er durch die Luftlöcher des Stahlhelms zog. Auch band er sich gern große bunte Taschentücher über die Ohren, um Erkältungen zu vermeiden; denn er war sehr frostempfindlich, da er seine Kindheit in Lissabon verlebt hatte. Man sah ihn nie anders als mit einem ganzen Arsenal von Waffen behängt. Selbst in den Hosentaschen hatte er immer Handgranaten stecken, was ihm freilich einmal fast sehr schlecht bekommen wäre. Als er nämlich im Begriff war, einen Schlüssel [on p. 79. there is a small picture “Fernsprengung beim Rückzug auf die Siegfried-Stellung”. P. 80 - taken up with a picture “Somme-Rückzug” of explosions in a village. From St1. On p. 81. there is a further picture “Somme-Niederung am Hanseatendamm (Ablincourt, Frühjahr 1917)” also from St1.] aus der Tasche zu ziehen, verhakte sich der Bart in die Schlaufe einer Eierhandgranate, und plötzlich gabe es einen kleinen Knall, der die erfolgte Zündung anzeigt, und der jedem alten Frontsoldaten wohl im Gedächtnis ist. Eisen will die Handgranate herausziehen, um sie fortzuwerfen, findet sich jedoch in der Hast nicht in seiner Tasche zurecht und verwickelt sich immer mehr, bis endlich die verhängnisvollen drei Minute verflossen sind. Von Angstschweiß überströmt, erwartet er, in die Luft zu fliegen, jedoch ein unglaubliches Glück bringt es mit sich, daß dieses Geschoß ein Blindgänger ist. An Mut gab er Hambrock nichts nach, so zerstreute er in diesen Tagen durch sein persönliches Eingreifen eine feindliche Patrouille, die sich vor unseren Draht geschlichen hatte und verwundete den Führer, einen englischen Offizier. Aus dieser Stellung traten wir Mitte März den bekannten Somme-Rückzug an. Der Rückzug des Regiments wurde gedeckt durch vier Offizierpatrouillen, geführt durch die Leutnante Fischer, Reinhard, Lorek und mich. Auch uns gelang es, uns noch ohne Verluste hinter die Somme zurückzuziehen, obwohl uns der vorfühlende Gegner schon zum Teil in Handgranatenkämpfe verwickelt hatte. Durch Höllenmaschinen aller Art hatten wir zuvor die Stollen ungemütlich gemacht. So hatten Leutnant Gornick an eine große Korbflasche eien verborgenen Draht befestigt, der sie mit Geschick unter Sandsackstoff verborgenen Handgranaten verband. Am 17. März trafen wir nach einem Marsch durch das völlig zerstörte und unwirtliche Rückzugsgelände in Lehaucourt am Kanal St. Quentin ein, wo das I. Bataillon, dem ich nun wieder angehörte, da ich zur 2. Kompanie zurückgetreten war, in Ruhe lag.
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